Zur Beschäftigungssituation des akademischen Mittelbaus: Ergebnisse der dritten Mittelbau-Befragung erschienen

Montag, 06. Juli 2020 um 14:44 Uhr

Über die Bedarfe und Anforderungen des akademischen Mittelbaus gibt der im Juni 2020 erschienene Bericht „Zur Beschäftigungssituation des akademischen Mittelbaus“ Auskunft. Darin werden die Ergebnisse der dritten Befragung der wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeiter_innen der Universität Hildesheim vorgestellt.

Die Universität Hildesheim hat das Leitziel guter und fairer Arbeitsbedingungen für den akademischen Mittelbau in ihrer Entwicklungsplanung „MINERVA 2025“ verankert. Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist Teil des Leitbildes der Universität.

„Hochschulentwicklung ist eine Gemeinschaftsaufgabe“

„Hochschulentwicklung ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Damit sie gelingt, brauchen wir umfassende Informationen über die Arbeitsbedingungen“, sagt Universitätspräsident Professor Wolfgang-Uwe Friedrich.

Eine Arbeitsgruppe der Konferenz der wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeiter_innen (KWM) hat zum dritten Mal eine Befragung unter den wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeiter_innen der Universität Hildesheim durchgeführt, die Beschäftigungssituation des Mittelbaus erhoben und ausgewertet. Die Befragung „Zur Beschäftigungssituation des akademischen Mittelbaus“ erfolgte in Kooperation mit dem „audit familiengerechte hochschule“ sowie mit Unterstützung des Präsidiums.

Die Ergebnisse der Befragung sollen dabei helfen, Maßnahmen anzustoßen sowie die Wirksamkeit von in den Vorjahren vorgenommenen Schritten zu evaluieren. Die Ergebnisse der Mittelbaubefragung sollen auch Impulse für das 2019 gegründete Graduiertenzentrum der Universität liefern, das die akademische Personalentwicklung durch Angebote zur Qualifizierung, Finanzierung und Beratung fest etabliert.

„Die Mittelbaubefragung gibt einen differenzierten Einblick in die Arbeitsbedingungen des Mittelbaus und die verschiedenen Anforderungen, bei denen es insbesondere auch darum geht, die Lehre mit der eigenen wissenschaftlichen Weiterqualifizierung zu vereinbaren. Zusammen mit anderen Befragungen, etwa einer Bedarfserhebung zu gewünschten Angeboten des Graduiertenzentrums, liefert sie eine gute Grundlage für die akademische Personalentwicklung. Dabei wird klar, anders als der Begriff „Mittelbau“ suggeriert, wie heterogen diese Gruppe ist. Dies muss akademische Personaentwicklung berücksichtigen. Deutlich wird zudem, was wir in nächster Zeit verstärkt angehen sollten. Dazu gehören m.E. vor allem auch die Mitarbeiter_innengespräche, die noch zu wenig stattfinden“, sagt Professorin Meike Sophia Baader, Vizepräsidentin für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs.

47 Prozent (229 Personen) der wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeiter_innen und Lehrkräften für besondere Aufgaben haben sich an der Befragung beteiligt.

„Der hohe Befristungsanteil im Wissenschaftssektor ist für viele Befragte ein sehr relevantes Thema. Die Universität Hildesheim wird insgesamt als positiver Arbeitgeber wahrgenommen und der kollegiale Umgang sehr geschätzt“

„Aktuelle Zahlen der Personalstatistik für Hildesheim zeigen, dass 74 Prozent der Beschäftigten im Mittelbau befristet sind. Bundesweit sind es an allen Hochschulen 80 Prozent. Schaut man im Vergleich auf die Befristungszahlen von allen abhängig Beschäftigten in Deutschland, haben von diesen gut 12 Prozent einen befristeten Arbeitsvertrag. Der hohe Befristungsanteil im Wissenschaftssektor ist daher für viele Befragte ein sehr relevantes Thema“, sagt Per Holderberg. Der wissenschaftliche Mitarbeiter leitete die dritte Erhebung und nahm die Auswertung vor.

