Diversity & Kulturelle Bildung

Kulturelle Bildung - Kooperation von schulischen und außerschulischen Einrichtungen

Kulturelle Bildung ist mittlerweile ein komplexes Arbeitsfeld mit heterogenen Akteuren, Ausrichtungen und Praxen. Von Politik und Pädagogik werden Hoffnungen in die Kulturelle Bildung gesetzt und reflexartig werden ihr große Potentiale zugesprochen, die z.B. zum Abbau von Bildungsungerechtigkeiten und zur Integration beitragen sollen. Die Erwartungen an die Wirkungen sind hoch und verschiedene Legitimationsdiskurse bestimmen die Landschaft der Förderung. Aber kann – und sollte – Kulturelle Bildung diese einlösen, sind Kunst und Kultur Integrations-‚Kitt’ und -Garant für die Lösung von Bildungsproblemen der Gesellschaft? Welche Herausforderungen und Schwierigkeiten, aber auch welche Bedingungen, Realitäten und Chancen sind mit Themenfeldern wie Migration, Integration und Diversity verbunden? Und wie verhandelt die Kulturelle Bildung diese in Theorie und Praxis?

Mit Diversity verknüpft sich die Erwartung auf eine neue Perspektive auf Gesellschaft. Ein neuer Umgang mit Vielfalt soll implementiert werden. Aber ist das Thema in der Kulturellen Bildung angekommen und wie und von wem wird es diskutiert? Werden Fragen nach Ein- und Ausschlüssen gestellt oder wird die Vielfalt verschiedener Gruppen als ein fröhlicher, bunter Strauß gefeiert, bei dem ausgeblendet wird, dass es unterschiedliche Zugangschancen gibt, dass Kunst und Kultur noch immer als Distinktionsmerkmal fungieren? Zuschreibungen erfolgen auch gerade über Kultur, d.h. kulturelle Merkmale werden essentialisiert und als vermeintlich „typische“ und einzig mögliche Eigenschaften dargestellt, so dass Personen mit sogenanntem Migrationshintergrund in Projekten der Kulturellen Bildung ihre „Herkunftskultur“ repräsentieren sollen, nicht als einen, sondern als ausschließlichen Teil ihrer Identität. Werden sie nicht eben dadurch zu den „Anderen“, weil sie als eine spezielle Zielgruppe formuliert werden?

Im focal point Diversity und Kulturelle Bildung wollen Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen eine Schnittstelle bilden, um derartige Fragen zu stellen, weiter zu denken, und eine Vernetzung voran zu treiben.

Am Institut für Kulturpolitik des Fachbereichs „Kulturwissenschaften und Ästhetische Kommunikation“ der Universität Hildesheim besteht ein Forschungs- und Lehrschwerpunkt zur Kulturellen Bildung; die handelnden Akteure sind:

Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss, Professur für Kulturelle Bildung, Prof. Dr. Wolfgang Schneider, UNESCO-Chair „Cultural Policy for the Arts in Development“ und Dr. Beate Kegler.

Verschiedene einschlägige Forschungsprojekte und Tätigkeitsfelder sind am Institut für Kulturpolitik angesiedelt: Das Netzwerk Forschung Kulturelle Bildung (http://www.forschung-kulturelle-bildung.de) ist eine Plattform für (Nachwuchs-)Wissenschaftler, um den Austausch über Forschungsweisen und -methoden, die insbesondere zur Weiterentwicklung eines spezifischen kulturell-ästhetischen, künstlerischen und (kultur)pädagogischen Forschungsansatzes beitragen möchten, zu verstetigen. Die Wissensplattform kubi-online (www.kubi-online.de) ist die digitale Variante des „Handbuch Kulturelle Bildung“ mit Fachartikeln zur ganzen Bandbreite des Feldes, das online fortgeschrieben wird.

Kooperationen zwischen schulischen und außerschulischen Trägern bzw. Kulturschaffenden sind ein wichtiges Forschungsfeld geworden. Am Institut für Kulturpolitik findet die Begleitforschung zum Projekt „Kulturagenten für kreative Schulen“ statt www.uni-hildesheim.de/fb2/institute/kulturpolitik/forschung/kulturagenten/). Schließlich ist das Themenspektrum “Diversity und Kulturelle Bildung” von Seiten des Instituts im akademischen Diskurs national und international vertreten, 2015 finden u. a. in Kooperation mit dem Hildesheimer „Center for Worldmusic“ das Forschungsatelier „Cultural Policy for Arts Education“ an der Dhow Country Music Academy auf Sansibar im Rahmen des „Santiza Busara Festivals“ und eine Tagung zum Thema „Kultureinrichtungen und Diversität. Vielfalt – das Erfolgsmodell?“ an der Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel statt. (http://www.bundesakademie.de/programm/kulturmanagement-politik-wissenschaft/do/veranstaltung_details/ku21-15/).

Tagung “Kultureinrichtungen und Diversität. Vielfalt – das Erfolgsmodell?”

in Kooperation mit der Bundesakademie für Wolfenbüttel, KulturKontakt Austria und dem Zentrum für Bildungsintegration der Uni Hildesheim, 21.-22.10.2015

  • SPRECHER_INNEN

    Dr. Beate Kegler, Institut für Kulturpolitik

    Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Institut für Kulturpolitik

Projekte: Forschung & Praxis

Jahresbericht 2019

Diversität in der Kulturellen Bildung zu fordern scheint fast schon ein Synonym zu sein für die besagten Eulen, die nach Athen zu tragen müßig erscheint. Seit Hilmar Hoffmanns Anspruch einer Kultur für alle und der Forderung Hermann Glasers nach einem Bürgerrecht auf Kultur, lässt sich eine riesige Bandbreite von Erscheinungsformen Kultureller Bildung ausmachen, die auf Vielfalt setzen und Diversität als Potenzial längst erkannt haben. Dass trotz aller bunter Bilder und begeisterter Projektberichte ein diversitätssensibler Umgang mit Vielfalt längst nicht überall selbstverständlich ist, zeigen die aktuellen Forschungsergebnisse aus dem Institut für Kulturpolitik nur zu deutlich, aber auch, dass viele versteckte Potenziale gerade dort aufleuchten, wo es bislang an einer grundlegenden Forschung fehlte. 

