Interdisziplinäres Graduiertenkolleg Gender und Bildung

Konzept

„Bildung (re)produziert Gender – Gender (re)produziert Bildung“

 

Für gesellschaftliche Ordnungen stellt die Kategorie Gender eine bedeutsame  Kategorie dar. Dabei sind Geschlechterordnungen zumeist bipolar strukturiert und Gender fungiert in diesem Rahmen als relationale Kategorie. Genderzuschreibungen und -vorstellungen sind macht- und wirkungsvoll und durchziehen nicht nur gesellschaftliche Strukturen, Machtpositionen und Kulturen, sondern haben auch spezifische Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Menschen und auf ihre alltäglichen Interaktionen, Kommunikationsprozesse und auf deren Inszenierungen in den Künsten.

Bildung, Bildungsinstitutionen und Bildungsabschlüssen kommt eine wichtige Rolle für gesellschaftliche Teilhabe, für Prozesse von In- und Exklusionen zu. Die Geschlechtergruppen sind ungleich in die sozialen Prozesse der Bildung integriert, und das Bildungswesen sowie die kulturellen Praktiken selbst schreiben gesellschaftlich bestehende Ungleichheiten fort. Hierbei sind zum einen die verschiedenen Stufen des Bildungswesens in den Blick zu nehmen, zum anderen ist - im Anschluss an neuere Erkenntnisse - zwischen verschiedenen Ebenen von Bildungsorganisationen zu unterscheiden, etwa der Ebene der Struktur, der Ebene der Kultur, der der Interaktion und der Kognition. Darüber hinaus werden Bestrebungen zur Herstellung und Durchsetzung von Chancengleichheit selbst wiederum durch geschlechtsspezifische Vorstellungen beeinflusst, insbesondere auch Ansätze zur Eliteförderung und Exzellenzbildung. Zwar zeichnen sich moderne Gesellschaften zunehmend durch eine Gleichheitsrhetorik in Genderfragen aus, aber verborgene Geschlechterungleichheiten wirken vielfach unter der Oberfläche weiter. Auch informelle Formen von Bildung sind gekennzeichnet von geschlechtsspezifischen Vorstellungen und schreiben so die Ordnung der Geschlechter fort.

In den verschiedenen Bildungsinstitutionen sind viele Bildungsbereiche, Fächer oder Disziplinen nach wie vor geschlechtlich konnotiert. Auf allen Ebenen des Bildungssystems werden geschlechtlich orientierte Rollenzuschreibungen vorgenommen. So ist es beispielsweise lohnenswert, die Konstruktion von Geschlechterrollen im Schulunterricht im Vergleich zu außerschulischen Lernorten zu untersuchen. Doch auch an der Universität setzt sich die Vorstellung von geschlechtlich konnotierten Fächern oder Studiengängen fort. Die Herstellung und Vorstellung von Geschlecht schreibt sich in das Sprechen über Bildung ein und wird in kommunikative Handlungsmuster der Lehrenden und Lernenden überführt, die rollenspezifische Ausrichtungen konstruieren und instruieren. Wichtige Fragen danach, wie Bildung und Gender überhaupt kommuniziert werden, müssen noch gestellt werden.

Dementsprechend ist die Frage nach den Zusammenhängen zwischen der Produktion und Reproduktion von Geschlecht durch Bildung und der Produktion und Reproduktion von Bildung durch Geschlecht zentral für dieses Graduiertenkolleg.

Gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten durch Bildung stehen jedoch zugleich in engem Wechselverhältnis zu den gesellschaftlichen Säulen von Arbeit und Familie und deren Organisation. So werden etwa im Bereich der Bildung beide Geschlechtergruppen weiterhin mit schwer zu überwindenden, häufig mit „Traditionen“ begründeten Ideen konfrontiert. Vorstellungen hinsichtlich der Konstruktion und Bedeutung von Familie spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Verteilung der Arbeit im privaten oder öffentlichen Raum. Die Formen der Organisation von Bildung, insbesondere in einflussreichen Institutionen, wirken sich auf die Konstruktion von Geschlechteridentitäten aus.

Während familiale Reproduktions- und Bildungsarbeit weiterhin eher weiblich konnotiert ist, werden Vorstellungen der Intensivierung von Arbeit immer noch eher mit Männlichkeitskonstruktionen in Zusammenhang gebracht, auch wenn solche Zuschreibungen zunehmend in Bewegung geraten. Sichtbar gemachte Arbeit unterscheidet sich von unsichtbar bleibender Arbeit hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Würdigung in Bezug auf Aufmerksamkeit und Entlohnung. Im Bereich der Kulturproduktion im Allgemeinen und der Literaturproduktion im Besonderen spielt Bildungsmobilität ebenso eine Rolle wie die herrschenden Bilder von Autorschaft oder die Vorstellungen von Ästhetik. Ungleichheiten im Zugang zu und in der Ausübung von Kultur- und Literaturproduktion sollten ebenso verstärkt untersucht werden wie die ästhetischen Konstruktionen von Geschlecht und Geschlechterrollen oder die Darstellung von Ungleichheiten, ihrer Reproduktion oder die Wendung gegen tradierte gesellschaftliche Strukturen und Rollen und die Überschreitung der Geschlechtergrenzen.

Dabei sind die genannten Genderkonstruktionen durch die Dimensionen Raum und Zeit gerahmt. Im Bereich ästhetischer (Selbst-)Praktiken erfolgt die Rahmung in unterschiedlichen medialen und narrativen Produktionen. Räumliche Rahmungen können lokal, regional, national sowie transnational untersucht werden. Zeitliche Rahmungen beziehen sich zum einen auf verschiedene historische Zeitpunkte, schließen aber auch die Organisation von Zeit - die sogenannten Zeitpolitiken - bezüglich (Selbst-)Bildung, Arbeit und Familie ein.

Das Graduiertenkolleg widmet sich der Erforschung der verschiedenartigsten komplexen Zusammenhänge zwischen Gender und Bildung. Wir möchten Promotionsprojekte unterstützen, deren Erkenntnisinteresse von interdisziplinären Fragen nach der Teilhabe an oder Vermittlung von Bildung oder Kulturproduktion, Arbeit oder der Organisation von Care in der Gesellschaft geleitet wird. Das Kolleg ist interdisziplinär ausgerichtet und fördert Projekte aus den Erziehungs- und Sozialwissenschaften, den Literatur-, Sprach- und Kulturwissenschaften.

Kontakt

Projektkoordinatorin:

Dr. Kerstin Bueschges

Stiftung Universität Hldesheim

Universitätsplatz 1

Tel.: 05121 - 883 92158

bueschge@uni-hildesheim.de