Wenn Worte auf der Bühne stehen: Theater mit Übertiteln

Montag, 16. Februar 2015 um 18:12 Uhr

In Deutschland gibt es kaum Theater mit Übertiteln für Gehörlose: Medienübersetzerinnen und Theaterstudierende wollen das ändern und erproben ein Stück über Besserwisser. Dabei nutzen sie den Bühnenraum, um Worte zu projizieren. Wenn eine Schauspielerin schreit, platzieren sie das Schriftbild „I C H W I L L“. Und umschreiben das Gefühl nicht mit der Fomulierung „(schreiend)". Professorin Nathalie Mälzer untersucht in einer Rezeptionsstudie, wie die Übertitel beim hörenden und nicht hörenden Publikum ankommen. Ein Theaterstück – für alle. Ein Probenbesuch von Isa Lange.

Ein grüner Schriftzug lädt ein in das Theaterhaus. Wer an der Backsteinfassade entlang geht, folgt einigen Pfeilen, biegt ab und landet im Theaterraum. An der Wand entdeckt man zahlreiche Plakate, die bis zur Decke reichen und auf Aufführungen hinweisen: Schauspiel, Musik- und Kindertheater, Improvisation und Theaterperformance. Das Theaterhaus in Hildesheim in der Nähe des Hauptbahnhofs ist ein Raum für junge Theaterschaffende auf dem Sprung in die Professionalität, die an diesem Ort ihre ersten Arbeiten unter „freien Bedingungen" entwickeln. Und sie entwickeln Neues. Wie offen und zugänglich sind Kultureinrichtungen? Wer hat teil, wer tritt ein, wen erreicht ein Theaterstück?

Eine besondere Inszenierung entsteht derzeit in Hildesheim: Medienübersetzerinnen und Theaterstudierende befassen sich mit der Frage, wie Menschen, die nicht oder kaum hören können, gemeinsam mit hörenden Theater erleben können. Studierende aus dem Studiengang „Medientext und Medienübersetzung" entwickeln in einem Projektseminar gemeinsam mit der Theatergruppe Kirschrot ein Stück über Dickköpfe und Besserwisser, das einen inklusiven Ansatz verfolgt. Während der Vorstellungen projizieren die angehenden Medienübersetzerinnen Übertitel live auf die Bühne und binden diese als ästhetische Elemente ein – nicht als fremd wirkende oder dezent am Rand stehende LED-Leiste. In die Erarbeitung des Stückes haben sie gehörlose und schwerhörige Kinder einbezogen.

Statt dezenter LED-Leiste: Übertitel werden Teil des Bühnenbildes

„Die Übertitel sollen integrativer Bestandteil der Inszenierung werden, keine Fremdkörper sein. Wir möchten das ästhetische Potential der Übertitel in unterschiedlichen Formen nutzen“, sagt Projektleiterin Nathalie Mälzer, Professorin für Transmediales Übersetzen an der Hildesheimer Uni. „Denn erst wenn die Übertitel mehr als eine Übersetzung sind und sich an das gesamte Publikum richten, kann ein inklusiver Effekt entstehen."

Wenige Tage vor der Premiere. Eine Probe am Vormittag. Der Raum ist dunkel. In weißer Schrift werden Wörter auf die Bühne projiziert: „Aus Spaß wird oft Ernst", „Sturm ernten", „Kristin ist stur" und „Nicht immer halli galli machen". „Wütend", „durchsetzen" und „will" landen zunächst auf einem Gewächshaus, welches die Spielerinnen im Baumarkt gekauft haben. „Darin können Ideen wachsen", so Sarah Kramer, die auf der Bühne steht. Ideen in ihrem Stück über den Umgang mit Zuschreibungen und Vorurteilen und Ideen für neue Ansätze im Theater. Die Buchstaben landen in der Tiefe des Raumes und drei junge Frauen fischen sich Wörter heraus, mit Karton in Neonfarben, so lenken sie den Blick des Zuschauers. Aus der Tiefe des Raumes holen sie „Du bist ein echter Dickkopf!" hervor. Gesprochene Sprache wird sichtbar.