In Praxisforschungsseminaren und im Rahmen diverser Bachelor- und Masterarbeiten beleuchteten Studierende am Institut für Kulturpolitik Aspekte inklusive Projektansätze, setzten sich mit Diversitykonzepten in der Soziokultur, der Museums- und Theaterarbeit auseinander und untersuchten die Bedeutung von Partizipationsmodellen auf ihre Relevanz für eine diversitätssensible Kulturelle Bildung. Dabei wurden Inklusion und Integration als Zielsetzungen einer kulturellen Praxis ebenso verhandelt wie die Potenziale und Herausforderungen von diversitätssensiblen Ansätzen in der Breitenkultur in den Fokus genommen. Einen zentralen Forschungsschwerpunkt setzte der focal point im letzten Jahr auf die Diversitätsforschung in den ländlichen Räumen und konnte damit – nach den ersten Forschungsansätzen in den vorangegangenen beiden Jahren, nun bedeutende weitere Schritte zur Schließung eines aktuellen gesellschafts- und kulturpolitischen Forschungsdesiderates machen. 

Die im Rahmen einer ausgedehnten Feldforschung zur Lage der Freilichtbühnen entstandenen Erkenntnisse zum Umgang mit Diversität im Amateur- und Freilichttheater2 konnten in diesem Jahr in Vorträgen und Workshops mit zahlreichen Theaterakteur*innen aus sieben Bundesländern thematisiert werden. Weitere Vorträge, Workshops und Artikel zur (kultur-)politischen Bedeutung einer Kulturellen Bildung in ländlichen Räumen, die partizipative Methoden und die Gestaltung des Miteinanders in Vielfalt in den Blick nimmt, wurden im Zuge der Forschung zum Theater in der Provinz in der gleichnamigen Tagung und Publikationu. a. von Wolfgang Schneider und Beate Kegler in den öffentlichen Diskurs eingebracht. Weitere Fachartikel zur Thematik vor dem Hintergrund der Heimatbegriffsdebatte konnte Beate Kegler beispielsweise als Leitartikel in der Fachzeitschrift der Kulturplattform Oberösterreich4 und der bundesweiten Fachzeitschrift soziokultur5 veröffentlichen. Auch in diesem Jahr stehen weitere Vorträge und Workshops im Themenfeld an. Einer der Forschungsschwerpunkte widmet sich dabei der Evaluation und begleitenden Feldforschung des Modellprojektes Heimatkarawane des Landesverbands Amateurtheater in Baden-Württemberg, dessen Akteur*innen sich die Stärkung der Sensibilisierung für die Potenziale eines diversitätssensiblen Miteinanders in peripheren Dörfern mit partizipativen theater- und musikpädagogischen Methoden auf die Fahnen geschrieben haben.Mitarbeiter*innen des focal points sind darüber hinaus auch 2020 vertreten in themenspezifischen Jurys und Beiräten wie denjenigen des Förderprogramms Global Village Lab des Fonds Darstellende Künsteund der Jury der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung im Bundesprogramms zur Förderung Kultureller Bildung für Kinder und Jugendliche aus benachteiligenden Lebenssituationen Kultur macht stark – Künste öffnen Welten8.

Eines der Highlights der fruchtbaren Kooperation des ZBI mit dem focal point am Institut für Kulturpolitik stellte 2019 die Tagung Stadt.Land.Diversität. Kulturelle Ausdrucksformen und künstlerische Teilhabe in schulischer und außerschulischer Bildung dar, die Ende September am Kulturcampus Domäne Marienburg mit rund fünf Dutzend Tagungsteilnehmenden die Relevanz des Themas in energiereich und vielfältig im Miteinander von Wissenschaft und Praxis erörterte. Die Tagungsdokumentation auf der Website des ZBI lädt ein, einen lebendigen Eindruck der dort verhandelten Impulse und Diskurse in Wort, Bild und Ton zu erhalten.9

 

1 Kegler, Beate (2018a): Freilichttheater in Nordrhein-Westfalen. Studie zur Lage und kulturpolitischen Bedeutung als breitenkulturelle Akteure. Hildesheim

2 Kegler, Beate (2018b): Freilichttheater in Niedersachsen. Studie zur Lage und kulturpolitischen Bedeutung als breitenkulturelle Akteure. Hildesheim

3 Schneider, Wolfgang/Schröck, Katharina M./Stolz, Sivlia (Hg.): Theater in der Provinz. Künstlerische Vielfalt und kulturelle Teilhabe als Programm. Berlin

4 Kegler, Beate (2019): Kulturleitbild – Sind wir im Bilde?, KUPFZeitung #170/2019. Vom 19.06.2019, online abrufbar unter: https://kupf.at/zeitung/170/kulturleitbild-sind-wir-im-bilde/

5 Kegler, Beate (2019): Heimat Europa. Vital Communities – made by Soziokultur. In: Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V. (Hg.): SOZIOkultur 3-2019, Berlin

http://www.heimatkarawane.de/

https://www.fonds-daku.de/entscheidung-globalvillagelabs/

https://www.kuenste-oeffnen-welten.de/ueber-das-programm/jury/

9 (https://www.uni-hildesheim.de/zbi/veranstaltungen/2019/zbi-konferenz-2019/).