Wie Bilderbücher und Zeichentrickfilme das „Fremde“ darstellen

Dienstag, 11. Juli 2017  / Alter: 136 Tage

Für Kinder spielen Bücher und Filme eine große Rolle beim Aufwachsen. Wie wird in Kindermedien eigentlich ein „Wir“ dargestellt? Nachgefragt bei Nina Stoffers vom Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim.

Für Kinder spielen Bücher und Filme eine große Rolle beim Aufwachsen. Die Wissenschaftlerin Nina Stoffers untersucht, wie ein „Wir“ in Bild und Text dargestellt wird. Studierende der Kulturwissenschaften analysieren, wie Kinderbücher Vielfalt thematisieren. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim

Kulturelle Bildung vollzieht sich nicht nur in pädagogischen Settings – im Kindergarten oder in der Schule –, sondern gerade durch und in der Auseinandersetzung mit „alltäglichen“ Medien. Darauf weist Nina Stoffers hin. Bilderbuch und Zeichentrickfilm sind – neben Fernsehen, Computerspielen und Hörspielen – wichtiger Teil der Medienwelten, in denen Kinder aufwachsen. Die Wissenschaftlerin vom Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim analysiert mit Studierenden in Seminaren zum Beispiel Kinderbücher und Zeichentrickfilme und untersucht, welche Vorstellungen des „Eigenen“ und des „Fremden“ wie vermittelt werden.

„Bilderbücher und Zeichentrickfilme sind Bildungsmedien. Sie sind hervorragende Medien der Multiplikation. Was wir im Alter zwischen drei bis sechs Jahren wahrnehmen, prägt uns. Bücher prägen, wie wir die Welt wahrnehmen. Sie wirken. Was finden wir eigentlich vor in den Büchern? Das schauen wir uns in Seminaren an.“

Die Studierenden nähern sich dem Thema theoretisch und praktisch an, wenden verschiedene Methoden zur Analyse an und nehmen zahlreiche Bücher unter die Lupe. So haben Studentinnen der Kulturwissenschaften zum Beispiel die Bilderbücher „Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm” des Autoren Rafik Schami und des Illustrators Ole Könnecke sowie „Hör zu, was ich erzähle“ der Autorin und Illustratorin Gunilla Bergström untersucht. Dabei greifen sie auf unterschiedliche Analyseverfahren wie zum Beispiel das der Hildesheimer Professorin Bettina Uhlig zurück; sie analysieren Bild-Figuren, Farbkonzepte, Bildnarration und Bildhandeln sowie die Beziehungen zwischen Bild und Text, befassen sich mit Sichtbarem und Unbestimmtheiten und Leerstellen.

Kulturelle Bildung: Fachbeiträge werden auf Wissensplattform online publiziert

Entstanden sind Beiträge, die auf der Wissensplattform „Kulturelle Bildung online“ veröffentlicht wurden. Auf der Plattform wurden bereits sämtliche 176 Fachartikel aus dem „Handbuch Kulturelle Bildung“ publiziert, regelmäßig werden Fachbeiträge von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Studierenden ergänzt, um den Fachdiskurs über Kulturelle Bildung voranzutreiben. Die jährlichen Tagungen nehmen ein bestimmtes Thema in den Blick, so ging es im April 2017 zum Beispiel um den Wissenstransfer von Fachwissen aus Künsten, Wissenschaft und pädagogischer Praxis. Im Anschluss werden die Diskurse auf der Plattform weiter geführt.

Die Hildesheimer Studentin Antonia Wangler hat etwa einen Fachartikel über die Rolle der Bilderbücher und deren Rezeption verfasst. „Im Familienalltag nimmt das Bilderbuch eine präsente Rolle ein. Angesichts einer lebendigen familialen Rezeptionspraxis muss das Bilderbuch als bedeutendes Sozialisationsmedium angesehen werden. Gleichwohl wurde diese spezielle Literaturgattung noch selten im Spiegel der Kulturellen Bildungsforschung betrachtet“, schreibt die Studentin. Lernen findet nicht ausschließlich in der Schule statt – sondern ebenso in informellen Settings, etwa in der Familie. Die Studentin Agata Wozniesinska, die einen Artikel auf kubi-online beigesteuert hat, schreibt inzwischen ihre Masterarbeit über Kindermedien und wie sie „das Fremde“ darstellen bei Professorin Viola Georgi und Nina Stoffers.

