Wissenschaftsminister besucht sanierten Kulturcampus

Donnerstag, 06. Dezember 2018  / Alter: 9 Tage

Im Juli 2017 wurde der Kulturcampus Domäne Marienburg vom Hochwasser erfasst. 3000 Quadratmeter Erdgeschossfläche in elf Gebäuden wurden überflutet, das Burgtheater und die Steinscheune wurden schwer beschädigt. Der niedersächsische Wissenschaftsminister hat sich in dieser Woche über die Sanierung informiert und ein Bild der Lage vor Ort gemacht. Minister Björn Thümler sprach mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Studierenden des kulturwissenschaftlichen Fachbereichs.

Dekan Jens Roselt, Präsident Wolfgang-Uwe Friedrich, Kunstdidaktikerin Bettina Uhlig und Baudezernent Thomas Hanold zeigten Minister Björn Thümler das Ausmaß der Flut und den sanierten Kulturcampus Domäne Marienburg in Hildesheim. Fotos: Daniel Kunzfeld

Bei einem Rundgang über die wiederaufgebaute Domäne Marienburg sprach Wissenschaftsminister Björn Thümler unter anderem mit Professor Jens Roselt, Dekan des Fachbereichs „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis“, und mit weiteren Mitgliedern aus dem Fachbereichsrat.

„Die Leistung, den Kulturcampus wiederaufzubauen, ist gar nicht hoch genug zu bewerten – eine beachtliche Anstrengung. In Hildesheim zeigt sich der Vorteil des Stiftungsmodells: Als Stiftungshochschule konnte die Universität schnell reagieren und ohne große Ruhezeit handeln, damit der Lehrbetrieb auf dem Kulturcampus stattfinden kann“, so der Minister.

„Nach einem Jahr der Notlösungen soll der Lehrbetrieb im Frühjahr 2019 wieder vollumfänglich aufgenommen werden“, sagt der Theaterwissenschaftler Professor Roselt über den Wiederaufbau der Domäne.

Baudezernent Thomas Hanold und Universitätspräsident Professor Wolfgang-Uwe Friedrich zeigten dem Minister das Ausmaß der Flut und die erfolgte Sanierung der Domäne. „Unser Ansatz beim Wiederaufbau war, Konstruktionen zu bauen, die robust sind. So sind wir besser gewappnet für das nächste Hochwasser“, so Hanold.

Präsident Friedrich dankte dem Minister für die reibungslose und sehr gute Zusammenarbeit zwischen dem Baureferat des Wissenschaftsministeriums und dem Baudezernat der Universität. Friedrich dankt allen Universitätsmitgliedern, die sich seit der Flut mit großem Engagement und persönlichem Einsatz für den Wiederaufbau des Kulturcampus eingesetzt haben.

Minister Thümler informierte sich zudem über das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 3,4 Millionen Euro geförderte neue Graduiertenkolleg „Ästhetische Praxis“. Der Minister gratulierte allen beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Philosophie und Soziologie sowie der Kunst-, Literatur-, Theater-, Musik- und Kulturwissenschaft zum erfolgreichen DFG-Antrag. Das Hildesheimer Team untersucht in den nächsten fünf Jahren künstlerische Entstehungsprozesse.

Im Burgtheater erläuterte Professor Jens Roselt dem Minister die Besonderheit des Hildesheimer Theaterbaus. „Das Theater auf dem Kulturcampus ist ein außerordentliches Gebäude, das erste Mal entstand bundesweit ein Forschungsgebäude mit Bühne und Lager. Der Bühnenraum kann nach allen Seiten geöffnet werden. Die Theaterbühne ist unser Forschungsgerät, die DFG fördert die Großgeräte. Unsere Bühne ist ein Labor. Die Frage, wer Akteure und Zuschauer sind, läst sich vielfältig beantworten. Künstlerische Praxis ist auf unserem Campus zentral. Wir forschen nicht nur über kulturelle Praxis, sondern machen kulturelle Praxis in unseren Laboren“, so Jens Roselt.

Im Burgtheater zeigt Professorin Bettina Uhlig ab sofort bis Weihnachten eine Ausstellung mit Bildern von Kindern, die sich mit der vom Hochwasser erfassten Architektur zeichnerisch auseinandergesetzt haben.

