Zusammenarbeit zwischen Schule und Kultureinrichtungen

Dienstag, 06. Januar 2015 um 11:28 Uhr

Sie entwickeln ein Theaterstück über Flucht und Krisen oder drehen einen Actionfilm: Wie wirksam sind Programme, die die Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Schulen fördern? Das möchten Kulturpolitikforscher herausfinden.

Die Schule soll es lösen, sie soll die Schlüsselrolle übernehmen, damit Kunst zum Bestandteil im Alltag von Kindern und Jugendlichen werden kann – unabhängig von sozialer oder kultureller Herkunft. Schließlich gehen alle Kinder in die Schule, hier stößt man auf Vielfalt. Doch kulturelle Bildung kommt an vielen Schulen zu kurz, so die Kritik. Wie wirksam Programme wie „Kulturagenten für Kreative Schulen“ sind, untersuchen Wissenschaftler des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Tobias Fink, Doreen Götzky, Thomas Renz und Professor Wolfgang Schneider gehen seit Mitte 2013 der Frage nach, was in solchen Kooperationen zwischen Kultureinrichtungen und Schule passiert und wer mit wem zusammenarbeitet. Dabei untersuchen sie das bundesweit größte Modellprogramm zum Thema kulturelle Bildung.

Seit 2011 sollen mit dem Programm „Kulturagenten für Kreative Schulen“ der Bundeskulturstiftung und der Stiftung Mercator langfristige Kooperationen zwischen Künstlern und Kultureinrichtungen sowie 138 Schulen in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Berlin, Hamburg und Thüringen aufgebaut werden. Dabei kommen 46 sogenannte Kulturagenten zum Einsatz, die die Zusammenarbeit jeweils über einen Zeitraum von vier Jahren begleiten.

Die Hildesheimer Forscherinnen und Forscher untersuchen nun die Wirkung und Qualität dieser Kooperationen. „Wir wollen herausfinden, ob und was in der Zusammenarbeit zwischen freien Künstlern, Kulturinstitutionen, Schulen und Ehrenamtlichen gelingt – und welche Faktoren Kooperationen behindern“, sagt Tobias Fink. So hakt es oft an mangelnder Kommunikation zwischen Kultureinrichtung und Schule – die Kulturagenten sollen hier Abhilfe leisten und Brücken schlagen, so der Anspruch.

In Hamburg erzählen Schülerinnen und Schüler in einem Theaterstück eine Geschichte über Flucht und Vertreibung, ein Filmemacher wird zum Agenten und dreht mit Jugendlichen einen Actionfilm. Absolventen des Hildesheimer Studiengangs „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis“ sind beteiligt, etwa Carolin Berendts, die in Deutschland und Frankreich Kulturvermittlung studierte und sich mit Berliner Schülern und Lehrerkollegien aus drei Gemeinschaftsschulen im Bezirk Treptow-Köpenick literarisch Anna Seghers näherte, einen Verlag erkundete und mit einer Fotografin großformatige Portrait- und Bewegungsaufnahmen erstellte. Oder die Hildesheimer Absolventin Katja Bernhardt, die nach dem Studium drei Jahre am Goethe-Institut in Russland und Kasachstan tätig war, dann Jugendtheatergruppen leitete und sich damit befasst, wie Kinder durch Theaterspielen „spielend Sprache lernen“. Als Kulturagentin initiierte sie an thüringischen Schulen, dass Neuntklässler unter Anleitung von Erfurter Poetry Slammern literarische Texte produzieren und präsentierten und Zehntklässler sich in Theaterszenen und Improvisationen mit Krisen und Chancen befassen.

Erste Untersuchungen des Forscherteams zeigen: Die Kulturagenten können eigenständig ihr Arbeitsfeld gestalten und dieses sehr unterschiedlich ausfüllen, was auch Einfluss auf die entstehenden Kooperationen hat. Seit Herbst untersucht die Hildesheimer Arbeitsgruppe in Fallstudien die Arbeit der Agenten vor Ort. Dabei will sie herausfinden, welche verschiedenen Kooperationsformen im Programm existieren: Wie oft mit einem Partner zusammengearbeitet wird, ob die Projekte gemeinschaftlich, „maßgeschneidert“ zwischen Schule und Kulturinstitution entwickelt oder ob meist Angebote genutzt werden, die sowieso schon in den Kultureinrichtungen vorhanden sind. Und sie fragen, wie nachhaltig entstandene Kooperation sind. Der abschließende Forschungsbericht soll im Frühjahr 2016 vorliegen. Die dreijährige Begleitforschung wird in Kooperation mit der Kulturstiftung des Bundes durchgeführt.

Kulturvermittlung studieren

An der Universität Hildesheim ist mit dem Institut für Kulturpolitik ein Zentrum für kulturpolitische Forschung entstanden. In einem Masterstudiengang „Kulturvermittlung“ bildet die Universität Fachleute aus, die eigene künstlerische Praxis mit wissenschaftlichen Kenntnissen in Kulturmanagement, Kulturpolitik und Kultureller Bildung verbinden. Insgesamt studieren etwa 1100 Kulturwissenschaftsstudierende an der Universität Hildesheim. Drei Viertel kommen aus anderen Bundesländern und dem Ausland in die niedersächsische Stadt. Seit 2014 sind neben den Instituten für Literarisches Schreiben, Theater, Medien und populäre Kultur, Musik, Bildende Kunst auch die Bereiche Philosophie und Kulturpolitik auf dem Kulturcampus angesiedelt und alle kulturwissenschaftlichen Fächer somit „unter einem Dach".


Einmal und nie wieder? Eine Arbeitsgruppe der Uni Hildesheim untersucht, wie Schulen und Kultureinrichtungen zusammenarbeiten. Welche Rolle Künste im Leben Jugendlichen spielen, damit befassen sich die Kulturpolitikforscher. Das Bild unten zeigt die Ballett-AG einer Gesamtschule in Dortmund mit dem Choreographen Justo Moret Ruiz im Kulturagenten-Programm. Fotos: Regina Nizamogullari (Ballett), Paul Krüerke (Themenbild Studium)