Damit das Praktikum nicht zum „Theoretikum“ wird: Wie Unternehmen und Studierende in der Pandemie zusammenkamen

Donnerstag, 04. November 2021 um 15:16 Uhr

Universität Hildesheim. Zum Studium von Sergej Galkin gehört auch ein Wirtschaftspflichtpraktikum – in Zeiten von Corona rein online. Ein Modell für die Zukunft? Eher nicht, sagt der Praktikumsbeauftragte Dr. Felix Hahne.

„Wenn man Absolvent*innen aus unseren IT-Bachelor-Studiengängen fragen würde, was das Schönste an dem Studium war, dann würde vermutlich nicht selten das Praktikum genannt werden“, sagt Praktikumsbeauftragter der Studiengänge IMIT und WINF, Dr. Felix Hahne. Die Studierenden des B.A. Informationsmanagement und Informationstechnologie sowie des B.A. Wirtschaftsinformatik absolvieren im Zuge ihres Studiums ein 400-stündiges Wirtschaftspraktikum. „Seitdem die IT-Bachelor-Studiengänge an unserer Universität existieren, gibt es auch das Wirtschaftspflichtpraktikum - es ist fest in der DNA der Studiengänge verankert“, sagt Dr. Felix Hahne. Wie bei anderen Praktika auch, ist Sinn und Zweck des Wirtschaftspflichtpraktikums den im Studium erlernten Stoff in der Praxis anzuwenden und soziale Kompetenzen zu stärken. Dem Praktikum kommt aber noch eine weitere Bedeutung zu: „Es ist ein ganz wichtiges Tor, durch das Studierende sowohl formal als auch geistig durchschreiten. Wer dort hindurch geht, der schließt in der Regel auch sein Studium ab“, sagt er. Hilfestellung bei der Suche nach einem passenden Praktikumsunternehmen bietet das jährlich stattfindende IT-Speed-Dating in dem Studierende Unternehmen aus der regionalen Wirtschaft kennenlernen können. Viele von den Unternehmen gehören zu den circa 40 Partnerunternehmen der Hildesheimer IT-Studiengänge.

An dem diesjährigen, online stattfindenden IT-Speed-Dating im Januar (LINK) nahm auch der Student Sergej Galkin teil. Zu dem Zeitpunkt war er bereits ein Jahr lang auf der Suche nach einem Praktikumsplatz. Der Grund: Viele Unternehmen stellten aufgrund der Pandemie keine Praktikant*innen ein. Zwei Semester musste der Student aufgrund der Praktikumsflaute an sein Studium anhängen. „Das hat emotional schon etwas mit mir gemacht - der Druck endlich das Studium abzuschließen wurde mit der Zeit immer größer. Dazu kam die Unsicherheit, wie sich alles mit Corona weiterentwickelt.“ Nachdem ihn dann aber mehrere Unternehmen aus dem IT-Speed-Dating zu einem persönlichen Bewerbungsgespräch einluden, entschied er sich für eine Praktikumsstelle bei der ENTIAC GmbH. Dort hat er in der Softwareentwicklung in einem Ein-Mann-Projekt von zu Hause aus eine Software vom Konzept bis zur Fertigstellung betreut. Die Kommunikation musste via Video und Telefon erfolgen. „Bei Fragen konnte ich jederzeit einen meiner zwei Praktikumsbetreuer kontaktieren. Den Kaffeetratsch haben wir auch online gemacht. Es hatte schon Büroatmosphäre, obwohl man zuhause war“, berichtet der Student.

„Mir hat der praktische Ansatz sehr geholfen mich zu entscheiden, in welche Richtung meine berufliche Entwicklung gehen soll“, sagt er weiter. „Ich wollte eigentlich Softwareentwickler werden, aber nach dem Praktikum habe ich mich anders entschieden. Ich möchte jetzt lieber ins Management im Bereich der IT-Entwicklung.“ Gelernt habe er neue Programmiersprachen, Projektmanagement-Tools und Entwickleroberflächen. „Ich konnte meine an der Universität erlernten Kenntnisse im Rahmen der Softwareentwicklung praktisch umsetzen.“ Und das IT-Speed-Dating hat Nachwirkungen: Noch heute, mehr als ein halbes Jahr später, melden sich Unternehmen bei dem Studenten und bieten ihm eine Arbeitsstelle an.

Ein Teil der Leistung zu dem Pflichtwirtschaftspraktikum ist das Kolloquium, indem die Studierenden ihr Praktikum präsentieren und reflektieren. Alternativ können sie auch einen Screencast erstellen. „Wenn die Studierenden in diesen Präsentationen von „wir“ sprechen, dann meinen Sie meist nicht die Uni oder ihren Studiengang, sondern „wir“ aus dem Unternehmen“, sagt Dr. Felix Hahne. „Sie identifizieren sich nach einem 10-wöchigem Praktikum manchmal schon sehr mit dem Unternehmen“, berichtet er. Viele kämen außerdem verändert aus dem Praktikum. „Man merkt, dass sie menschlich gewachsen sind. Sie haben praktisch erfahren, dass sie auf dem Arbeitsmarkt begehrt sind.“

Online-Praktika während der Pandemie – Und dann?

Während der COVID-19-Pandemie haben die meisten Praktikant*innen aus den IT-Studiengängen der Universität Hildesheim ein digitales Praktikum absolviert, berichtet Dr. Felix Hahne. Praktika in Präsenz waren die Ausnahmen. Der Praktikumsbeauftragte der IT-Studiengänge blickt skeptisch auf das Online-Praktikum als mögliches Zukunftsmodell. Auch Sergej Galkin sieht sich in seiner beruflichen Zukunft eher „vor Ort“.

„Ich kann mir gut vorstellen, dass Standardbausteine für das Praktikum in Form von digitalen Kursen vermittelt werden“, sagt Dr. Felix Hahne. Das ließe sich mit Grundlagenkursen an Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen vergleichen, die bereits häufig mithilfe von digitalen Aufzeichnungen stattfinden. „Ich würde mich aber gegen vollständig digitale Praktika aussprechen, weil der Aspekt der „social skills“ wegfällt: Wie im Unternehmen kommuniziert wird, wie Probleme angegangen werden – das würde man dann nur sehr eingeschränkt mitbekommen“, sagt er. Auch wenn die Studierenden das Online-Praktikum als einzige Möglichkeit während der Pandemie-Zeit akzeptierten, fehlte ihnen der Reichtum einer echten neuen Erfahrung: Das Pausengespräch mit Kaffee in der Hand, das Kennenlernen der Kolleg*innen und des neuen Ortes und die Abwechslung.

„Früher war es mein Traum ein “IT-Nomade“ zu sein und allein mit dem Laptop von überall aus arbeiten zu können“, sagt Sergej Galkin. Jedoch habe er während der Zeit der COVID-19-Pandemie gemerkt, dass es für die Arbeit erschwerend sein kann, wenn die Kolleg*innen nicht in unmittelbarer Nähe und die Kommunikationswege dafür umso länger sind. „Jetzt kann ich mir nicht mehr vorstellen nur von zu Hause zu arbeiten“, sagt er. „Eine Mischform wäre für mich perfekt.: Von zuhause die Tagesgeschäfte abarbeiten und im Büro dann zusammen diskutieren.“

Text: Elisabeth Schimpf


Praktikum von zuhause aus - eine Illustration von Marie Minkov.

Felix Hahne. Foto: Isa Lange