Information von Baudezernent Thomas Hanold zum Sachstand

Sanierungsarbeiten auf dem Kulturcampus

Die Beseitigung der durch das Hochwasser entstandenen Schäden auf dem Kulturcampus konnte in den meisten Gebäuden bereits abgeschlossen werden, so dass der universitäre Betrieb mit wenigen Ausnahmen wieder regulär ablaufen kann, sagt Baudezernent Thomas Hanold. „Neben einer reinen Schadensbeseitigung wurden auch Maßnahmen umgesetzt, welche die Wiederstandskraft der Gebäude gegen nicht auszuschließende weitere Hochwasser deutlich erhöhen.“

Für die Nutzung freigegeben sind die folgenden Gebäude:

  • Haus 1 (ohne Einschränkung)
  • Haus 2 (ohne Einschränkung)
  • Haus 2a (Nutzung der Obergeschosse sowie 2a/004)
  • Haus 14 (in Betrieb, Sanierung ab Herbst 2019)
  • Haus 46 (ohne Einschränkung)
  • Haus 51 (ohne Einschränkung)
  • Haus 48 (Nutzung der Multifunktionsräume)
  • Haus 49 (ohne Einschränkung)
  • Haus 50 (ohne Einschränkung)
  • Haus 52 (abschließende Herstellung des Theaterbodens Anfang 2019)

In einigen Gebäuden liegen jedoch besondere Sachzwänge vor, die einer schnellen Sanierung entgegenstanden, so Hanold.

In der mittelalterlichen Steinscheune (Haus 31) wurden bei den Sanierungsarbeiten massive Schäden am historischen Natursteinmauerwerk festgestellt, die nicht ausschließlich auf das Hochwasser zurückzuführen sind. Um weiter fortschreitende Bauschäden abzuwenden, wurden umfangreiche Natursteinarbeiten veranlasst, die unter den Randbedingungen der derzeitigen Baufreiheit im Gebäude wesentlich kostengünstiger ausgeführt werden können, als zu einem späteren Zeitpunkt. Diese Arbeiten sind sehr zeitintensiv, da sie ausschließlich in Handarbeit erfolgen können. Sie werden voraussichtlich im Sommer 2019 abgeschlossen.

Im Hofcafé (Haus 14) wurde von den Gutachtern im Rahmen der Schadensminimierung zunächst eine reine Gebäudetrockung empfohlen. Diese konnte betriebsbegleitend durchgeführt werden, so dass das Hofcafé nach dem Hochwasser schnell wieder öffnen konnte. Allerdings zeigte sich später, dass auch im Hofcafé eine Grundsanierung unumgänglich ist. Diese wird aktuell geplant und ist für das kommende Jahr vorgesehen. Teil dieser Maßnahme ist eine Interimslösung, um die Verpflegung auf dem Campus sicherstellen zu können.

Für die Gebäude Haus 2a und Haus 48 bestanden aufgrund baulicher Problemstellungen bereits vor dem Hochwasser erste Planungen für umfangreiche Gebäudesanierungen. Entsprechende Mittel wurden vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur in diesem Jahr bewilligt. Die Beseitung der durch das Hochwasser entstandenen Schäden ist in diesen Gebäuden daher nur im Rahmen eines Gesamtkonzeptes sinnvoll, welches sämtliche Sanierungsaspekte, Anforderungen an Hochwasserschutz und Zwänge des Denkmalschutzes mit den Anforderungen der Hochschulnutzung miteinander in Einklang bringen muss. Daran wird derzeit gearbeitet, die bauliche Realisierung ist für die Jahre 2019 und 2020 vorgesehen.

Die Kosten zur Schadensbeseitigung betragen etwa 4 Millionen Euro. Zusätzlich stellte das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur 1,7 Millionen Euro zur Verbesserung des Hochwasserschutzes auf dem Universitätscampus zur Verfügung. Der Gesamtumfang der Maßnahme beträgt somit ca. 5,7 Millionen Euro.

