Künstliche Intelligenz als Revolution des Lernens – auch für Lehrende
Donnerstag, 15. Januar 2026 – 16:27 Uhr
Die renommierte KI-Expertin Prof. Dr. Doris Weßels, Professorin für Wirtschaftsinformatik an der HAW Kiel, gab bei einem von der Servicestelle digitale Lehr-Lernformate (SdLL) organisierten Workshop für die Lehrenden der Universität Hildesheim den Zuhörenden eine Reihe von anregenden und wichtigen Impulsen für ganz konkrete Nutzungsfälle in der universitären Lehre mit auf den Weg.
KI, so führte Weßels zu Beginn aus, sei im Kern „reine Mathematik“: Software, die darauf programmiert ist, menschliche Fähigkeiten wie logisches Denken, Lernen, Planen oder Kreativität nachzuahmen. Und doch falle es vielen schwer, eine innere Distanz zu wahren: Zu überzeugend sei der Eindruck, dass auf der anderen Seite „etwas Menschenähnliches“ sitze. KI-Anwendungen sind als Ideengeber*innen im Einsatz, als Alltagsbegleiter*innen und manchmal sogar als virtuelle Lebenspartner*innen.
KI-Anwendungen nehmen uns das Denken ab – oder?
Nein, machte Weßels in ihrem Vortrag anhand von vielen Beispielen deutlich, eher im Gegenteil. Die Möglichkeiten im Bereich der KI-Tools fordern Nutzende heraus, Dinge neu, anders und schneller zu denken. Für den Hochschulkontext heißt das: Klassische Prüfungsformate gerieten massiv unter Druck und Online-Tests, Multiple-Choice-Klausuren oder Hausarbeiten zum Überprüfen studentischer Leistungen erschienen kaum mehr brauchbar. Daher müsse auf Seite der Lehrenden umso mehr Kompetenz aufgebaut werden, alternative Möglichkeiten der Wissensvermittlung und –überprüfung zu finden – und nicht zuletzt auch die Studierenden zu befähigen, mit erweiterten Kompetenzen in das Berufsleben zu starten, statt sich mit vermeintlich einfachen Lösungen zu begnügen.
Denn die gibt es zuhauf. Vom Chat-GPT-Stift mit integrierter Kamera, bis hin zu digitalen Ghostwriting-Lösungen für komplexe Schreibaufgaben zu inflationären Preisen. Weßels zeigte auf, welcher riesige Markt rund um die KI-basierte Software zum Schummeln bereits entstanden ist. Die positive Seite der Medaille: KI eröffnet neue Anwendungsszenarien für Lehrkontexte und verschiebe die Lernaufgaben in Richtung Inhaltsprüfung, Einordnung und kritischem Hinterfragen.
Weßels Impuls für eine zukunftsfähige Prüfungskultur lautete daher: Mehr mündliche Prüfungen, stärkere Bewertung des Lernprozesses, mehr Raum für Kreativität und eine neue Ergebnis-Gewichtung, in dem Produkt und Präsentation weniger und der Prozess stärker zum Tragen kommen. „Mehr denn je müssen sich Hochschulen als lernende Organisationen verstehen.“ Ängste, wie sie sich zum Beispiel aus dem Hinterfragen der eigenen Rolle als Lehrende ergeben, müssten offen angesprochen werden, Experimentierfreude und Mut im Umgang mit den neuen Technologien und ein Blick auf deren Chancen seien gefragt. „Natürlich können wir auf dem Bauch landen“, sagte sie, „aber auch daraus lernen wir.“
Vertrauen ist zentral
Im weiteren Verlauf des Workshops standen in Beiträgen von Dr. Svenja Lammers, Dr. Sascha El-Sharkawy und PD Dr. Karsten Senkbeil die Schwerpunkte schriftliche, praktische und mündliche (Prüfungs-)Leistungen in Zeiten Künstlicher Intelligenz im Fokus. Dabei wurde deutlich: KI fördert, aber fordert auch. Hochschulen befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen der Sorge um die eigene akademische Integrität und der Notwendigkeit einer didaktischen Neuausrichtung. Für eine zukunftsfähige Prüfungspraxis müssen bestehende Formate angepasst, innovative Formate entwickelt und der passende institutionelle Rahmen geschaffen werden.
In einem Ziel waren sich die Teilnehmenden einig: Wichtig ist, die Eigenmotivation der Studierenden zu fördern, ihre Leistungen selbstständig zu erbringen und KI-Tools sinnvoll einzusetzen. Dabei liegt es auch an den Lehrenden, den Studierenden Vertrauen entgegenzubringen.
Die Erkenntnisse aus dem Workshop fließen ein in die Beratungstätigkeiten zu KI in der Lehre durch die SdLL sowie in die mit KI in der Lehre befassten Arbeitsgruppen, die von der SdLL koordiniert werden. Das Thema KI und Prüfungen wurde auch durch die Zentrale Kommission für Studium und Lehre aufgegriffen: Die SAG Digitalisierung bearbeitet dieses Thema aktuell.
Wer ist die SdLL?
Die Servicestelle digitale Lehr-Lernformate unterstützt Lehrende und Studierende bei der Implementierung digitaler Medien und Werkzeuge im Alltag des Lernens und Lehrens. Zudem arbeitet sie an Ideen zur Umsetzung digitaler Lehr-Lernkonzepte. Die SdLL sind: Dr. Sascha El Sharkawy, Aliki Kaiser, Dr. Svenja Lammers, Birgit Oelker, PD Dr. Karsten Senkbeil und Jan Timo Zimmermann.
Erstellt von Sara Reinke