Geschichte, Erinnerung & Diversität

Der Focal Point fragt, welche Narrative und welche Orte der Erinnerung in Deutschland fehlen? Welche gesellschaftlichen Gruppen sind bisher nicht bzw. wenig repräsentiert, z.B. in Schulbüchern und an öffentlichen Gedenkorten? Welche Narrative und Deutungen der Vergangenheit werden von unterschiedlichen Gruppen eingebracht und beanspruchen öffentliche Anerkennung? Welche Narrative von Vergangenheit entfalten gegenwärtig Wirkungsmacht?

In modernen Einwanderungsgesellschaften begegnen sich vielfältige und vielfältig konkurrierende Vorstellungen, Perspektiven und Bewertungen von historischen Ereignissen. Unterschiedliche Erinnerungsgemeinschaften erinnern anders an ein und dasselbe Ereignis. Dabei wird Geschichte auch zum Gegenstand der Verhandlung bzw. zum Ort der Aushandlung historischer Identitäten. In solchen Aushandlungsprozessen, die zugleich auch Aneignungsprozesse von Geschichte sind, werden Zugehörigkeiten verhandelt. Dies geschieht freilich nicht im luftleeren Raum, sondern im Rahmen einer in der Regel nationalstaatlich geprägten Geschichtspolitik, die sich beispielsweise in einem noch überwiegend nationalstaatlich ausgerichteten schulischen Geschichtsunterricht niederschlägt, der die Geschichte der Mehrheitsgesellschaft ins Zentrum historischer Betrachtungen und Erinnerungen stellt. Die Geschichte der Mehrheitsgesellschaft stellt aber in Einwanderungsgesellschaften nur eine Dimension von Geschichte dar, weshalb die Gefahr besteht, die Geschichte(n) anderer Gruppen auszugrenzen bzw. diese gar nicht erst an der Auswahl und der Deutung national-geschichtlich bedeutsamer Ereignisse teilhaben zu lassen. Die Geschichte der Anderen und die vielfachen Verschränkungen von Geschichte werden nicht als Bestandteil der nationalen Erinnerungskultur anerkannt. Geschichte wird daher häufig als Trennungsmoment konstruiert und erlebt. Migrationsgeschichte, Herkunftsgeschichte, Familiengeschichte und die Geschichte der Aufnahmegesellschaft werden nicht auf ihre Gemeinsamkeiten, Zusammenhänge und Wechselwirkungen hin betrachtet. Wirberücksichtigen mit dem Focal Point das Potential einer migrationspädagogisch orientierten Erinnerungs- und Bildungsarbeit, welche die Koexistenz von shared memories, divided memories auch conflicting memories ermögliche.  

Projekte: Forschung & Praxis

Geschichten in Bewegung. Erinnerungspraktiken, Geschichtskulturen und historisches Lernen in der deutschen Migrationsgesellschaft

Am 1. März 2018 ist das Projekt 'Geschichten in Bewegung. Erinnerungspraktiken, Geschichtskulturen und historisches Lernen in der deutschen Migrationsgesellschaft' (HiLMig) gestartet. An dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Verbundprojekt sind die Universität Hildesheim, die Freie Universität Berlin, das Georg Eckert Institut Leibniz Institut für internationale Schulbuchforschung und die Universität Paderborn beteiligt. In Zusammenarbeit mit der Stiftung „Erinnerung Verantwortung Zukunft“, der Bundeszentrale für politische Bildung sowie Museen, Gedenkstätten, Instituten der Lehrerfortbildung, Akteure der non-formalen historischen Bildung und dem Schulbuchbereich werden Konzepte für historisches Lernen in der Migrationsgesellschaft entwickelt. Das Projekt hat eine Laufzeit von dreieinhalb Jahren und ein Fördervolumen von ca. 1 Mio Euro, davon gehen € 347.000 an die Universität Hildesheim.

Prof. Dr. Viola Georgi vom Institut für Erziehungswissenschaft/Zentrum für Bildungsintegration fokussiert mit ihrem Team auf den Bereich Lehrkräfte und historische Bildung an Schulen.
Im Geschichtsunterricht kommen unterschiedliche Perspektiven und vielfältige Erinnerungsbedürfnisse von Schülerinnen und Schülern, aber auch von Lehrkräften zusammen und fordern den geschichtskulturellen Kanon und Lehrplan heraus. In welcher Form dies geschieht und welche Ansätze und Konzepte hier bereits bestehen, ist Fokus des Teilprojekts der Universität Hildesheim. Das Projekt zielt zudem darauf, solche Konzepte historischen Lernens weiter zu entwickeln, damit Jugendliche befähigt werden, sensibel und kompetent mit den historischen Erinnerungsformen umzugehen.

Flyer 

Projektwebseite