Wer muss wann involviert werden?

Donnerstag, 29. Januar 2015 um 13:28 Uhr

Die Masse an Informationen ist hoch, die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen daher schwierig: Im Projekt „Cooperation Experience“ entwickeln die Wirtschaftsinformatiker Matthias Strotmeier und Erik Kolek Modelle zur Darstellung von Kooperationsprozessen. Matthias Friedrich hat mit Matthias Strotmeier über den Fortschritt der Forschungsarbeit gesprochen.

Wie erfahren einzelne Akteure in Kooperationen, was wann von ihnen erwartet wird? Matthias Strotmeier untersucht in der Arbeitsgruppe „Informationssysteme und Unternehmensmodellierung“, wie zum Beispiel Architekten, Bauplaner und Maurer miteinander kooperieren und Prozesse verständlich dargestellt werden können. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Können Sie Ihr Projekt kurz darstellen?

Matthias Strotmeier: Das Projekt „Cooperation Experience“ besteht vom Namen her erst einmal aus zwei Wörtern: „Kooperation“ und „Erfahrung“. Das erste Ziel ist die Zusammenarbeit einzelner Firmen. Was bei Kooperationen häufig auftritt, ist das Zusammenführen von Sach- und Dienstleistung. Das nennt man auch „hybride Wertschöpfung“. Die an einer Kooperation beteiligten Unternehmen müssen festhalten, wie die Zusammenarbeit stattfinden soll: Wer schickt wem wann welche Nachricht und wer muss wann wie involviert werden. Wenn nicht nur zwei oder drei, sondern eine Vielzahl von Unternehmen an der Kooperation beteiligt sind, dann wird die visuelle Darstellung dieses Problems sehr komplex.

Mit Hilfe von Experteninterviews haben wir erforscht, dass lange Dokumentationen, erste grafische Ansätze, aber auch teilweise vertragliche oder gesetzliche Dokumentationen genutzt werden, um eine Kooperation zu planen. Ein Ziel in diesem Projekt ist die Entwicklung einer Modellierungssprache, die es ermöglicht, eine Kooperation mit Hilfe grafischer Symbole zu modellieren. Das zweite Ziel leitet sich aus dem Wort „Erfahrung“ ab. Die grafische Modellierung der Kooperation ist der erste Schritt, um eine Kooperation zu planen. Der zweite Schritt besteht darin, das Verständnis der Kooperation zu schaffen, auch wenn man Prozessmodellierungssprachen nicht versteht. Hierzu wird eine Simulationsumgebung (Erfahrbarkeitsumgebung) geschaffen, in der die Kooperation simuliert wird und jeder der Partner ein individuelles Gefühl dafür bekommt, wann er was zu leisten hat.

Nutzen Sie für die visuelle Darstellung ein Computerprogramm?

Aktuell nutzen wir bei den Workshops Whiteboards und ein Flipchart. Im Laufe des Jahres wird ein Programm entwickelt, mit dessen Hilfe die geplante Kooperation dann digital dokumentiert wird, was auf Grund der Nachhaltigkeit und als Eingabe für die Erfahrbarkeitsumgebung nötig ist.

Haben Sie ein bestimmtes Computerprogramm ausgewählt?

Wir haben uns dafür entschieden, selbst eine Software zu entwickeln, da die vorhandenen Modellierungssprachen nicht ausreichend waren, um die Kooperationen in ihrem ganzen Ausmaß darzustellen. Inzwischen sind wir so weit, dass wir eine Modellierungssprache konzipiert haben, wofür es aber natürlich noch kein Programm gibt – das heißt, wir können sie noch nicht digitalisieren. Wir entwickeln diese Digitalisierung aber zurzeit parallel und werden sie später – Mitte 2015 – in Workshops, die wir mit unseren Kooperationspartnern planen, vorstellen.

Für die Entwicklung Ihrer Modulierungssprache brauchen Sie sicherlich ein Musterbeispiel, von dem aus Sie Ihre Schlussfolgerungen ableiten können. Welches ist das in Ihrem Projekt?

Das Anwendungsbeispiel in diesem Projekt ist der Bau und die Unterhaltung von Gebäuden. Wir betrachten hier jedoch nicht nur die Errichtung des Gebäudes, sondern auch, wie die Instandhaltung und die Unterhaltungskosten aussehen, aber auch, wie es hinterher „rückgebaut“, also abgerissen wird. Unsere Fragen lauten dabei: Wo ist die Trennung zwischen den einzelnen Phasen? Wann beginnt welche Phase und wer ist daran beteiligt? Aus diesem Grund arbeiten wir eng mit der Fachhochschule in Münster zusammen, die in diesem Bereich die Expertise hat. Hierbei handelt es sich um das sogenannte „Facility Management“, das sich unter anderem mit dem Problem beschäftigt, wie man die Instandhaltungs- und Unterhaltskosten möglichst gering hält. Als Beispiel: Die Lampen an der Decke meines Büros sind Leuchtstoffröhren. Man könnte aber auch LED-Lampen verwenden, die deutlich weniger Strom verbrauchen. Wenn Sie ein neues Gebäude planen und vorher den Facility Manager hinzuziehen, wird der Ihnen Folgendes sagen: Spezielle LED-Lampen haben die gleiche Lichtqualität wie Leuchtstoffröhren, sind auf lange Sicht aber günstiger als Leuchtstoffröhren, auch wenn ihre Anschaffung vielleicht etwas teurer ist.

Was hat es mit dieser Erfahrbarkeitsumgebung auf sich, von der Sie sprechen?

Gerade habe ich den Begriff „Cooperation“ erklärt. Der Begriff „Experience“ wird mit dem zweiten Teil des Projekts angesprochen. Stellen Sie sich einmal vor, dass Architekten, Bauplaner und Maurer miteinander kooperieren möchten. Wie man sich gut vorstellen kann, haben natürlich nicht alle das gleiche Verständnis eines Prozessmodells.

Warum soll sich beispielsweise ein Tischler damit herumschlagen? Trotzdem möchte er in einem Netzwerk mitarbeiten. Wenn er jetzt in einem Workshop sitzt und an der Planung der Kooperation beteiligt ist, versteht er zwar im Gespräch, worum es geht, wenn er aber das Prozessmodell sieht, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit keines der Symbole kennen und somit auch die Kooperation nur schwer begreifen. Wir beschäftigen uns damit, wie wir den Kooperationspartnern verständlich machen können, welche Aktionen sie in der Kooperation auszuführen haben. Wir bezeichnen das Ganze als „Erfahrbarkeitsumgebung“, wobei das Prozessmodell als Input dient. Daraus wird dann ein Programm generiert, in das sich die unterschiedlichen Akteure – Projektplaner, Maurer, Architekt – einloggen und den Prozess durchleben. Wenn wir modelliert haben, dass der Architekt als Erstes eine Nachricht an alle verschicken muss, damit überhaupt etwas passiert, sehen die anderen Mitglieder des Systems, dass nur der Architekt eine Aufgabe hat. Und die heißt: Nachricht verschicken. Diese Nachricht kann dann individuell bearbeitet und abgeschickt werden – etwa: „Ich möchte Sie dazu einladen, die Grundschule XY zu planen“. Das System schickt die Nachricht an alle anderen, die im Prozessmodell dafür vorgesehen sind. Dadurch erfahren die einzelnen Akteure, was wann von ihnen erwartet wird. So sieht die „Experience“ aus, die im Projektnamen auftaucht.

Wir wollen mit dieser Simulation vor allem eines testen: Passt das Modell überhaupt? Oder sieht beispielsweise der Facility Manager, dass er in einen Prozess nicht eingebunden ist – obwohl er doch gefragt werden muss, welche Art der Beleuchtung genutzt werden soll?

Wie stellen Sie das Programm den Unternehmen und ihren Mitarbeitern zur Verfügung?

Das Programm ist nur ein kleiner Teil des Projekts. Das Programm ohne das dazugehörige Workshop-Konzept und einen entsprechenden Moderator zu nutzen wird keine guten Ergebnisse erzielen. Allerdings stellen wir das nötige Programm natürlich zum Abschluss des Projekts zur Verfügung.

Bieten Sie diese Schulungen an oder kommen die Unternehmen auch zu Ihnen?

Sowohl als auch. Wir fassen unsere Ergebnisse in Arbeitsberichten zusammen und stellen den Unternehmen praxisnah ein Workshop-Konzept vor. Wir haben drei Praxispartner, mit denen wir im Rahmen unseres Projekts zusammenarbeiten: die Bilfinger Group, ein großes Unternehmen in der Baubranche, Claas, die Mähdrescher und Traktoren produzieren, und den Kreis Coesfeld, der Schulen und andere Gebäude plant und verwaltet. Mit Hilfe des Arbeitskreises IT der Universität Hildesheim können wir mit insgesamt dreißig Unternehmen in Kontakt treten, bei denen wir Workshops anbieten werden. Natürlich ist es auch möglich, einen Workshop mit einem Unternehmen durchführen, das auf uns zukommt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Erik Kolek untersucht, wie Unternehmen koordiniert zusammenarbeiten. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Worum geht's? Arbeitsgruppe Informationssysteme

Die Arbeitsgruppe „Informationssysteme und Unternehmensmodellierung“ um Professor Ralf Knackstedt geht an der Universität Hildesheim der Frage nach, wie Unternehmen Sach- und Dienstleistungen kombinieren und dabei effektiv und koordiniert zusammenarbeiten können. Die Masse an Informationen ist hoch in Kooperationen. Doch an der Weitergabe von Informationen hakt es häufig, wie Untersuchungen zeigen. „Häufig herrscht keine Einigkeit und Transparenz darüber, welche Informationen von den einzelnen Akteuren im Laufe der Zusammenarbeit zur Verfügung gestellt werden müssen“, sagt Knackstedt. Die Hildesheimer Wirtschaftsinformatiker entwickeln nun mögliche Lösungswege, um Kooperationsprobleme in Wertschöpfungsnetzwerken zu vermeiden, etwa im Forschungsprojekt „Cooperation Experience".