Konzept, Realisierungen und Lehrarchitektur des Studiengangs Future Analytics
Studiengangskonzept und agile Lehrarchitektur
Konzept
Das Projekt aLaZukunft erkundet und erprobt die Frage, wie sich Hochschullehre unter Bedingungen gesellschaftlichen Wandels neu denken lässt. Im Zentrum steht dabei die Idee einer agilen Lehrarchitektur. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass bestehende Lehrarchitekturen, insbesondere Studiengänge und Curricula, häufig durch hohe Stabilität, lange Entwicklungszyklen und begrenzte Anpassungsfähigkeit geprägt sind.
Diese Stabilität ist für Qualitätssicherung und Verlässlichkeit wichtig. Zugleich kann sie dazu führen, dass Hochschulen nur verzögert auf neue gesellschaftliche Herausforderungen, wissenschaftliche Entwicklungen und Zukunftsthemen reagieren. aLa.Zukunft untersucht deshalb experimentell, wie agil Lehrarchitekturen sein können, ohne ihre akademische Belastbarkeit zu verlieren.
Daran schließen mehrere Leitfragen an:
Wie können Studiengänge so gedacht werden, dass sie sich agil an neue Zukunftsthemen anpassen?
Wie lassen sich wandelnde gesellschaftliche Herausforderungen curricular verankern, ohne dass Studiengänge beliebig werden?
Welche Zukunftskompetenzen brauchen Studierende, um nicht nur auf Veränderung zu reagieren, sondern als reflektierte und verantwortliche Akteur*innen Zukunft mitzugestalten?
Lehrarchitektur und Studiengangsmodell
Agile Lehrarchitektur meint in diesem Zusammenhang nicht bloß organisatorische Flexibilität. Gemeint ist vielmehr eine Form curriculärer Gestaltung, die stabile Strukturen mit veränderbaren thematischen Ausrichtungen verbindet. So können Lehrangebote auf neue Themen reagieren, ohne dass jedes Mal ein vollständig neuer Studiengang entwickelt werden muss.
Mit dem MASTER Future Analytics erprobt aLaZukunft ein Studiengangsangebot, in dem Studierende aus zwei Fächern gemeinsam und transdisziplinär zu Zukunftsthemen forschen. Der Studiengang ist damit selbst ein Experimentierfeld für agile Lehrarchitektur. Future Analytics ist als Rahmenstudiengang angelegt: Die Struktur, die didaktischen Prinzipien, die Kompetenzziele und die Prüfungslogik bleiben erhalten, während sich die konkrete thematische Ausrichtung je nach Realisierung verändert.
Im Zentrum steht transdisziplinäres Arbeiten an offenen Zukunftsfragen. Studierende bringen unterschiedliche fachliche Perspektiven ein, lernen, komplexe Problemräume wissenschaftlich zu strukturieren, verschiedene Wissensformen zusammenzuführen und unter Bedingungen von Unsicherheit, Pluralität und Nicht-Wissen begründete Entscheidungen zu treffen.
| Stabil bleiben | Variabel sind |
| die wissenschaftlichen Anforderungen | Themen der Realisierungen |
| die didaktische Grundarchitektur und Modulstruktur | gesellschaftliche Problemkonstellationen |
| die Kompetenzdimensionen | Fallbeispiele |
| die Standards für Evidenz, Integration und Synthese | konkrete Anwendungen und Kooperationsanlässe |
| die Logik der Prüfungen und Artefakte |
Gerade diese Verbindung von Struktur und Offenheit macht den Studiengang zukunftsfähig. Das Gerüst sichert Verlässlichkeit, Vergleichbarkeit und Qualität; die wechselnden Themen halten den Studiengang anschlussfähig an gesellschaftliche Entwicklungen, wissenschaftliche Debatten und neue Problemstellungen.
Realisierungen, Leitung und Themenauswahl
Realisierungen des Studiengangs Future Analytics
Der MASTER Future Analytics wird nicht als einmalig festgelegtes Programm verstanden, sondern als Studiengangsmodell mit mehreren thematischen Realisierungen. Die erste Realisierung ist der internationale MASTER Future Analytics: AI & Audio Worlds. Sie bildet die erste konkrete Ausprägung des Studiengangs und macht exemplarisch sichtbar, wie das Modell inhaltlich ausgestaltet werden kann.
Geplant sind weitere Realisierungen, die sich jeweils neuen Zukunftsthemen widmen. Jede Realisierung wird einmalig angeboten und richtet sich thematisch neu aus. Damit reagiert das Format auf die Einsicht, dass Zukunftsthemen nicht dauerhaft festgeschrieben werden können, ohne an Relevanz zu verlieren.
Leitung durch Future Chairs
Jede Realisierung wird von zwei Future Chairs geleitet, also von zwei Professor*innen aus unterschiedlichen Fachbereichen, die den Studiengang gemeinsam im Sinne einer interdisziplinären Doppelspitze verantworten.