Weiter führt Per Holderberg aus: „Hintergrund ist ein Bundesgesetz: Die Wissenschaftler_innen in Deutschland unterliegen bei der Befristung von Arbeitsverträgen dem sogenannten Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Das Sonderbefristungsrecht gilt für alle Arbeitsverträge, bei denen die Beschäftigung zur Förderung der eigenen wissenschaftlichen oder künstlerischen Qualifizierung dient beziehungsweise die Stelle aus Drittmitteln finanziert wird. Wissenschaftler_innen an der Stiftung Universität Hildesheim geben im Durchschnitt eine Vertragslaufzeit von 35 Monaten an. Bei der Arbeitszeit heben die Befragten eine hohe Mehrarbeit hervor: Während Vollzeitbeschäftigte angeben 7 Stunden mehr pro Woche als vertraglich vereinbart zu arbeiten, liegt der Anteil bei den Beschäfigten mit einer halben Stelle bei 13 Stunden. In der Befragung von 2019 wurde erstmal erfasst wofür die Befragten ihre Arbeitszeit aufwenden. Über 50 Prozent der Zeit fließt in die Lehr- und Prüfungsverpflichtung sowie die Betreuung der Studierenden und Promovenden. Die Lehre in Hildesheim hat einen außerordentlich hohen Stellenwert, der sowohl der Betreuung und Ausbildung der Studierenden zu Gute kommt, aber auch einen individuellen Zielkonflikt für die eigene wissenschaftliche Weiterqualifikation oder projektbezogene Forschungen darstellen kann. Wir konnten ebenfalls mit der Befragung herausfinden, dass 58 Prozent der Befragten zum Arbeitsplatz pendeln. Die Wissensarbeiter_innen an Hochschulen sind soziologisch betrachtet die Avantgarde einer immer mobiler werdenden Arbeitsgesellschaft. Für die Vereinbarkeit von Promotion, Familie, Beruf und Karriere sind die vertraglichen Arbeitsbedingungen insgesamt von einer hohen Unsicherheit gekennzeichnet. Einerseits wirkt sich dies negativ auf die Familienplanung aus (43 Prozent geben an, einen Kinderwunsch zurückzustellen: bei Frauen liegt der Wert mit 50 Prozent doppelt so hoch wie bei den Männern!). Andererseits heben die Mitarbeiter_innen auch die hohe subjektive Zufriedenheit, Autonomie und die intrinsische Motivation an der wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit hervor. Es herrscht eine hohe Identifikation mit der Profession. Die Universität Hildesheim wird insgesamt als positiver Arbeitgeber wahrgenommen und der kollegiale Umgang sehr geschätzt. Für folgende Befragungen wünschen sich große Teile des Mittelbaus die Erweiterung um einen qualitativen Zuschnitt der Evaluation der Arbeitsbedingungen, welche die individuelle Situation, in der sich viele Beschäftigte befinden, stärker sichtbar macht.“

„Es ist gut und wichtig, dass wir die Arbeitssituation der wissenschaftlichen und künsterlischen MitarbeiterInnen regelmäßig abfragen. So sehen wir auch von Seiten der Mittelbauvertretung, was gut läuft, aber vor allem auch, wo noch Probleme und Hindernisse sind, die wir im Dialog mit der Hochschulleitung adressieren müssen und die wir bei erfreulicherweise gelingender Kommunikation mit dem Präsidium auch adressieren können. Wir freuen uns auf ein gemeinsames Umsetzen unserer im Mittelbaubericht ausgesprochenen Empfehlungen“, so das SprecherInnenteam der Konferenz der wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeiter_innen (KWM).

Die regelmäßige Befragung des akademischen Mittelbaus und die Evaluation der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen ist in den Leitlinien „Wissenschaft als Beruf attraktiv machen“ vorgesehen, die im Jahr 2017 von den Gremien der Universität erarbeitet wurden. Dadurch wird gewährleistet, dass der Dialog über die Beschäftigungsbedingungen des Mittelbaus zwischen der Hochschulleitung und der KWM eng auf dessen gegenwärtige Bedarfe hin ausgerichtet wird. Von besonderer Bedeutung sind auch Mitarbeiter_innengespräche, zu denen akademische Führungskräfte verpflichtet sind.

Die Mittelbaubefragung finden Sie online unter folgendem Link:

Holderberg, Per (2020): Zur Beschäftigungssituation des akademischen Mittelbaus – Ergebnisse der dritten Befragung der wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeiter_innen der Stiftung Universität Hildesheim. Universitätsverlag Hildesheim.


Per Holderberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter, leitete die dritte Erhebung der Mittelbau-Befragung und nahm die Auswertung vor. „Hochschulentwicklung ist eine Gemeinschaftsaufgabe“, sagt Professor Wolfgang-Uwe Friedrich. „Die Mittelbaubefragung gibt einen differenzierten Einblick in die Arbeitsbedingungen“, sagt Vizepräsidentin Professorin Meike Sophia Baader. Fotos: Julia Moras, Isa Lange