Wie geht es dir?

Donnerstag, 16. Januar 2014  / Alter: 5 Jahre

Psychologinnen starten eine Studie über Gesundheit im Studium. Wie achten Studierende auf ihre Gesundheit, wie beeinflussen Studienbedingungen das Wohlbefinden? Ab sofort können Studierende teilnehmen. Hinter dem Gesundheitsmonitoring steckt ein Forschungsprojekt: Nur drei Hochschulen bundesweit wurden vom Bundesministerium für Gesundheit ausgewählt – darunter die Universität Hildesheim. Das Team um Prof. Dr. Renate Soellner hat Erfahrungen in der Forschung zu Suchterkrankungen – so wurde etwa der Alkoholkonsum von Jugendlichen in europäischen Ländern untersucht.

Wie können Studierende gut abschalten? Wie gehen sie mit Stress, leistungssteigernden Mitteln und Prüfungsdruck um – das wollen die Forscherinnen für die Hildesheimer Uni herausfinden. Foto: frannyanne, 123rfcom

Wie können Studierende gut abschalten? Wie gehen sie mit Stress, leistungssteigernden Mitteln und Prüfungsdruck um – das wollen die Forscherinnen für die Hildesheimer Uni herausfinden. Foto: frannyanne, 123rfcom

Mit dem Gesundheitsmonitoring, das in dieser Woche startet, schaffen die Forscherinnen erstmalig eine Datengrundlage – denn verlässliche Zahlen, gar für einen ausgewählten Standort, fehlen. „Wir erfassen gesundheitliche Verhaltensweisen und das Befinden im Studienalltag, um Bedarfe, Ressourcen und Probleme zu erkennen“, sagt Prof. Dr. Renate Soellner von der Universität Hildesheim. Gefragt werden die Studierenden etwa, ob sie auf dem Campus Rückzugsmöglichkeiten und Orte zur Entspannung aufsuchen können. Fühlen sich Studierende gestresst, wie ist das miteinander, wie können sie gut abschalten und wie gehen sie mit Prüfungsdruck und Schreibblockaden um – all das wollen die Psychologinnen nun für die Hildesheimer Uni herausfinden. „Es geht auch um Konsum, etwa von Alkohol, Tabak und verschreibungspflichtigen Medikamenten wie Schlaf- und Aufputschmittel“, so Soellner.

Im Zuge der Bologna-Reform und der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge wurde vermehrt über die Belastung von Studierenden berichtet, von gestiegenen Abbrecherquoten, einer verstärkten Nachfrage nach Studien- und psychologischer Beratung und gestiegenem Lernstoff. Die Endnote setzt sich nun aus vielen Hausarbeiten und Prüfungsleistungen im gesamten Verlauf des Studiums zusammen. Studien – etwa ZEITlast, in der Wissenschaftler der Universitäten Hamburg und Hildesheim Tagesverläufe von Studierenden dokumentierten – zeigten: Es gibt keine größere zeitliche Belastung im Vergleich zu den ausgelaufenen Magister- und Diplomstudiengängen. Die Zeit, die Studierende in das Studium investieren, liegt unter den von Bologna geforderten Werten. Andere Studien dokumentieren eine höhere Zeitbelastung.

„Der psychische Druck ist für manche Studentinnen und Studenten immens“, weiß Renate Soellner. Konkurrenz, das Gefühl von Belastung und Prüfungsangst gehören für viele zum Studienalltag. In Hildesheim befasste sich kürzlich bereits der Senat in einem Tagesordnungspunkt „Psychische Probleme von Studierenden“ mit diesem Befund; der Arbeitskreis Gesundheitsmanagement unter Leitung des Hauptberuflichen Vizepräsidenten ist eingebunden. Psychologe Andreas Witte berichtete vom Alltag in der Beratungsstelle des Studentenwerks OstNiedersachsen. Mit dem Gesundheitsmonitoring sollen nun umfangreichere Daten eingeholt werden. Die Untersuchung soll kommendes Jahr und anschließend alle zwei Jahre wiederholt werden, um Bedarfe frühzeitig erkennen und Auswirkungen struktureller Veränderungen erfassen zu können. Geplant ist, die Befragung auf weitere Statusgruppen auszuweiten.

Hinter dem Gesundheitsmonitoring steckt ein Forschungsprojekt. 19 Hochschulen haben sich beim Bundesministerium für Gesundheit beworben – nur drei bundesweit wurden ausgewählt – darunter die Universität Hildesheim, die nun für das Vorhaben „Prävention von riskanten Substanzkonsum bei Studierenden“ bis Mitte 2015 rund 100.000 Euro erhält. Kooperationspartner ist die delphi-Gesellschaft sowie die Hochschule Magdeburg-Stendal.