Willkommen seien „alle Schlaumeier, Rumdiskutierer, Trotzköpfe und die, die die Weisheit mit dem Löffel gefressen haben", sagt Marietheres Jesse. Die 24-Jährige studiert an der Universität Hildesheim Kulturwissenschaften mit den Fächern Theater und Bildende Kunst und steht gemeinsam mit der 26-jährigen Kulturwissenschaftsabsolventin Kristin Grün und der ein Jahr älteren Theaterpädagogin Sarah Kramer als Theaterensemble Kirschrot Ende Februar auf der Bühne des Theaterhauses. In dem Stück werden außerdem Videos auf die Bühne projiziert. Die drei Theaterschaffenden haben mit hörenden und hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen vom Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte in Hildesheim und Schülern aus dem Kindertheaterclub Wilde 13 in Münster Geschichten und Erfahrungen von und mit Dickköpfen und Besserwissern gesammelt. Diese Geschichten von Kindern finden sich nun auf der Bühne wieder. „Die Kinder sehen, was aus ihren Ideen auf der Bühne geworden ist“, so Jesse.

Theaterspielerinnen liefern Sprechtext früh an Medienübersetzer, Kostüme ändern sich

Die Theaterspielerinnen arbeiten in der Produktion schon früh mit Medienübersetzern der Universität Hildesheim (Details zum Kooperationsprojekt) zusammen. Wenn Marietherese Jesse „ich will, ich will, ich will“ schreit und in der Szene an einen Supermarkteinkauf als Fünfjährige mit ihrer Mutter erinnert, bei dem sie Cornflakespackungen unbedingt haben möchte und sich kreischend auf den Boden wirft, dann entwickeln die Medienübersetzer dafür folgenden Lösungsvorschlag: Statt das Gefühl der Szene zu umschreiben, etwa mit schriftlichen Worten wie „(wütend)“ und „(schreiend)“, platzieren sie Übertitel in Großbuchstaben über die gesamte Bühne, um das Schreien im Schriftbild zu zeigen, dann steht dort: „I C H  W I L L“. Dabei arbeiten die angehenden Medienübersetzerinnen auch mit üblichen Beamern und Powerpoint, da diese Software, anders als Profisoftware, mehr gestalterischen Freiraum bietet. So können sie den gesamten Raum der Bühne, auch in seiner Tiefe, nutzen.

Die Theatergruppe musste den Sprechtext, anders als sonst üblich, schon vier Wochen vor der Probe an die Übersetzer weiterleiten. Im Medientextlabor der Uni am Bühler-Campus arbeiten Studierende derzeit an den finalen Übersetzungen, in enger Abstimmung mit dem Theaterensemble, das selbst weiße Kleidung trägt – so werden die Körper der Spielerinnen zur Projektionsfläche für Übertitel.

Studie untersucht: Fühlt sich das Publikum von Übertiteln abgelenkt?

„Eine 1 zu 1 Übersetzung der gesprochenen Sprache in ein Schriftbild geht nicht, wir gehen gemeinsam mit dem Theaterensemble die Szenen durch und kürzen sinngerecht. Häufig gilt: Je diskreter, desto besser. Das Theater Kirschrot arbeitet anders, Übertitel sind für sie ein ästhetisches Element und sie laufen nicht auf einer dezenten LED-Leiste. Wir wollen in einer Rezeptionsstudie auch herausfinden, ob sich das hörende und nicht hörende Publikum von den Übertiteln abgelenkt fühlt, ob zum Beispiel alles gut zu lesen war oder der Einsatz von Farben hilfreich ist, um Sprecher zu kennzeichnen", sagt Maria Wünsche, die an der Universität Hildesheim Medienübersetzung bei Professorin Nathalie Mälzer studiert und das Theaterprojekt mit umsetzt.

