Wissenschaftsraum mit Hildesheimer Beteiligung: Hannover-Hildesheim Urban Living Lab for Sustainablity (HULLS)

Mittwoch, 03. Juli 2024 um 10:15 Uhr

Ein Forschungsteam aus Wissenschaftler*innen der Hochschule Hannover, der Universität Hildesheim, der HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen und der Leibniz Universität Hannover beschäftigt sich ab dem 1. Oktober 2024 mit der Konzeption und Implementierung eines Reallabors (Urban Living Lab), in dem gesamtgesellschaftliche Herausforderungen aus den Bereichen Mobilität, Logistik, Quartierenergiemanagement, New Work und Verwaltung erforscht werden. Ziel ist es, Maßnahmen zur Gestaltung und Bewältigung der Herausforderungen unter Nachhaltigkeitsaspekten zu entwickeln. Dabei ermöglicht die fünf Jahre andauernde Kooperation, für die das MWK Niedersachsen eine Fördersumme von 2.817.100 Euro bewilligt hat, das Bündeln von Ressourcen und Know-how. Federführend ist die Fakultät IV der Hochschule Hannover.

In einem hochschulübergreifend genutzten Reallabor soll untersucht werden, wie sich Mobilität, Logistik, Wohnen und der Digitale Staat verändern und welche Chancen sich durch eine Vernetzung der Bereiche ergeben. Dabei steht die Teilhabe betroffener Interessenvertreter*innen im Zentrum, gemeint sind insbesondere Bürger*innen, Unternehmen und staatliche Institutionen. Sie sollen sich innerhalb eines digitalen Entwicklungsorts mit Fragen aus der und für die Gesellschaft auseinandersetzen: Ihnen werden neue Prozesse und Angebote für Warenlieferungen, Mobilität, Energiemanagement und New Work nahegelegt, die dazu beitragen könnten, die gesellschaftliche Teilhabe zu verbessern. Durch die Analyse ihrer Reaktionen fließen ihre Sichtweisen, Bedürfnisse und Anforderungen in Lösungen für die Hildesheimer und Hannoveraner Stadtgesellschaften sowie das identifizierte Untersuchungsquartier ein.  Insgesamt entstehen somit nachhaltige Lösungen, die den Konsens von Gesellschaft und Wirtschaft treffen und die einen fundierten Wissens- und Kompetenztransfer ermöglichen.

Abbildung: Forschungsskizze zu HULLS

Somit birgt das Projekt Potential über die reine Forschung hinaus, es hat auch Auswirkungen auf Lehre und Wissenstransfer und – vor allem – den öffentlichen Raum, wie aus den vier Funktionen des Reallabors ersichtlich wird:

  • Datenquelle: Es ermöglicht die wissenschaftliche Analyse und Evaluation von Maßnahmen zur Förderung von Sustainable Living (nachhaltigkeitsorientiertes Leben/Wohnen).
  • Innovationspool: Neue Ansätze einer nachhaltigen Daseinsvorsorge können entwickelt werden. Verschiedene Methoden wie etwa Simulation, Machine Learning und ein digitaler Zwilling (Abbild der Realität im rein digitalen Raum) ermöglichen es, zielgerichtete Handlungsalternativen abzuleiten.
  • Partizipationsraum: Verschiedene Interessenvertreter*innen der Gesellschaft können sich in kreative und konzeptionelle Prozesse und Entwicklungen einbringen, indem sie beispielsweise Softwarelösungen anwenden und erproben. Selbst an der wissenschaftlichen Begleitung des Projekts können sie sich beteiligen.
  • Learning Lab: Studierende der beteiligten vier Hochschulen erhalten die Chance, digitale Lösungen zu entwickeln und zu erleben.

Die Projektleitung an der Universität Hildesheim Prof. Dr. Julia Rieck ordnet das Projekt wie folgt ein: „Das Reallabor bietet dem interdisziplinär angelegten Projektteam die Möglichkeit, den Einsatz von digitalen Technologien und KI in den Bereichen Mobilität, Logistik, Wohnen und Digitaler Staat aus der Perspektive der Entwickler- und Anwender*innen zu untersuchen. Die institutionsübergreifende Zusammenarbeit im Rahmen des HULLS und die Verankerung gesamtgesellschaftlicher und nachhaltigkeitsbezogener Fragestellungen in die forschende Lehre (beispielsweise durch studentische Projekte, Lehrveranstaltungen, Ringvorlesungen etc.) ermöglichen eine stetige Weiterentwicklung anwendungs­orientierter Maßnahmen und Handlungsempfehlungen sowie die andauernde Evaluation der Forschungsergebnisse. Durch seine hohe Öffentlichkeitswirksamkeit, die durch verschiedene Veranstaltungsformate (Kreathons, Workshops etc.) erzielt wird, wird das Reallabor zu einem Anziehungspunkt, an dem nicht nur Akteure der Wissenschaft und Forschung, sondern auch weitere Interessenvertreter*innen wie Vertreter*innen der Bürger*innen, der Politik und Verwaltung sowie der Wirtschaft fortwährend zusammentreffen. Die Themen haben zudem ideale Anknüpfungspunkte zum Profilfeld ‚KI im Alltag‘ der Universität Hildesheim.“

Das von Julia Rieck genannte Profilfeld besteht aus drei Aufgabenfeldern, die eine passende Anschlussfähigkeit zu HULLS ermöglichen. Im ersten Feld „Design und Entwicklung von KI und KI-Anwendungen“ werden Systeme entwickelt, die Lösungen für Problemstellungen aus den Bereichen Mobilität, Logistik, Energiemanagement und moderne Arbeitswelt bereitstellen. Die verschiedenen Lösungen werden im Reallabor verknüpft, so dass Synergieeffekte entstehen. Das vollständige Ausschöpfen der Synergieeffekte gelingt, wenn die Informationskompetenz der Interessenvertreter*innen die Nutzung und Akzeptanz der im Reallabor eingesetzten Systeme zulässt. Die Möglichkeiten, dies zu untersuchen, passen zum zweiten Aufgabenfeld „Analyse gesellschaftlicher Transformationen durch KI und Digitalisierung“. Im dritten Aufgabenfeld „Entwicklung interaktiver (hybrider) Methodenkombinationen“ entwickeln Wissenschaftler*innen in Hildesheim multimodale KI-Modelle, welche die vielfältigen Datenquellen, beispielsweise technische Messwerte sowie menschliche Verhaltensweisen und Entscheidungen, miteinander verknüpfen.

Entsprechend liegen die nachfolgenden Aufgabenbereiche bei der Universität Hildesheim:

Unter Leitung von Prof. Dr. Julia Rieck (Institut für Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik, Abteilung Betriebswirtschaft und Operations Research)

  • Aufbau von (Verkehrs-)Simulationsmodellen
  • Implementierung von Optimierungsmodellen
  • Erarbeitung und Erprobung von Maßnahmen in den Bereichen Forschung, Lehre und Transfer im Untersuchungsquartier

Unter Leitung von Prof. Dr. Ralf Knackstedt (Institut für Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik, Abteilung Informationssysteme und Unternehmensmodellierung)

  • Aufbau eines digitalen Zwillings des Untersuchungsquartiers
  • Nutzung der implementierten Infrastruktur sowie der Projekt-Resultate für die Beantragung aufbauender Forschungs- und Transfer-Projekte
  • Erarbeitung und Erprobung von Maßnahmen in den Bereichen Forschung, Lehre und Transfer im Untersuchungsquartier

Zur Kooperation mit den anderen Hochschulen

Insbesondere die Region Hannover-Hildesheim ist für den angestrebten Experimentierraum geeignet, da er sich sowohl durch eine richtungsweisende und zukunftsweisende Politik auszeichnet als auch Standort einer Vielzahl innovationsoffener Unternehmen ist. Dieser Wissenschaftsraum schließt Standorte zum Thema „Transformation des Mobilitätssektors“ sowie zum Thema „Transformation von Ballungsräumen“ zusammen. Durch das praxisbezogene und hochrelevante Vorhaben, das einen unmittelbaren Nutzen für Bevölkerung, Unternehmen und weitere Stakeholder impliziert, wird die Bekanntheit der beteiligten Institutionen erhöht und deren Attraktivität als Ausbildungsstätten, Arbeitgeber*innen und Konsortial­partner*innen in Forschungsprojekten gesteigert.

An der HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen werden an der Fakultät Bauen und Erhalten im Masterstudiengang Architektur mit Kartierungen und Testentwürfen forschende Lehrprojekte in die Arbeit des HULLS integriert. Mit Hilfe verschiedener digitaler Werkzeuge (bspw. Digitaler Zwilling), werden reale Lebensräume neu verhandelt, geschaltet und zur Nutzung freigegeben. Besonders gemeinschaftliche Räume (z.B. Außenräume, Erschließungsräume) sowie Gebäudefassaden und -dächer sollen diesem Labor seine neue Wirkungsweise und seinen Ausdruck geben. Das Installieren von Pop-Up Spaces wird durch das Vorhalten von innen- und außenliegenden freien Testräumen ermöglicht.

Unter Leitung von Prof. Dr. Till Boettger (Lehrgebiet Darstellen/Gestalten/Entwerfen)

  • Aufbau digitaler und analoger Kommunikationsmittel des Untersuchungsquartiers für Bewohner*Innen
  • Konzipierung, Umsetzung und Evaluierung von Pop-Up Spaces mit nachhaltigen Nutzungsangebot in den Schwellenräumen
  • Erarbeitung und Erprobung von Maßnahmen in den Bereichen Forschung, Lehre und Transfer im Untersuchungsquartier

An der Fakultät Management, Soziale Arbeit, Bauen, dem Lehrgebiet für Data Science in Holzminden, werden unter der Leitung von Prof. Dr. Jan Schlueter verschiedene verhaltensökonomische Modelle, im Speziellen Gamification Ansätze auf das Pendlerverhalten, entwickelt, getestet und angewendet. Hier werden im großen Umfang die Mobilitätsbedürfnisse und mögliche Veränderungen, z.B. durch zusätzliche Nutzungsanreize, wissenschaftlich überprüft. Inwiefern jedoch Verhaltensänderungen durch neue geteilte und nachhaltige Angebote geschaffen werden können, wird durch spieltheoretische Experimente im Real Estate Bevaviour Lab, quantifizierbar.

Zur Übersicht über alle vier Hildesheimer Wissenschaftsräume: www.uni-hildesheim.de/neuigkeiten/wissenschaftsraeume-fuer-niedersachsen-universitaet-hildesheim-gleich-viermal-vertreten/


Links: Forengebäude; Foto: Clemens Heidrich. Rechts: Symbolbild Kooperation aus der Public Domain von Wikimedia Commons