Anlass, bei der Gesundheit von Studierenden genauer hinzuschauen und Präventionsangebote zu entwickeln, boten besorgniserregende Untersuchungen. So hat etwa eine vom Deutschen Studentenwerk in Auftrag gegebene HISBUS-Studie das Belastungserleben von Bachelorstudierenden in Studium und Alltag untersucht. Der überwiegende Teil der Studierenden berichtet von starken Belastungen im Studium, auch Erwerbstätigkeit und Geldmangel erzeugen Stress (Hisbus 2013). Wie junge Erwachsene mit Stress und Leistungssteigerung umgehen, zeigt eine  Untersuchung im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums (Hisbus 2012). Die meisten Studierenden (84%) haben schon einmal davon gehört, dass Substanzen mit dem Ziel der „geistigen Leistungssteigerung“ genommen werden. Die große Mehrheit hat allerdings keine Erfahrung mit „Hirndoping“; doch ein Teil (17%) könne sich vorstellen, „leistungssteigernde Mittel zu nehmen“.

Die Universität Hildesheim ist nun eine der ersten Hochschulen in Deutschland, die Gesundheitsförderung und Prävention gezielt angeht. Bisher wurde dieser Bereich an Universitäten vernachlässigt, öffentlich geförderte Projekte waren kaum vorhanden. In Schulen ist dies anders – Initiativen wie die „Klasse 2000“ haben Gesundheitsförderung und Suchtvorbeugung zum Ziel. „Wir meinen das ernst“, sagt Renate Soellner. Man wolle es nicht dabei belassen, Daten zu generieren. „Es macht Sinn, dann auch zu handeln“, so Soellner, die im Bereich Sucht und Gesundheit von Jugendlichen forscht. Auch das Sportinstitut der Universität beginnt in diesem Jahr mit mehreren Maßnahmen – von Ernährungsberatung über Rückentraining bis zum Lauftreff („Healthy Campus“, Infoveranstaltung am 29. Januar). Die Sportwissenschaftler wollen nicht punktuell, sondern kontinuierlich Studierende und Lehrende aktivieren, etwas für ihre Gesundheit zu tun.

Die Psychologinnen legen derzeit die Datengrundlage. Seit Mitte Januar können Studierende an der Befragung teilnehmen. „Ich habe viele Studien gelesen über die Gesundheit von jungen Erwachsenen. Und mich gefragt, ob die Befunde auch auf Hildesheim zutreffen und wie Studierende vor Ort mit Stress umgehen, ob sie in das Hirndoping einsteigen oder Suchtprobleme haben“, sagt Siv Waldeck. Die Psychologiestudentin gehört zu der Forschergruppe. „Und es ist spannend, jetzt echte Daten zu erheben, mitzuerleben, wie Forschung gemacht wird und wie viel Arbeit dahinter steht.“ Man wolle „keine Gruppe als Problemfall herauspicken“, unterstreicht Astrid Bräker, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie. „Wir behandeln die Daten anonym und hoffen auf ehrliche Auskunft. Es geht nicht darum, zu diagnostizieren, wir wollen die Lage in Hildesheim in ihrer Gesamtheit erfassen.“ Astrid Bräker hat in einem europäischen Forschungsprojekt den Substanzkonsum von Jugendlichen mit seinen individuellen und strukturellen Einflussfaktoren erfasst. Die Forschergruppe der Universität Hildesheim verglich dabei den Alkoholkonsum von Jugendlichen in 26 Ländern. Nach dem Ausflug ins internationale Terrain möchte Bräker nun „vor der Haustür etwas tun“.

Studentinnen und Studenten können sich bei Fragen zum Gesundheitsmonitoring „healthy@uni-hildesheim“ an die Forschergruppe wenden (E-Mail: healthy@uni-hildesheim.de).

www.hisbus.de/about/pdf/2012_01_Hirndoping.pdf

Von: Pressestelle, Isa Lange

Wie können Studierende gut abschalten? Wie gehen sie mit Stress, leistungssteigernden Mitteln und Prüfungsdruck um – das wollen die Forscherinnen für die Hildesheimer Uni herausfinden. Foto: frannyanne, 123rfcom

Wie können Studierende gut abschalten? Wie gehen sie mit Stress, leistungssteigernden Mitteln und Prüfungsdruck um – das wollen die Forscherinnen für die Hildesheimer Uni herausfinden. Foto: frannyanne, 123rfcom