Auf den Ergebnissen der Rezeptionsstudie können Theaterhäuser in Deutschland aufbauen. Dafür befragt Nathalie Mälzer im Anschluss an die Theateraufführungen das Publikum. Außerdem bringt sie Theaterschaffende aus Häusern in Oldenburg, Braunschweig, Hannover und Dresden mit Vertretern des Landesbildungszentrums für Hörgeschädigte und Theaterpublikum zusammen. Sie tauschen sich über inklusives Theater, die Arbeitsprozesse bei der Erstellung von Übertiteln sowie deren Qualität und über eine weitere Zusammenarbeit mit der Universität aus. Dabei diskutieren die Fachleute Vor- und Nachteile der Übertitlung gegenüber anderen Formen der barrierefreien Gestaltung von Theateraufführungen (etwa Gebärdendolmetschen und Induktionsschleifen).

In Deutschland gebe es bisher so gut wie keine Theater und Opern, die Übertitel für Hörgeschädigte und Gehörlose anbieten, so Mälzer. Die Stiftung Niedersachsen unterstützt das Kooperationsprojekt mit 4.000 Euro.

Marietheres Jesse studiert Theater an der Uni, steht mit Theater Kirschrot auf der Bühne. Foto: Lange/Uni Hildesheim

In Kürze: Theaterstück mit Übertiteln

Theater Kirschrot lädt ein zum „Club der Dickköpfe & Besserwisser“. Das inklusive Theaterstück für hörende und hörgeschädigte Menschen ab 10 Jahren wird im Theaterhaus Hildesheim (Langer Garten) gespielt - am 20. Februar um 10:00 Uhr und um 19:00 Uhr und am 21. Februar 10:30 Uhr.  Der Eintritt beträgt 5 € für Kinder und 8 € für Erwachsene. Am 21. Februar diskutieren Theaterschaffende und Regisseure mit Medienübersetzern der Universität Hildesheim (nach der Theatervorstellung, Teilnehmer am Runden Tisch PDF). Interessierte sind herzlich eingeladen. In dem Projekt arbeiten die Universität, das Theaterhaus, das freie Theaterensemble Kirschrot und das Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte in Hildesheim zusammen. Erste Ergebnisse der Rezeptionsstudie werden bei dem Runden Tisch den anwesenden Experten, der Presse und der Öffentlichkeit präsentiert.

Maria Wünsche studiert „Medientext & Medienübersetzung". Foto: Lange/Uni Hildesheim

Medientextlabor

Im Medientextlabor der Universität Hildesheim lernen Studierende an 40 Computerarbeitsplätzen, die mit moderner Software ausgestattet sind, Filme zu untertiteln und Medien zu übersetzen. Sie üben Synchronisieren, Untertitelung oder Voice-Over. Im Schwerpunkt „Barrierefreie Kommunikation" bereiten die Studentinnen und Studenten aus dem Masterstudiengang „Medientext und Medienübersetzung“ Internetseiten für Menschen mit Behinderungen auf. Für Sehgeschädigte erstellen die Studierenden etwa in Zusammenarbeit mit dem Bayrischen Rundfunk Audioeinführungen für Hörfilme, für Hörgeschädigte bereiten sie Texte in Leichter Sprache auf. Die angehenden Medienübersetzer bringen komplexe Sachverhalte – etwa Gesetzestexte – verständlich zum Ausdruck.

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim, Isa Lange (presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100).

ACHTUNG: Bitte beachten Sie die kurzfristige Terminänderung: Am 19. Februar findet keine (!) Aufführung statt. Die erste Vorstellung des Theaterstücks von Theater Kirschrot über Besserwisser und Dickköpfe beginnt am 20. Februar um 10:00 Uhr.


Häufig gilt: Je diskreter, desto besser. Übertitel landen dann in dezenten LED-Leisten. Medienübersetzerinnen der Universität Hildesheim und das Theaterensemble Kirschrot gehen einen andere Weg: Worte setzen sie als ästhetische Elemente ein. Studierende projizieren Schriftbilder in unterschiedlichen Größen und Farben im Bühnenraum. Unten: Professorin Nathalie Mälzer (m) im Medientextlabor der Uni. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim