Förderpreise der Universitätsgesellschaft Hildesheim 2024: mit der Wahldisziplin auf den Spuren der Gesellschaft

Donnerstag, 06. Juni 2024 um 12:06 Uhr

Am 5. Juni 2024 verlieh die Universitätsgesellschaft Hildesheim erneut drei Preise für herausragende akademische Leistungen. Die Ehrungen erfolgten im Hildesheimer Rathaus. Diesjährige Preisträger*innen der mit 500 Euro dotierten Auszeichnungen sind Bachelorabsolvent Beau Maibaum, Masterabsolvent Gabriel Dörner und Dr. Ronja Runge.

Der 5. Juni 2024 war für drei Preisträger*innen der Abschluss individueller Zwischenetappen. Prof. Dr. Bettina Kluge, Vizepräsidentin für Internationales und Chancengleichheit, begleitete als Vorsitzende der Senatskommission für Förderangelegenheiten den Prozess zum ersten Mal. Somit ‚beerbt‘ sie den bisherig in dieser Funktion tätigen Beauftragten für Stiftungsangelegenheiten Prof. Dr. Martin Schreiner. Wie die anderen Mitglieder der Senatskommission war sie fasziniert von der Vielfalt der in den eingereichten Arbeiten behandelten Themen und methodischen Ansätzen. Mit den Worten: „Das Lesen aller Arbeiten hat etwas zum ‚Schwingen‘ gebracht. Vielen Dank an alle dafür, dass ich dieses wunderbare Leseerlebnis haben durfte“, würdigt sie neben den Preisträger*innen auch alle Kandidat*innen. Außerdem sprachen: Universitätspräsidentin Prof. Dr. May-Britt Kallenrode, Oberbürgermeister der Stadt Hildesheim Dr. Ingo Meyer und der Vorsitzende der Universitätsgesellschaft Heinz-Werner Ernst. Förderpreisträger Gabriel Dörner konnte leider nicht persönlich an der Verleihung teilnehmen und wurde digital zugeschaltet.

Die besten Arbeiten in Kürze

Bachelor: Beau Maibaum

Fachbereich: „Kulturwissenschaften und ästhetische Kommunikation“, Studienfach: Bachelor of Arts „Szenische Künste“

Bachelorarbeit: „Peripheria - Kurzfilm und Reflexion zu Motiven der urbanen Peripherie.“

Gutachter*innen: Prof. Dr. Stefanie Diekmann | Dr. Volker Wortmann

Maibaums experimenteller Dokumentarfilm Peripheria (2023) ist als ein Mosaik gestaltet, das in langen Kameraeinstellungen das Motiv der urbanen Peripherie erkundet und dabei konsequent auf Orte in der Umgebung der Stadt Hildesheim Bezug nimmt. Themen wie Klimawandel und soziale Desintegration, Verlust und Suche sowie Momente der Bedrohung verbinden sich auf suggestive Weise, begleitende Voiceover des Films laden die scheinbar banalen Motive mit Assoziationen und der Andeutung eines dystopischen Narrativs auf.

Was begeistert die Gutachter*innen?

„Nicht weniger als die hohe literarische Qualität des Voiceover-Textes überzeugt auch die wissenschaftliche Qualität der schriftlichen Reflexion, die mit dem Film eingereicht wurde: Hier erweist sich Beau Maibaum als kluger, überaus eigenständiger Leser und Autor, der verschiedene Positionen der Urban Studies, der Climate Studies, der Dokumentarfilmtheorie und der Kulturwissenschaften auf erhellende Weise zu verknüpfen versteht.“

Wie kam Beau Maibaum zu seiner Arbeit?

Beau Maibaum kam während Corona auf die Idee für seine Arbeit. Spaziergänge im Gewerbegebiet, das in der Nähe seiner Wohnung in der Hildesheimer Nordstadt liegt, inspirierten ihn: „Es war so menschenleer und besaß eine unglaubliche Weite.“ Zeitgleich fand er Texte, die sich mit Landschaftsdokumentarfilmen und spacial anthropology befassten und mit deren Hilfe er das Gesehene und Erlebte – schlicht: die hervorgerufenen Emotionen – reflektierte und analysierte. Den künstlerischen Ausgangspunkt seiner essayistischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk „Peripheria“ bildeten die Dokumentarfilme des britischen Regisseurs Patrick Keiller.

Was hat das Studium an der Universität Hildesheim für Sie ausgemacht und wie geht es weiter?

