Praxisnahe Lehrerausbildung: „Ausbildungsort und Tatort rücken zusammen“

Samstag, 28. Februar 2015 um 09:30 Uhr

„Für mich ist das der Start“, sagt Barbara Zeh. Bisher hatte die Lehrerin aus Hannover nichts mit der Lehrerausbildung an der Universität Hildesheim zu tun. Das ändert sich nun. Das Land Niedersachsen möchte Theorie und Praxis stärker zusammenbringen, an allen Hochschulstandorten, die Grund-, Haupt- und Realschullehrer ausbilden. Bis Juli sind Studierende niedersachsenweit in Klassenzimmern, Hildesheimer Studenten laufen bei 170 Mentoren mit und erleben alle Facetten des Schulalltags: Unterricht, Konferenzen, Ganztagsschule, Elternabende.

Die 3. Klasse der Hinrich-Wilhelm-Kopf-Grundschule in Hannover ist langsam daran gewöhnt, neue Gesichter zu begrüßen. Einige Flüchtlingskinder gehen seit kurzem in diese Schule, sie kommen aus dem Irak, aus Libyen, aus Syrien. An einem Montagmorgen im Februar stehen wieder zwei unbekannte Menschen im Klassenzimmer. „Sie bleiben einige Monate hier, sie lernen auch noch“ – so teilt Barbara Zeh ihren Schülern mit, dass nun vier weitere Augen im Klassenraum sind.

Aus den Kinderstühlen sind die Neulinge aber herausgewachsen, sie sind keine neuen Mitschüler. Sondern Deutsch- und Musikstudentinnen der Universität Hildesheim.

Seit Februar noch bis Mitte Juli sind Lehramtsstudierende im Masterstudium in Niedersachsen 18 Wochen an Schulen. Das schulische Langzeitpraktikum („Praxisblock“) wird in Seminaren an der Universität vor- und nachbereitet und begleitet. Die Studierenden sind drei Tage pro Woche in einer Praktikumsschule – an den anderen zwei Tagen an der Uni – und erleben alle Facetten des Schulalltags: Unterricht, Pausenzeiten, Schulfeste, Elternabende und Konferenzen. Das ist landesweit eine neue Entwicklung. Im Herbst 2014 hatten das niedersächsische Wissenschaftsministerium und das Kultusministerium mit den Hochschulen in Oldenburg, Osnabrück, Lüneburg, Braunschweig, Vechta und Hildesheim eine Kooperationsvereinbarung für eine Reform im Lehramtsstudium unterzeichnet. Die Masterstudienzeit für Grund-, Haupt- und Realschullehrer wurde verdoppelt und beträgt nun zwei Jahre.

Zu dieser Reform gehört neben der Erarbeitung eines Forschungsprojekts eine mehrmonatige Praxisphase, die Mitte Februar startete. Insgesamt 170 Lehrerinnen und Lehrer kamen zum Auftakt an der Universität in Hildesheim zu einer vom Kompetenzzentrum für Regionale Lehrerfortbildung organisierten Schulung mit Fachdidaktikern vom Centrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung zusammen. Die Lehrer begleiten als Mentoren die Lehramtsstudierenden an den Praktikumsschulen.

Eine von ihnen ist Barbara Zeh. Sie hat sich gleich gemeldet. Pro Student pro Fach erhält sie 0,5 Anrechnungsstunden. Aber sie beginnt nicht mit der Rechnerei. Natürlich sei das mehr Arbeit für sie, sagt Zeh, sie habe nun eine weitere Person im Blick. „Die Anfangsphase im Praktikum ist stressig. Wenn man sich die Mühe aber macht und herausarbeitet, wo jeder seine Schwerpunkte hat und wo man hinwill, dann wird das ein Selbstläufer. Das Klassenzimmer ist kein abgeschlossener Raum. Meine Tür steht immer offen“, sagt die Lehrerin. Unterricht läuft von morgens bis in die Spätbetreuung bis 17:00 Uhr, denn die Schule ist eine „Offene Ganztagsschule“. Etwa 350 Schülerinnen und Schüler lernen in Hannover-Kleefeld. „Unsere Schüler kommen aus dreißig verschiedenen Ländern. Wir unterrichten inklusiv. Wir unterrichten Flüchtlingskinder. Die Lehramtsstudenten können in der Endphase ihres Studiums bei uns die ganze Bandbreite und Realität des Lehrerberufs erleben.“ Die Schule habe Projekte zur Gewaltprävention entwickelt, Fortbildungen für Lehrer und Kinder, die Studentinnen können erfahren, wie die Zusammenarbeit im Schulalltag mit zwei Sozialpädagoginnen an der Schule abläuft.

„Wir sind in die Praxisphase am Faschingsmontag gestartet, das war ein guter Auftakt. Die Schüler lernen und die Studenten lernen auch noch, von den Schülern. Die Kleinen sind darüber schon stolz. Sie nehmen sie gut auf und finden das schön, wenn auch eine andere Stimme zu hören ist. Das stört überhaupt nicht, die Kinder sind trotzdem bei mir, wenn ich Unterricht mache. Das sage ich auch meinen Kolleginnen, die nachfragen, wie das klappt“, sagt die Lehrerin. Sie möchte den Studentinnen „einen Einblick geben, wie ich unterrichte“. „Für mich ist die Zusammenarbeit mit der Universität neu, ich kann Stundenstrukturen und Methoden überdenken und meinen eigenen Unterricht reflektieren.“ Es lohne sich, mit den Studentinnen ins Gespräch zu kommen. Gerade bereitet sie einen Rechtschreibtext und ein Diktat mit den Kindern vor, die Studentinnen beobachten noch, werden aber ab März selbst vier Stunden pro Woche unterrichten und mit einer Unterrichtseinheit zur Bildergeschichte beginnen, auch Unterrichtsbesuche stehen an. „Viele Kinder haben zu Hause niemanden, mit dem sie üben können“, sagt Barbara Zeh. Die Kleinen sind es gewöhnt, eigenverantwortlich zu lernen, sagt Zeh. Mal arbeiten sie alleine, dann in der Gruppe, dann mit einem Partner an Stationen. „Ich zeige den Studentinnen, was die Kinder können, damit sie Anknüpfungspunkte haben: Wie kann ich in diese Klasse reingehen?“

Eine andere Lehrerin unter den 170 Mentoren sagt über die engere Zusammenarbeit zwischen Universität und Schulen: „Ausbildungsort und Tatort rücken zusammen“. Um solche Praxisphasen zu ermöglichen, müssen Strukturen im Uni- und Schulalltag zusammenfinden, sagt Dörthe Buchhester. Sie koordiniert die Reform am Centrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung (CeLeB) der Universität Hildesheim. Das bedeutet: Jeweils zwei Lehramtsstudierende mit möglichst gleicher Fächerkombination mussten an Schulen in Hildesheim, Hannover und dem Umland vermittelt werden, Fahrtwege mit öffentlichen Mitteln sollen maximal eine Stunde dauern. Insgesamt sind das etwa 260 Studierende an 100 Schulen. Je ein Fachdidaktiker und Lehrbeauftragter begleiten nun im Tandem das Studentenpaar, reisen zu Unterrichtsbesuchen an die Schulen. Mentorenfortbildungen sollen nicht in der Zeugniszeit, aber auch nicht in der Prüfungszeit der Forscher liegen. „Wir haben vom Kultusministerium die Auflage, die Mentoren nicht zu belasten, sie aber auch nicht alleine zu lassen. Auch unsere Studenten haben viel zu tun. Sie haben kaum Zeit zwischen Vorlesung, Prüfungen und dem ersten Schultag, der in der vorlesungsfreien Zeit liegt“, so Buchhester. Sie hebt hervor, wie wichtig die Gespräche zwischen Lehrern und Fachdidaktikern der Uni seien. Dabei erinnert sie auch an Grenzen: Studierende dürfen im „Praxisblock“ nicht eigenverantwortlich unterrichten, sie sind auch nicht befugt, eine Pausenaufsicht zu machen. Die Mathematikdidaktikerin Professorin Barbara Schmidt-Thieme spricht von einem Prototyp, der ins Wasser gelassen wurde: „Wir wollen, dass das Schiff fährt. Wir wollen Sie ins Boot holen.“

Das ist bei Mattias Weiß gelungen. Er unterrichtet Englisch und Sport an der IGS Bad Salzdetfurth und sieht in der Zusammenarbeit mit der Uni große Chancen. Schon im ersten Studienjahr arbeitet seine Schule mit der Universität Hildesheim zusammen und holt Lehramtsstudenten in den „Schulpraktischen Studien“ einmal pro Woche ins Klassenzimmer. Seit Februar begleiten zwei Masterstudenten seinen Schulalltag. Von dem Blick aufs Schwarze Brett am Morgen über den Unterrichtsalltag, eine spontane Unterrichtsvertretung wegen Krankheit bis zur Konferenz und Elterngesprächen. „Wenn der Unterricht gut läuft, freut man sich. Wenn er schlecht läuft, denke ich mir: Oh je, was müssen die Studenten nun von mir denken?“, lächelt Mattias Weiß über die Tatsache, dass nun vier Augen mehr in seinem Klassenzimmer sitzen. Er ist selbst erst seit einem Jahr Lehrer, unterrichtet von der 5. Klasse bis zur Oberstufe. „Es gibt nun jemanden, der Kritik üben kann und das ist auch für mich hilfreich. Ich bin da ganz offen. Ich hoffe die Zusammenarbeit mit der Universität bringt mir auch etwas. Wir können zum Beispiel als Team unterrichten.“