Interview mit Professorin Bettina Uhlig

„Die Vorstellung von einem Raum in ein Bild zu übersetzen ist eine große Wahrnehmungsleistung für Kinder. Die Komplexität der entstandenen Bilder ist erstaunlich“

In den frühen Morgenstunden des 26. Juli 2017 wurde der Kulturcampus Domäne Marienburg vom Hochwasser erfasst. 3000 Quadratmeter Erdgeschossfläche in elf Gebäuden wurden überflutet, das Burgtheater wurde schwer beschädigt.

Auch die Steinscheune, der Sitz des Bilderstudios von Professorin Bettina Uhlig, wurde von den Fluten erfasst.

Seit 2011 arbeiten im „Bilddidaktischen Forschungsstudio“ jede Woche Kinder der Grundschulen Itzum und Ochtersum an ihren Bildern. Die Professorin für Kunstpädagogik und Didaktik der Bildenden Kunst untersucht in diesem Atelier, wie Kinder und Jugendliche über Bilder sprechen und an Bildern ihre Welt verstehen.

Die Kinder haben sich nach dem Hochwasser zeichnerisch mit der Architektur, dem Grundriss der Steinscheune und der Flut auseinandergesetzt. An dem Projekt haben sieben Kinder teilgenommen, die in die 2. Bis 4. Klasse der Grundschulen Ochtersum, Auf der Höhe und Itzum gehen. Im Interview berichtet die Professorin, was die Kinder beim Zeichnen herausgefunden haben.

Frau Professorin Uhlig, von dem verheerenden Hochwasser 2017 wurde auch die Steinscheune erfasst. Wie haben Sie und die Kinder des Bilderstudios sich mit dem Hochwasser und der Architektur, mit den Gebäuden, die das Hochwasser teils zerstört hat, auseinandergesetzt?

Bettina Uhlig: Zunächst waren wir sehr betroffen von der Situation. Die untere Etage der Steinscheune war völlig zerstört und von einer Schlammschicht bedeckt. Bei der Begehung nach den ersten Aufräumarbeiten bot sich ein schlimmes, aber auch interessantes Bild: Die gesamte untere Etage der Steinscheune war leer und eine Vielzahl der geretteten Gegenstände (Stühle und Waschbecken) stapelten sich im Gang der oberen Etage. Unser Bilderstudio befindet sich in der oberen Etage. Als „Bild“ war das sehr eindrucksvoll. Ich erkannte darin eine Gelegenheit für eine Raumerfahrung, die es nur selten gibt: eine völlig leere Etage. Ich habe mich entschlossen, die räumliche Situation zum Gegenstand eines mehrwöchigen Bilderstudio-Projektes zu machen.

Wie haben sich die Kinder dem zerstörten Gebäude angenähert?

Bettina Uhlig: Den Kindern standen lange Bahnen aus Transparentpapier zur Verfügung. In der Mitte wurde der Grundriss der Steinscheune (als Umrisslinie) platziert. Es war für die Kinder eine sehr intensive Erfahrung, die leere Etage zu erkunden und davon einen Grundriss anzulegen. Im zweiten Schritt sind wir vor die Tür getreten und haben gezeichnet, was vor, hinter und links und rechts der Steinscheune zu sehen ist; das sind vor allem die Gebäude des Kulturcampus. Im dritten Schritt habe ich die Frage gestellt, was sich über und unter der Steinscheune befinden könnte. Die Kinder haben ihre Zeichnungen nach oben – zum Teil bis in den Weltraum – und auch unten – zum Teil bis zum „Mittelpunkt der Erde“ ausgedehnt. Um Vorstellungen vom „oben“ und „unten“ zu entwickeln, haben wir uns zahlreiche Bilder und Bilderbücher angesehen, zum Beispiel „Sam und Dave graben ein Loch“ von Jon Klassen, das eine fiktive Geschichte von Kindern erzählt, die tiefe Gänge und den Garten neben ihrem Wohnhaus graben und am „anderen Ende“ herausfallen und dieses andere Ende irritierender Weise wieder der eigene Garten ist. Das Gestalten dieser Bilder war für mich auch eine gute Gelegenheit, um mehr über die Bildkonzepte (und die Referenzen zu sogenannten „Alltagskonzepten“) zu erfahren. Die Bilder sind ab sofort bis Weihnachten im Theatergebäude auf dem Kulturcampus zu sehen.

Was ist zum Beispiel entstanden?

Bettina Uhlig: Ein Junge war fasziniert von der Idee, dass sich unter unseren Füßen beziehungsweise unter einem Haus eine riesige unentdeckte Welt befindet. Er hat verschlungene Gänge gezeichnet, die immer weiter in die Tiefe bezeiheungsweise das Innere der Erde führen. In seinem Denken gib es kein Ende und keine andere Seite – die Gänge sind „unendlich, sie hören nie auf“.

Sie erforschen seit vielen Jahren die Imaginationsfähigkeit von Kindern, also wie man sich etwas bildhaft vorstellt. Was sind zentrale Ergebnisse aus dem Hochwasserzeichenprojekt? Was haben die Kinder zum Beispiel beim Zeichnen entdeckt und wahrgenommen?

Bettina Uhlig: Für mich war es interessant zu beobachten, wie die räumliche Vorstellung von einem Raum – als Grundfläche – in ein Bild übersetzt wird. Das ist eine große Wahrnehmungs- und Kognitionsleistung für Kinder in diesem Alter. Obwohl der Raum leer war, gab es ein große Bedürfnis nach Details und Anhaltspunkten, die mitgezeichnet werden und an denen man sich orientieren kann. Der schrittweise Transfer in größere räumliche Zusammenhänge – die Gebäude im Umfeld als Bezugsgröße – und dann das doch eher unergründliche „Oben“ und „Unten“ hat die räumlichen Horizonte der Kinder weit geöffnet und ihnen die Möglichkeit gegeben, Bilder für ihre Alltagskonzepte von Himmel, Weltraum, Universum, Boden, Erde oder das Innere der Welt zu finden und in ein Bild zu übersetzen. Das erfolgt bei einigen Kindern durch die Darstellung von Elementen, die den Bereichen Himmel und Erde zugeordnet werden – Wolken, Planeten, Felsbrocken, Diamanten – und bei anderen Kindern durch Figuren und Objekte, die in diesen Welten anzutreffen sind – unter anderem Flugzeuge, Raumschiffe, Zauberwesen. Die Komplexität der entstandenen Bilder ist erstaunlich.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Studieren auf dem Kulturcampus in Hildesheim

Kurz erklärt

40 Jahre Kulturwissenschaften: Der Kulturcampus Domäne Marienburg in Hildesheim

Die Universität Hildesheim bildet in den Kulturwissenschaften etwa 1300 Studierende aus dem gesamten Bundesgebiet und dem Ausland auf dem Kulturcampus Domäne Marienburg aus. Auf der mittelalterlichen Burganlage sind die Fächer Medien, Theater, Musik, Bildende Kunst, Philosophie, Populäre Kultur, Kulturpolitik und Literatur unter einem Dach.

Der Studiengang „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis“ verbindet Theorie und Praxis und ist der älteste Studiengang in Deutschland, der seit 1978 für Berufe in Theaterhäusern und Verlagen, in Schulen, in der Kulturverwaltung und Kulturellen Bildung qualifiziert. Auf dem Kulturcampus arbeiten rund 320 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die ältesten Teile der Burganlage, der Burgturm und das „Hohe Haus“, wurden 1346 von Bischof Heinrich III. erbaut. Zerstörung gehört zur 650 Jahre alten Geschichte der Wasserburg: die Gebäude haben Kriege und Sturmschäden erlebt, wurden zum landwirtschaftlichen Betrieb und zur Konserven- und Eisfabrik umgebaut. Der Kulturcampus ist ein Beispiel für den Erhalt und die zeitgemäße Nutzung historischer Bauten; die denkmalgeschützte Burganlage wurde für den Fachbereich „Kulturwissenschaften und Ästhetische Kommunikation“ saniert und erweitert. Im Jubiläumsjahr 2019 feiern die Hildesheimer Kulturwissenschaften ihr 40-jähriges Bestehen.

Von: Pressestelle, Isa Lange

Dekan Jens Roselt, Präsident Wolfgang-Uwe Friedrich, Kunstdidaktikerin Bettina Uhlig und Baudezernent Thomas Hanold zeigten Minister Björn Thümler das Ausmaß der Flut und den sanierten Kulturcampus Domäne Marienburg in Hildesheim. Fotos: Daniel Kunzfeld