„Für Hildesheim habe ich mich schon 2018 entschieden; das ist jetzt sechs Jahre her und seitdem hat sich einiges verändert. Damals faszinierte mich die Möglichkeit, verschiedene künstlerische Disziplinen vermischen zu können, obwohl ich mich dann sehr schnell im Dokumentarfilm gefunden habe. Seit meinem Abschluss habe ich eine künstlerische Residenz in Weimar gemacht und als freiberuflicher Journalist gearbeitet. Ab September werde ich an der University of Aberystwyth in Wales einen Master in Documentary Film mit einem Fokus auf Landscape and Ecology machen.“

Master: Gabriel Dörner

Fachbereich: „Kulturwissenschaften und ästhetische Kommunikation“, Studienfach: Master of Arts „Kulturvermittlung“

Masterarbeit „Konzeption und praktische Umsetzung des partizipativen Vermittlungsprogramms ‚kT Fellows‘ im Rahmen des Projekts ‚Künstlerische Tatsachen‘.

Gutachter*innen: Prof. Dr. Julius Heinicke | Junior-Prof. Dr. Fiona McGovern

Warum ist die Verbindung von Wissenschaft, Kunst und bürgerlichem Engagement heutzutage wichtig? Im Projekt „Künstlerische Tatsachen“ in Jena kooperierten Künstler*innen mit Wissenschaftler*innen, um künstlerische und wissenschaftliche Methoden interdisziplinär zu verknüpfen, um Arbeitsweisen, Methoden und Haltungen von wissenschaftlichen und künstlerischen Disziplinen transparent zu machen und gleichsam gegenseitige zu befragen. Gabriel Dörner versuchte in Jena, jenen Bürger*innen, die von den Elfenbeintürmen der Kunst und der Wissenschaft ausgeschlossen werden, Bündnisse aus Wissenschaft, Kunst und bürgerlichem Engagement, schmackhaft zu machen. Er entwarf Workshops für die Menschen und erschuf Reflexions- und Vermittlungsräume, die in der finalen Ausstellung wiederum einen eigenen medialen Raum erhielten und somit sichtbar wurden. Es gelang so, Kunst - Wissenschaft und bürgerliches Engagement miteinander zu verzahnen und Sphären des Dialogs zu schaffen.

Was begeistert die Gutachter*innen?

„Aus kulturpolitischer Sicht erscheint Gabriel Dörners Forschung wie aus dem ‚Bilderbuch‘. Nicht nur, weil er seine grafischen Kompetenzen und Wissensformen in die Publikation mit einfließen lässt und sie somit zu einem wissenschaftlich-ästhetischen Leseerlebnis macht. Mehr noch: Die gesamte Rahmung, die Verknüpfung eines durchgeführten Wissenschafts- und Vermittlungsprojekts, die Auswertung und wissenschaftliche Reflexion bringen alle Ebenen des Universitätsfachs Kulturvermittlung zusammen. Die Herausforderungen, die sich dem Projekt und den Workshops stellen, da hier verschiedene Disziplinen mit ihren jeweiligen Diskursen und internationale Künstler*innen nicht nur zusammenarbeiten, sondern dies auch hinsichtlich von Vermittlung und Zugang reflektieren müssen, fordern nicht nur Geduld und Sensibilität, sondern ein hohes Maß an Wissen, um die Diskurse hinter Diversität und Transdisziplinarität und ebenso das Vermögen, dieses akademische Wissen übersetzen zu können.“

Wie kam Gabriel Dörner zu seiner Arbeit?

‚kT Fellows‘ war ein Vermittlungsprogramm, das er in Jena für die Arts & Science Residency ‚Künstlerische Tatsachen‘ entwickelte. Es gab Bürger*innen die Möglichkeit, mit den an der Residency teilnehmenden Künstler*innen und Wissenschaftler*innen kreativ in den Dialog zu treten. Auf Basis von drei gemeinsamen Workshops hat er gemeinsam mit einem Team erforscht, was die Begegnung von Kunst und Wissenschaft ausmacht, was künstlerische Forschung bedeutet und wie eine Ausstellung entsteht. Am Ende entstand daraus ein eigener künstlerischer Beitrag, der im Herbst 2022 in der großen Ausstellung in Jena und Anfang September in Hildesheim – im Coworking-Space PULS – noch einmal separat gezeigt wurde.

Was hat das Studium an der Universität Hildesheim für Sie ausgemacht und wie geht es weiter?

„Am Studium in Hildesheim habe ich vor allem die unmittelbare und persönliche Atmosphäre geschätzt: Man kann sehr schnell Kontakte knüpfen und sich mit Kommiliton*innen und Dozierenden vertraut machen. Alle unterstützen sich gegenseitig, auch über das eigentliche Studium hinaus in freien Projekten. Das Studium am Kulturcampus bietet zudem die Freiheit, den Studienverlauf individuell zu gestalten. Man kann Seminare nach den eigenen Interessen auswählen und sogar eine praktische Masterarbeit absolvieren. Seit Oktober arbeite ich in Wien als Kommunikations- und Eventmanager in einer crossdisziplinären Forschungsgruppe der Ludwig Boltzmann Gesellschaft. Dort kann ich die vielfältigen Kenntnisse, die ich im Studium erworben habe, perfekt einbringen. In dem Forschungsprojekt nutzen wir kreative Methoden wie Design Thinking und partizipative Forschung, um herauszufinden, wie Gesundheitsinformationen schwer zugängliche Betroffenengruppen besser erreichen können. Die Themen Partizipation und Vermittlung beschäftigen mich also weiterhin.“

Dissertation: Dr. Ronja Runge

Fachbereich „Erziehungs- und Sozialwissenschaften“

Dissertation „Kulturübergreifende Vergleichbarkeit von Elternberichten über emotionale und Verhaltensprobleme ihrer Kinder: Bias erkennen, verstehen und korrigieren.“

Gutachterinnen: Prof. Dr. Renate Soellner | Prof. Dr. Claudia Mähler

Ronja Runge nimmt in ihrer Dissertation Instrumente zur Beschreibung und Diagnose von problematischem Verhalten und Emotionen von Kindern unter die Lupe und geht der Frage nach, inwiefern diese, durch Elternberichte erhobenen Informationen, bei Menschen unterschiedlicher Migrationsgeschichte dasselbe messen. Dies wiederum ist eine Grundvoraussetzung, um Messergebnisse über Kulturen hinweg vergleichen zu können, und eben nicht „Äpfel und Birnen“ gegenüberzustellen. Sie nimmt bei ihren Analysen einen explizit methodisch-diagnostischen Blickwinkel ein und greift dabei neben eigens erhobenen Daten auch auf bereits vorhanden Datensätze, wie etwa Daten der KIGGS-Studie (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland) des Robert-Koch-Instituts zurück. Die Frage der kulturübergreifenden Vergleichbarkeit hat in jüngerer Zeit auch im Kontext erhöhter Migration an Bedeutung gewonnen. In den USA sehen sich Forschende schon seit langer Zeit mit ethnisch unterschiedlichen Untersuchungsgruppen konfrontiert. In Deutschland hingegen wurden Kinder mit Migrationsgeschichte in der Vergangenheit häufig aus Studien ausgeschlossen, um zu gewährleisten, dass die vorhandenen Sprachkenntnisse zum Verständnis der Fragebögen ausreichen. Vor dem Hintergrund eines Anteils an Grundschulkindern mit Migrationsgeschichte von zwischen 30 und 50 Prozent, stellt dies kein adäquates Vorgehen mehr dar. Wenn darüber hinaus die zu erfassenden Konstrukte in Abhängigkeit der Migrationsgeschichte inhaltlich anders bewertet werden, liegt eine systematische Verzerrung (Bias) vor und Probleme werden gegebenenfalls systematisch über- bzw. unterschätzt. Nur selten wird die kulturübergreifende Vergleichbarkeit geprüft und damit sichergestellt, dass Normalität und Abweichung in verschiedenen Kulturen tatsächlich auf gleiche Weise eingeschätzt werden und damit das Gleiche bedeuten. Dr. Runge geht in ihrer Dissertation aber noch zwei Schritte weiter, indem sie sich erstens der Frage widmet, welche Faktoren zu einer fehlenden Vergleichbarkeit beitragen und zweitens wie man diese Verzerrungen korrigieren kann. Sie versucht somit die den Verzerrungen zugrundeliegenden kulturbedingten Mechanismen aufzuspüren und zeigt Wege auf, wie mit fehlender Vergleichbarkeit umgegangen werden kann. Perspektivisch können diese dazu beitragen, Forschung mit Gruppenvergleichen valider zu machen, aber auch die diagnostische Praxis für Anwendungsbereiche wie Psychotherapie zu verbessern.

Was begeistert die Gutachterinnen?

„Mit ihrer Forschung zur Vergleichbarkeit von Screening-Ergebnissen bei Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Gruppen greift Ronja Runge eine zunehmend wichtige Frage innerhalb von Migrationsgesellschaften auf. Ihre Erkenntnisse sind für die diagnostische Praxis innerhalb von Migrationsgesellschaften von besonderer Relevanz. Darüber hinaus sind ihre Ergebnisse aber ebenso richtungsweisend für die Diskussion um die Vergleichbarkeit von Screening-Ergebnissen über verschiedene Länder und Kulturkreise wie zum Beispiel USA, China, Russland und Deutschland hinweg. Mit ihrer Dissertationsschrift liefert sie wichtige Impulse für weitergehende Forschung und gibt Empfehlungen, wie das zugrunde liegende westlich geprägte Denkmodell in der Anwendung auf andere Kulturen hinterfragt und korrigiert werden kann.“

Wie kam Dr. Ronja Runge zu ihrer Arbeit?

Bereits während ihres Studiums fand Ronja Runge die Fragestellung spannend, wie Kultur unser Denken formt. Ausgangspunkt ihrer Dissertation war es, sich damit auseinanderzusetzen, ob psychische Gesundheit und Problemverhalten im Kindesalter bei Kindern mit und ohne Migrationshintergrund von den gleichen Faktoren vorhergesagt werden können. Während ihrer Recherche kamen ihr dann aber immer mehr Zweifel, ob die Art, wie wir psychische Gesundheit und Problemverhalten messen, zu vergleichbaren Ergebnissen bei Personen mit verschiedenen kulturellen Prägungen führt. Dies ist nicht nur für die Forschung relevant, auch in der psychologischen Diagnostik geht man meist davon aus, dass ein Instrument, zum Beispiel zur Messung von Depressionen, bei Personen mit und ohne Migrationshintergrund zu den gleichen zuverlässigen Ergebnissen (und am Ende Diagnosen) führt. Ihre Arbeit bestand also aus zwei Bestandteilen: Im ersten Schritt beschäftigte sich Ronja Runge damit, ob etablierte Messinstrumente für psychische Gesundheit bei Kindern zu vergleichbaren Ergebnissen zwischen Kulturgruppen kommen. Da dies nicht der Fall ist, hat sie sich weiter gefragt, welche Faktoren diese Ergebnisverzerrungen bedingen und was getan werden kann, um Verzerrungen zu minimieren.

Was hat das Studium an der Universität Hildesheim für Sie ausgemacht und wie geht es weiter?

„Das Thema wird mich auch nach der Promotion nicht loslassen, nun als Postdoc an der Universität Hildesheim werde ich mich weiter mit interkultureller Vergleichbarkeit beschäftigen. Und das hier in Hildesheim, wo am psychologischen Institut ein freundliches Miteinander und gegenseitige Unterstützung großgeschrieben werden – so dass ich mich sehr wohlfühle und sehr gern hierbleibe.“

Gemeinsame Nenner

Allen drei Arbeiten gemein ist ihr glasklarer Bezug zur gegenwärtigen (Hildesheimer) Gesellschaft. – Die Leistungen der individuellen Preisträger*innen fußen auf Grundannahmen, die mithilfe soziologischer Theorien dokumentiert (Beau Maibaum), aber auch – stets im Umfang der Wahldisziplin – konterkariert werden (Gabriel Dörner und Ronja Runge). Alle drei Arbeiten setzen auch 2024 nicht mehr nur das Beherrschen einer Disziplin voraus; die Verknüpfung mehrerer Wissenschaften war für alle hier prämierten Arbeiten erforderlich.

Über das Verfahren

Auch die im Juni 2024 vergebenen Förderpreise werden im Anschluss an Empfehlungen der Senatskommission vergeben, denen die Universitätsgesellschaft Hildesheim e.V.  seit der ersten Preisverleihung im Jahr 1985 uneingeschränkt folgt. Angelehnt an wissenschaftliche Kriterien werden forschende Ansätze Hildesheimer Nachwuchswissenschaftler*innen prämiert, die ihre Arbeiten im Wintersemester 2022/2023 oder im Sommersemester 2023 eingereicht haben. Vorschlagsberechtigt sind alle Lehrenden der Universität Hildesheim.


Prof. Dr. Bettina Kluge; Foto: Viktoria Helene Ong

Beau Maibaum mit seinem Gutachter Dr. Volker Wortmann bei der Urkundenübergabe; Foto: Viktoria Helene Ong

Ronja Runge bei der Urkundenübergabe; Foto: Josina Schriek

Prof. Dr. Renate Soellner, Gutachterin von Dr. Ronja Runge; Foto: Viktoria Helene Ong

Julius Heinecke bei der Würdigung von Gabriel Dörner; Foto: Viktoria Helene Ong