Zuhörtelefon während der COVID-19-Pandemie: Studierende der Uni Hildesheim bieten ein anonymes Gesprächsangebot

Dienstag, 16. Februar 2021 um 08:11 Uhr

Psychologiestudierende der Universität Hildesheim haben vor drei Monaten das „Anonyme Zuhörtelefon“ gestartet. Das Gesprächs- und Zuhörangebot stößt auf großes Interesse. Täglich vier Stunden hören die Studierenden zu und bieten so Raum, eine Sorge auszusprechen.

Prof. Dr. Claudia Mähler vom Institut für Psychologie der Universität Hildesheim begleitet das Projekt „Anonymes Zuhörtelefon“ mit einer Supervision.

Über das Engagement der Studierenden sagt Professorin Mähler: „Es ist beeindruckend, wie es einigen Studierenden gelingt, in dieser durchaus anstrengenden und schwierigen Zeit ein offenes Ohr für die Probleme anderer zu haben. Und das Zuhörtelefon erweist sich als win-win-Situation: Während die Anrufer*innen  Unterstützung finden, schulen die Studierenden ihre Gesprächsfähigkeiten in der telefonischen Beratung.“  

Im Interview sprechen die Studentinnen Alexandra Jeschow, Melina Luker, Noelia Wehrhahn, Katharina Schiffer, Manon Schwake und Sandra Schwarz über ihr Projekt und wie sie Menschen dabei unterstützen, mit ihren Sorgen und Ängsten, Gefühlen und Gedanken während der COVID-19-Pandemie nicht alleine zu sein.

Das Projekt soll auch über die Pandemie hinaus fortgeführt werden. Das Angebot ist kein Krisentelefon, sondern ein reines Zuhörangebot.

Interview mit den studentischen Initiatorinnen des Zuhörtelefons

Frau Jeschow, Sie studieren Psychologie und haben mit weiteren Studierenden das „Anonyme Zuhörtelefon“ initiiert. Was ist das Anliegen Ihres Projekts? Auf Ihrem Informationsplakat heißt es: „Egal wie klein oder groß die Sorge, wir alle können ab und zu eine Person gebrauchen, die uns wertschätzend, neutral und unvoreingenommen zuhört“.

Alexandra Jeschow: Als im März 2020 der erste Lockdown aufgrund der Pandemie kam, haben wir als Psychologiestudierende uns gefragt, wie wir in dieser schwierigen Zeit eingreifen können, um Menschen zu helfen, die besonders unter den Umständen leiden.

Da kam uns die Idee des Zuhörtelefons – ein niedrigschwelliges, kostenloses Angebot für jede Person, die jemanden zum Reden braucht. Zunächst war es als Corona-Zuhörtelefon geplant, allerdings haben wir festgestellt, dass bei vielen Menschen auch außerhalb von coronabedingten Belastungen Redebedarf besteht. Deshalb soll unser Projekt auch über die Pandemie hinaus weiterlaufen.

Seit wann läuft das Projekt und wie viele Anrufe haben Sie bereits entgegengenommen?

Melina Luker: Nach einer Probewoche und einigen organisatorischen Hürden hat das Projekt am 9. November 2020 offiziell unter der Trägerschaft des Vereins für Suizidprävention Hildesheim begonnen. Insgesamt haben wir inzwischen mehrere Dutzend Anrufe entgegengenommen.

Wie setzen Sie das Zuhörtelefon um? Wie viele Studierende sind daran beteiligt?

Noelia Wehrhahn: Die Trägerschaft für unser Projekt übernimmt der Verein für Suizidprävention. Von diesem erhalten wir auch die Möglichkeit die Räume des Vereins, in denen üblicherweise das Krisentelefon arbeitet, für unsere Telefonate zu nutzen.

Wir arbeiten mit einem Onlinetelefoniesystem, mit welchem Anrufe, die bei der Festnetznummer des „Anonymen Zuhörtelefons“ eingehen, auf die Mobiltelefone der Freiwilligen, die die Schicht übernehmen, weitergeleitet werden. So kann also jede:r Freiwillige selber entscheiden, wo er oder sie gerne telefonieren möchte. Es gibt zwei Schichten täglich, in denen die Freiwilligen erreichbar sind: vormittags von 10:00 bis 12:00 Uhr und nachmittags von 16:00 bis 18:00 Uhr. Ab 18:00 Uhr ist dann das Krisentelefon vom Verein für Suizidprävention erreichbar. So haben die Anrufenden die Wahl, zu welcher Tageszeit sie am liebsten sprechen möchten. An dieser Stelle ist es vielleicht wichtig zu erwähnen, dass es sich bei unserem Angebot, im Gegensatz zu dem des Vereins für Suizidprävention, nicht um ein Krisentelefon handelt, sondern um ein reines Zuhörangebot.

Katharina Schiffer: Im Moment sind 6 Mitglieder der Fachschaft Psychologie der Universität Hildesheim an der Organisation des Projektes beteiligt und etwa 30 Freiwillige, die telefonieren.

Wie wird das Angebot des anonymen Zuhörtelefons angenommen?

Manon Schwake: Wir haben den Eindruck, dass unser Projekt bislang sehr gut angenommen wurde. Nicht nur die Unterstützung von dem Verein für Suizidprävention, sondern auch die Hilfe von Frau Professorin Dr. Claudia Mähler, die mit uns die Supervisionen abhält, zeigt uns, dass unser Angebot wertgeschätzt wird. Bislang haben auch schon einige regionale Zeitungen und Radiosender von unserem Projekt berichtet, und neuerdings auch Sat1 regional. In der Öffentlichkeit hier in der Region haben wir also auch schon Fuß gefasst.  

Auf welchen wissenschaftlichen Grundlagen basiert das Projekt?

Sandra Schwarz: Wir arbeiten nach dem Modell des „aktiven Zuhörens“ von Rogers. Das Wichtigste hierbei ist die Grundhaltung von Empathie, unbedingter Wertschätzung und Kongruenz gegenüber der anrufenden Person beizubehalten. Wir als Zuhörende sollten zwar „professionell“, aber auch „echt“, also wir selbst sein.

Im Gespräch wenden wir unterschiedliche Techniken an, wie das Paraphrasieren, Verbalisieren oder Spiegeln von Inhalten, die die:der Anrufer:in uns mitteilt. Wichtig ist dabei auch, das Gesagte nicht zu werten oder die anrufende Person in eine bestimmte Richtung zu drängen, sondern so neutral und empathisch wie möglich zu sein und ihr durch die genannten Techniken zu helfen, sich selbst zu ordnen.

Das Interview führte Isa Lange.

Kontakt:

Das Zuhörtelefon ist täglich von 10:00 bis 12:00 Uhr und von 16:00 bis 18:00 Uhr unter der Telefonnummer 05121 51 62 88 erreichbar.


Die Studentinnen Alexandra Jeschow und Sandra Schwarz gehören zu den Initiatorinnen des Zuhörtelefons. Sie studieren am Institut für Psychologie der Universität Hildesheim. Fotos: privat