Dieses Modell ist nicht nur organisatorisch, sondern auch didaktisch zentral: Die Doppelspitze macht unterschiedliche epistemische Kulturen, Fachlogiken und methodische Zugänge sichtbar und verankert transdisziplinäre Zusammenarbeit institutionell.
Auswahl und Themen der Realisierungen
Für weitere Realisierungen ist ein hochschulinterner Auswahlprozess vorgesehen. Professor*innen der Universität Hildesheim können Skizzen für künftige Masterprogramme einreichen. Das Projektteam ordnet diese fachlich und strategisch ein und bereitet eine Empfehlung für die Hochschulleitung vor.
Die Auswahl der Themen erfolgt damit im Spannungsfeld von wissenschaftlicher Relevanz, transdisziplinärem Potenzial, gesellschaftlicher Anschlussfähigkeit und strategischer Hochschulentwicklung.
Didaktisches Selbstverständnis und Studienlogik
Wissenschaftlich, transdiziplinär, transformativ
Wissenschaftlichkeit bedeutet, dass Studierende theoretische und methodische Fundierungen aufbauen, Forschungsstände einordnen, Evidenz prüfen und Grenzen von Modellen, Methoden und Annahmen reflektieren. Wissen gilt dabei nicht als einfach gegeben, sondern als historisch gewachsen, perspektivisch und mitunter umkämpft.
Transdisziplinarität bedeutet, dass unterschiedliche Fachkulturen, Denkstile und Methoden nicht eingeebnet, sondern bewusst aufeinander bezogen werden. Studierende lernen, zwischen Disziplinen zu übersetzen, gemeinsame Begriffe zu entwickeln und in heterogenen Teams tragfähige Arbeitsformen zu finden.
Transformation meint, dass der Studiengang nicht bei Analyse stehen bleibt. Er zielt auf Reflexions-, Urteils- und Gestaltungskompetenz. Studierende setzen sich mit gesellschaftlichen Veränderungsprozessen auseinander und entwickeln wissenschaftlich fundierte, verantwortbare Perspektiven auf mögliche Zukünfte.
Didaktisches Selbstverständnis
Future Analytics versteht Zukunft nicht als vorhersagbares Objekt, sondern als offenes, umkämpftes und gestaltbares Problemfeld. Entsprechend ist die Lehre nicht auf die Vermittlung fertigen Wissens ausgerichtet, sondern auf die Befähigung, mit Komplexität, Unsicherheit und widersprüchlichen Evidenzen wissenschaftlich reflektiert umzugehen.
Der Masterstudiengang ist didaktisch als transdisziplinärer Forschungs- und Gestaltungsraum für Zukunftsthemen angelegt. Die Lehre verbindet wissenschaftliche Fundierung, projekt-, problem- und forschungsbasiertes Arbeiten, reflexive Lernprozesse sowie eine klare Orientierung an Zusammenarbeit, Urteilskraft und Gestaltungskompetenz.
Didaktische Prinzipien
- Zukunft als offenes Problemfeld
- Problemformulierung vor Problemlösung
- Projekt- und forschungsbasiertes Lernen
- Iteration statt Linearität
- Wissen als perspektivisch und umkämpft
- Reflexion als integraler Bestandteil
- Verantwortung und Gestaltung
Kompetenzprofil der Absolvent*innen
Absolvent*innen von Future Analytics sind wissenschaftlich fundierte, reflektierte und gestaltungsfähige Akteur*innen. Sie verbinden analytische Tiefe mit transdisziplinärer Übersetzungsfähigkeit, können unter Bedingungen von Unsicherheit urteilen und sind befähigt, komplexe Zukunftsfragen verantwortungsvoll zu bearbeiten und mitzugestalten.
Sie können wissenschaftliche Theorien, Konzepte und Methoden einordnen und anwenden, Evidenz, Daten und Quellen kritisch beurteilen, Unsicherheiten und Grenzen transparent machen, komplexe Problemräume strukturieren, verschiedene Wissensformen integrieren, in heterogenen Teams arbeiten, ethische und gesellschaftliche Implikationen reflektieren und Ergebnisse adressatengerecht kommunizieren.
Prüfungslogik
Die Prüfungslogik des Studiengangs ist auf sichtbare Performanz ausgerichtet. Bewertet wird nicht nur, was Studierende am Ende vorlegen, sondern auch, wie sie dorthin gelangen: welche Entscheidungen sie treffen, wie sie Evidenzen begründen, wie sie mit Unsicherheit umgehen und wie sie Integrationsleistungen erbringen.
Prüfungsrelevant sind daher nicht nur Endprodukte, sondern auch Prozesse der Entwicklung, Revision, Begründung und Reflexion. Projektberichte, Portfolios, Prototypen, Präsentationen, Visualisierungen oder andere Artefakte machen diese Leistungen sichtbar und nachvollziehbar.
Innovatives Lernen & Lehren: Forschungsprojekt, Peer-Teaching, Labs & Mentorat
Future Analytics ist nicht nur inhaltlich, sondern auch in seiner Lehr-Lern-Architektur innovativ angelegt. Der Studiengang verbindet unterschiedliche didaktische Formate, die Studierende über das gesamte Studium hinweg in forschendes, reflexives und kooperatives Arbeiten hineinführen. In der Verbindung von Forschungsprojekt, Peer-Teaching, Labs und Mentorat wird die didaktische Grundidee des Studiengangs konkret: Future Analytics schafft einen Lernraum, in dem wissenschaftliche Fundierung, transdisziplinäre Zusammenarbeit, Reflexion und Gestaltung systematisch miteinander verschränkt sind.
Forschungsprojekt
Ein zentrales Element ist das projekt- und forschungsbasierte Arbeiten an offenen Zukunftsfragen. Studierende bearbeiten komplexe Problemstellungen nicht nur anhand vorgegebener Inhalte, sondern entwickeln eigene Fragestellungen, strukturieren Problemräume, wählen Methoden begründet aus und führen unterschiedliche Wissensformen in konkreten Forschungs- und Projektzusammenhängen zusammen. Die Forschung im „Student research-Projekt“ über Semester 2 und 3 ist damit nicht Ergänzung zum Studium, sondern sein didaktischer Kern.
Peer-Teaching und kooperative Wissensproduktion
Ein weiterer Baustein ist Peer-Teaching. Studierende lernen nicht nur von Lehrenden, sondern auch miteinander und aneinander. Sie bringen unterschiedliche fachliche Perspektiven ein, erklären Konzepte wechselseitig, entwickeln gemeinsame Begriffe und erproben Formen wissenschaftlicher Zusammenarbeit in heterogenen Teams. So wird transdisziplinäres Lernen als soziale und kommunikative Praxis erfahrbar.
Labs als Räume der Erprobung
Labs bilden im Studiengang experimentelle Räume, in denen Analyse, Entwurf, Erprobung und Revision zusammenkommen. Sie ermöglichen es, mit Prototypen, Modellen, Interventionen oder anderen Artefakten zu arbeiten und diese iterativ weiterzuentwickeln. Damit schaffen sie einen Rahmen, in dem wissenschaftliche Fundierung und gestalterische Praxis nicht getrennt, sondern miteinander verschränkt werden.
Akademisches Mentorat: Future Integration LAB
Ein zentrales verbindendes Element des Studiengangs ist das akademische Mentorat, das Future Integration LAB. Es begleitet die Studierenden über das Studium hinweg und schafft einen curricular verankerten Raum, in dem fachliche Entwicklung, transdisziplinäre Integration, Selbstpositionierung und professionelle Orientierung systematisch zusammengeführt werden.
Didaktisch übernimmt das Future Integration LAB mehrere Funktionen zugleich: Es begleitet Studierende bei der Verbindung ihrer fachlichen Profile mit dem Zukunftsthema ihrer Realisierung, unterstützt die Entwicklung eines individuellen Studien- und Kompetenzprofils und bietet einen kontinuierlichen Rahmen für Reflexion, Beratung und Rückbindung. Dadurch entsteht ein Ort, an dem nicht nur Ergebnisse, sondern auch Entwicklungswege sichtbar und bearbeitbar werden.
Im Future Integration LAB werden insbesondere folgende Prozesse begleitet:
die reflexive Verbindung von Kernfach, Komplementärfach und transdisziplinären Arbeitszusammenhängen,
die Entwicklung eines individuellen Kompetenz- und Interessenprofils,
die kontinuierliche Dokumentation und Reflexion von Lern- und Projektprozessen,
die Vorbereitung, Rahmung und Auswertung zentraler Studien- und Projektphasen,
die Entwicklung eines Showcases bzw. einer sichtbaren Darstellung eigener Arbeiten und Profile,
die Auseinandersetzung mit professionellen Rollen, Anschlussmöglichkeiten und späterer Employability.
Gerade weil Future Analytics mit offenen Problemfeldern, wechselnden Themen und projektförmigem Lernen arbeitet, ist ein solches Mentorat didaktisch zentral. Es schafft Verlässlichkeit im Studienverlauf, ohne die Offenheit des Studiengangs zurückzunehmen. Das Future Integration LAB ist damit nicht Ergänzung am Rand, sondern eine zentrale Struktur, die Kohärenz, Reflexion und Selbstpositionierung über die Dauer des Studiums hinweg absichert.
Future Analytics verbindet wissenschaftliche Fundierung, didaktische Kohärenz und thematische Beweglichkeit zu einem Studiengangsmodell, in dem Studierende Zukunft nicht nur analysieren, sondern lernen verantwortungsvoll mitzugestalten.
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Dr. phil. Sanne Ziethen