Schulen und Uni begleiten den Übergang in den Lehrerberuf: Lehrer im Hörsaal. Foto: Lange/Uni Hildesheim

Lehrerausbildung – Reform des Masterstudiums in Niedersachsen:

Darum geht’s: Angehende Grund-, Haupt- und Realschullehrer studieren seit dem Wintersemester 2014/15 insgesamt zehn Semester. Die Masterzeit verdoppelt sich von einem auf zwei Jahre. Ein Ziel ist, Praxis und Theorie besser zu verzahnen. Als neue Studienelemente werden eine Praxisphase und ein Projektband integriert. Die Niedersächsische Landesregierung hat im August 2014 die vom Kultusministerium und Wissenschaftsministerium erarbeiteten neuen Verordnungen über Masterabschlüsse für Lehrämter beschlossen.

„Der Schritt der Landesregierung, das Masterstudium zu verlängern, ist klug und an der Zeit. Die Universität Hildesheim wird für das Land Niedersachsen rund ein Drittel der künftigen Lehrerinnen und Lehrer ausbilden. Wir stellen uns dieser Herausforderung gern, denn die Reform ist ein sehr wichtiger Schritt in Richtung mehr Praxisnähe“, sagt der Hildesheimer Universitätspräsident Professor Wolfgang-Uwe Friedrich.

Parallel zur Praxisphase verläuft das Projektband. Dabei betreuen Lehrende der Universität Hildesheim die angehenden Lehrerinnen und Lehrer im „forschenden Lernen“. Die Studierenden entwickeln Forschungsarbeiten und vertiefen Kenntnisse und Erfahrungen im wissenschaftlichen Arbeiten, können Schulpraxis, Theorie, Handeln und Reflexion aufeinander beziehen. Aus den Projektfragestellungen kann sich auch die Masterarbeit entwickeln.

Wie Alan (7) rechnet, beobachtet Lehramtsstudent Ali Ünlü ein Jahr in Drispenstedt. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Partnerschulen in der Lehrerausbildung - seit über 30 Jahren

Mittwochs im Hörsaal, freitags im Klassenzimmer: Lehramtsstudierende der Universität Hildesheim sind im ersten Studienjahr einmal in der Woche in der Schule. Die Universität setzt auf die enge Zusammenarbeit mit Partnerschulen in allen Praxisphasen. In den „Schulpraktischen Studien" beobachten die angehenden Lehrkräfte in einer studentischen Kleingruppe im ersten Studienjahr jeden Freitag Unterricht und sprechen darüber mit einem Lehrer und Erziehungswissenschaftler. Etwa 500 Erstsemester starten so jährlich im Oktober in ihr erstes Studienjahr – seit über 30 Jahren – und erhalten früh echte Einblicke in die Schulrealität, können die Berufswahl überprüfen und reflektieren. Ab April stehen die ersten Unterrichtsstunden für die Studienanfänger an. Weitere Praxisphasen folgen im Verlauf des Studiums in mehreren Schulformen. „Unsere Studierenden überprüfen ihre Eignung für den Beruf zu Beginn des Studiums und im Übergang zum Berufsalltag“, sagt Dörthe Buchhester vom Centrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung.

Die Universität Hildesheim bildet mit etwa 2600 Studierenden einen Großteil der niedersächsischen Grund- Haupt- und Realschullehrer aus. Schwerpunkte liegen in den Bereichen Deutsch als Zweitsprache, Individuelle Förderung und Umgang mit Vielfalt im Klassenzimmer. Hildesheim leitet zusammen mit Hannover seit diesem Jahr den Verbund der niedersächsischen lehrerbildenden Hochschulen.

Informationen zur Reform „GHR 300“: Häufige Fragen, Studienprofil, Praxisphase, Projektband

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)


Bereits im ersten Studienjahr sind Hildesheimer Lehramtsstudierende einmal in der Woche im Klassenzimmer. Nun arbeitet die Universität auch im Masterstudium eng mit Schulen in der Region zusammen. Studierende begleiten seit Februar den Schulalltag, zum Beispiel der Lehrer Mattias Weiß aus Bad Salzdetfurth und Barbara Zeh aus Hannover. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim