Wider die Furie des Verschwindens

Mittwoch, 24. Mai 2006 um 12:01 Uhr

"Phoenix in der Asche": Kulturjournalistische Dokumentation über ein Stück Stadt- und Industriegeschichte geplant

HILDESHEIM. "Eine Fotografie der Kruppwerke oder der AEG", hat Bertolt Brecht 1931 notiert, "ergibt beinahe nichts über dieses Institut." "Phoenix in der Asche", so lautet der Arbeitstitel eines Projekts über die Hildesheimer Phoenix-Gummiwerke. Annett Gröschner und Stephan Porombka vom Studiengang Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus sowie Torsten Scheid vom Institut für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft der Universität wollen mit einer Gruppe von Studenten eine kulturjournalistische Dokumentation über die Hildesheimer Phoenix-Gummiwerke erarbeiten.

Brecht hat genau formuliert: Eine Fotografie ergebe "beinahe nichts". Im Verein mit anderen Herangehensweisen kann sie folglich doch etwas ergeben. Bestenfalls - und das gehört zu den Zielen des Projekts - ein Buch. Annett Gröschner hat mit dem Fotografen Arwed Messmer etwas Vergleichbares im Jahr 2003 veröffentlicht: "Kontrakt 903. Erinnerung an eine strahlende Zukunft", ein Buch über das stillgelegte Kernkraftwerk Rheinsberg, entstanden auf der Grundlage von Dokumenten, Zitaten und Akten, die neu zusammenmontiert worden seien, erläutert sie.

Brecht hat genau formuliert: Eine Fotografie ergebe "beinahe nichts". Im Verein mit anderen Herangehensweisen kann sie folglich doch etwas ergeben. Bestenfalls - und das gehört zu den Zielen des Projekts - ein Buch. Annett Gröschner hat mit dem Fotografen Arwed Messmer etwas Vergleichbares im Jahr 2003 veröffentlicht: "Kontrakt 903. Erinnerung an eine strahlende Zukunft", ein Buch über das stillgelegte Kernkraftwerk Rheinsberg, entstanden auf der Grundlage von Dokumenten, Zitaten und Akten, die neu zusammenmontiert worden seien, erläutert sie.

Die Phoenix-Gummiwerke, die 1878 als Münden-Hildesheimer Gummiwarenfabrik Gebrüder Wetzell an den Standort Moritzberg zogen, sind ein Stück Hildesheimer Stadt- und Industriegeschichte. Hergestellt wurden dort Bälle, Wärmflaschen, Schlauchboote und Schwimmwesten. Mehrere Generationen einiger Familien arbeiteten "auf der Gummi", wie der Betrieb bei den Hildesheimern hieß, der von 1934 bis 1970 den Namen Wetzell Gummiwerke AG trug. 1944 waren es 1335 Beschäftigte, darunter auch Zwangsarbeiter. Anfang der 1970 Jahre entwickelte Phoenix in Zusammenarbeit mit Mercedes den Airbag, der am Moritzberg in Serie ging, bereits seit 1955 hatte sich die Phoenix-Tochter Dynat mit Spezialreißverschlüssen einen Namen gemacht. Die Fertigung beider Produkte wurde in den 1990er Jahren von internationalen Firmen übernommen, Phoenix-Tochterunternehmen wurden selbständig. 2002 arbeiteten noch vier Betriebe auf dem Gelände an der Bergmühlenstraße. Der Reifenhersteller Continental übernahm 2004 Phoenix: Der Standort Hildesheim ist Vergangenheit. Gleichwohl sind die Phoenix-Gummiwerke Teil des Lebens derjenigen, die dort gearbeitet haben. Und da setzen Gröschner, Porombka und Scheid an, suchen Menschen, die in Interviews über diesen Teil ihres Lebens Auskunft geben und Material zur Verfügung stellen.

Zu diesem Material zählen - ergeben sie doch nur "beinahe nichts", außerdem kann man ja versuchen, Brecht zu widerlegen - auch Fotografien. "Fotografieren in die Vergangenheit", so nennt Scheid diesen Teil des Projekts. Es existiere schließlich nicht nur die offizielle Fotografie, auch die der Gewerkschaften und vor allem die private, die etwa Betriebsfeste dokumentiere. Vielleicht gelinge es ja, dass einige Menschen ihre Familienalben öffnen, wünscht sich Scheid. Und er hofft auf Anwohner, die einen "fotografischen Blick" auf das Gelände zulassen.

Den Studenten soll das Projekt selbstverständlich auch Arbeitstechniken vermitteln. Beispielsweise Antworten auf die Fragen, wie man über Kultur erzählt, wie man mit den betroffenen Menschen darüber spricht oder wie man mit dem Material umgeht, sagt Porombka. Zum fotografischen Part ergänzt Scheid, vorgesehen sei, die Interviews zu visualisieren, zum einen durch Porträts, zum anderen dadurch, dass Menschen zurück an den Ort ihrer einstigen Arbeit gebracht werden. Kurz: Strategien zu entwickeln, "Vergangenheit zu visualisieren". Die Vergangenheit, "aber auch die Zukunft".

"Das Gelände wird abgewickelt und steht zum Kauf", fasst Porombka zusammen. Dadurch verschwinde ein zentrales Stück Industriekultur. "Wir wollen rekonstruieren, was da war - im Moment des Verschwindens."

Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat in der "Phänomenologie des Geistes" die schöne Formulierung "Furie des Verschwindens" gefunden. Und der kann man ja mit so einem Projekt ein bisschen entgegenwirken. Oder es zumindest versuchen.


Wer zu dem Projekt etwas beitragen will, kann sich bei Helga Burgemeister unter der Telefonnummer 883-665 im Sekretariat des Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus mittwochs und donnerstags melden. Kontaktaufnahme ist auch per E-Mail möglich unter gummiphoenix(at)yahoo.de.

(c) HiAZ 2006, Andreas Bode


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