Ehrenbürgerin Christa Mezzetti im Interview

Sie hat sich in ihrem Leben der Bildung verschrieben. In jungen Jahren studierte sie an der Hochschule Alfeld, gelang über ein Stipendium nach Chicago, wo sie zwei Semester lang studierte. Nach ihrem Studium zog sie es nach Caracas, Venezuela, wo sie insgesamt 36 Jahre verbrachte, in der deutsch-venezolanischen Schule Colegio Humboldt unterrichtete und sich ein Leben aufbaute. Von dort ging es in späteren Jahren nach Italien, Rom, bis sie im 21. Jahrhundert zurück nach Hildesheim kam. 2012 begann sie, sich für das Deutschlandstipendium zu engagieren. 2015 folgte die Gründung der Baumgarten-Mezzetti-Stiftung für die Förderung der Bereiche Sprache, Sport und Gesundheit an der Universität Hildesheim. 2018 erfolgte die Ernennung zur Ehrenbürgerin.
„Wenn ich eine Sache auf der Welt verändern würde, dann wäre das, dass wir – wenn wir schon auf diesem Erdball in Gesellschaften leben – uns mal wieder besinnen auf das Miteinander und darauf, das Gegenüber wahrzunehmen und zu sehen. Dass wir uns individuell bemühen, Verantwortungen zu übernehmen und das umzusetzen, was man selbst immer von anderen erwartet – politisch und sozial. Das Individuum und die Bildung sind die Grundlagen der Gesellschaft. Bildung und Demokratie muss im Rahmen der Erziehung weitergegeben werden.“
Christa Mezzetti

Frau Mezzetti, mussten Sie dafür kämpfen, dass Sie damals Abitur machen durften?

Nein, wir waren froh, dass wir nach dem Krieg wieder in die Schule gehen konnten, und wir wollten lernen. Meine Eltern haben dafür gesorgt, mein Vater hat sich beispielsweise versetzen lassen, in die Nähe von Hildesheim, damit wir Kinder in die Oberschule gehen konnten.

Unsere Eltern wollten immer das Beste für uns.

 

Welchen Beruf haben sich Ihre Eltern für Sie vorgestellt?

Ich träumte immer schon davon, Pilotin werden, als Kind schon, ich wollte auf den Sternen sitzen und heruntergucken. Aber meine Eltern haben sich gar nichts vorgestellt. Letztlich wollte ich Sprachen studieren, aber nicht um Lehrerin zu werden, absolut nicht. Weil ich nämlich aus einer Lehrerfamilie komme. Ich mochte einfach Sprachen. Aber das zu studieren, ging noch nicht. Göttingen fing damit an, die Plätze waren jedoch nicht für uns Abiturienten und Abiturientinnen, sondern für die zurückgekehrten Soldaten. So war ich ein Jahr zu Hause nach dem Abitur und habe einen Strickstrumpf fertig gestrickt.

 

Welche Fächer haben Sie dann an der Pädagogischen Hochschule Alfeld studiert?

Ein ganz breites Band! Deutsch, Mathe, Erdkunde, Sport, Didaktik, Methodik, Psychologie, Religion, Kunst, Musik, Englisch als Wahlfach. Ich habe alles mitgemacht. Mit dieser Grundlagenausbildung konnten wir überall eingesetzt werden. Beton muss unten sein.

 

Heutzutage sind Auslandssemester ja fast schon Normalität. Wie „normal“ haben Sie diesen Schritt im Vergleich zu Ihrer Umgebung wahrgenommen?

Als der Krieg zu Ende war, begann Amerika, Europa die Demokratie nahezubringen und Stipendien zu vergeben, besonders für Pädagogen und Pädagoginnen. Wir waren diejenigen, die die Jugend aufwachsen sahen und beeinflussen konnten durch unseren Unterricht. Wir sollten die Demokratie leben und weitergeben. So fing Amerika in den 50ern an, die hiesigen Hochschulen zu kontaktieren. Ich war im Harz, im Skiuralub, als ich einen Anruf von der Hochschule bekam, weil ein Professor mich für ein solches Stipendium vorgeschlagen hatte. Ich fiel aus allen Wolken. Schüchtern, wie ich damals war, habe ich mir das erst nicht zugetraut. Und ich wunderte mich über mich selbst, als ich mich dann doch für das Stipendium entschied.

 

Was hat Sie nach Ihrem Leben in Amerika und Italien wieder nach Hildesheim gezogen?

Der Alltag, wenn man alt wird, wird beschwerlicher. Da ich keine Familie in Italien mehr habe und mein italienischer Mann bereits verstorben war, kam ich zurück nach Hildesheim.

 

Wie sind Sie 2012 auf die Idee gekommen, sich für das Deutschlandstipendium zu engagieren?

Ich hätte gerne noch eine kleine Aufgabe gehabt in meinem Leben. Ich wollte helfen und machen, wo ich helfen kann. Ich wollte jungen Leuten helfen, die keine Unterstützung erfahren. Mir geht es nicht darum, etwas Gutes zurückzugeben, sondern Hauptsache, Bildung zu ermöglichen.

 

Und was war der Auslöser, dass Sie 2015 eine eigene Stiftung gründeten?

Selbstbestimmung spielt da eine Rolle, ich kann entscheiden, an wen das Geld geht, wer es besonders nötig hat. Meine Gründe sind da seelisch und psychologisch motiviert. Und nach meinem Tod soll es mit den Spenden ja weitergehen.

 

Warum liegt Ihnen besonders Sprache, Sport und Gesundheit am Herzen?

Das Musische ist mir sehr wichtig. Viel zu spät habe ich festgestellt, dass ich hätte Schauspielerin werden sollen. Ich malte gern, tagträumte, habe am Fenster gestanden und den Wolken hinterhergeschaut, Geschichten erdacht, habe geturnt und mache heute noch Fitness und pflege meine Sprachen. Aber nicht falsch verstehen: Im Beruf der Lehrerin habe ich voll und ganz meine Erfüllung gefunden.

 

Wenn Sie eine Sache auf der Welt verändern könnten, was wäre das?

Dass wir – wenn wir schon auf diesem Erdball in Gesellschaften leben – uns mal wieder besinnen auf das Miteinander und darauf, das Gegenüber wahrzunehmen und zu sehen. Dass wir uns individuell bemühen, Verantwortungen zu übernehmen und das umzusetzen, was man selbst immer von anderen erwartet – politisch und sozial. Das Individuum und die Bildung sind die Grundlagen der Gesellschaft. Bildung und Demokratie muss im Rahmen der Erziehung weitergegeben werden.

 

Interviewerin: Barbara Odendahl, studentische Mitarbeiterin im Friend- & Fundraising