Für Kinder spielen Bücher und Filme eine große Rolle beim Aufwachsen. Wie wird in den Büchern und Filmen eigentlich ein „Wir“ in Bild und Text dargestellt? „Wir gucken genau hin – wo werden Unterschiede gemacht? In einem Buch zum Thema Vielfalt in Deutschland wurde etwa eine Frau aus Iran als Ärztin vorgestellt. Das Buch fiel uns positiv auf – sonst sind ja wie selbstverständlich nur Männer die Ärzte“, so Nina Stoffers. Ein weiteres Beispiel aus der Analyse: Es gibt ein Genre des Bilderbuchs, das man als „die Reise in die Fremde“ bezeichnen könnte. In Bilderbüchern aus den 1960er, 1970er, 1990er, 2000er Jahren begegnet man häufig einem kolonialen Schema: Der Weiße, der die nicht-technisierte vorzivilisierte Welt entdeckt. Dabei bildet die eigene technisierte Realität die unsichtbare Kontrastfolie, vor der die Anderen präsentiert werden. Eine Diversität wird dann anhand von (vermeintlich) traditionellen Elementen dargestellt, wobei die Hierarchie ganz klar ist: Das europäische Kind reist und schaut und handelt, alle anderen sind mehr oder weniger Staffage dieser Bildungsreise.

„Wir gucken genau hin – wo werden Unterschiede gemacht?“

Entscheidend ist, dass sich dieses Schema stark durch die Bilderbuchlandschaft zieht und es gar nicht viele andere Varianten gibt. Deshalb kann man konstatieren, dass sich das sogenannte „Othering“ auch und gerade in Kinderbildungsmedien finden lässt, so Stoffers. „In ihnen werden die Anderen pädagogisch-künstlerisch konstruiert, allerdings nicht in einer gleichberechtigten, sondern in einer hegemonialen Eigen-Fremd-Perspektive. Die Folie der vermeintlichen Norm verbleibt unsichtbar, das ‚Wir‘ konstruiert sich im Kontrast: ‚Wir‘ sind die Nicht-Anderen – diejenigen, die sich nicht erklären müssen.“

Deshalb braucht es eine gesellschaftliche und wissenschaftliche Debatte, was wir eigentlich in Kinderbüchern für legitim halten und Verlage und Autorinnen und Autoren, die kritisch und differenziert mit Diversität umgehen, sagt Nina Stoffers. „Denn: Was reproduzieren wir da eigentlich? Es ist so viel Schrott auf dem Markt, so viel Reproduktion von Geschlechterstereotypen und kolonialen Vorstellungen. Wir brauchen unterschiedliche Perspektiven, nicht immer nur die eine Geschichte, sondern auch mal aufrührerische, mutige Bücher.“

Lesetipp

Studierende analysieren Bilderbücher und Zeichentrickfilme

Drei Hausarbeiten aus dem Seminar sind als Artikel auf der Wissensplattform „Kulturelle Bildung“ online veröffentlicht. Die Artikel entstanden im Rahmen des Seminars „Wir und die Anderen. Zur Darstellung des Fremden im Kinderbilderbuch" an der Universität Hildesheim unter der Leitung von Nina Stoffers und Dr. Tobias Fink. Im Seminar haben sich die Studierenden mit visuellen Medien, die für die Altersgruppe der Drei- bis Sechsjährigen zentral sind, auseinandergesetzt und untersucht, wie „das Fremde" zur Darstellung gebracht wird und welche Vorstellungen des „Eigenen“ und des „Fremden“ mit welchen Mitteln visuell vermittelt werden.

„Kulturelle Bildung in informellen Kontexten: Das Bilderbuch und seine Rezeption“, Antonia Wangler, 2017

„Repräsentationen natio-ethno-kultureller Vielfalt im Sachbilderbuch – Exempel einer rassismuskritischen Analyse“, Agata Wozniesinska, 2017

„ ‚... und am Mond vorbei’: Überlegungen zur Fiktionalisierung des ‚Fremden‘ im Kinderbilderbuch und Wirkungsmechanismen beim Vorlesen“, Julia Breit, 2017

Von: Pressestelle, Isa Lange [erstveröffentlicht 07.07.2017]

Für Kinder spielen Bücher und Filme eine große Rolle beim Aufwachsen. Die Wissenschaftlerin Nina Stoffers untersucht, wie ein „Wir“ in Bild und Text dargestellt wird. Studierende der Kulturwissenschaften analysieren, wie Kinderbücher Vielfalt thematisieren. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim