Was bleibt von einer Erinnerung, wenn Archive fehlen?
Mittwoch, 26. August 2026 - 12:36 Uhr
Auf dem Tisch liegt ein alter Koffer. Eine Studentin löst die Verschlüsse und hebt den Deckel an. Briefe und persönliche Fotografien kommen zum Vorschein. Wer sind die Menschen auf den Bildern – und welche Möglichkeiten haben wir heute, ihren Geschichten auf die Spur zu kommen? Studierende der Universität Hildesheim sind auf den Koffer auf einem Flohmarkt gestoßen und gehen seinen Hintergründen in ihrem Filmprojekt nach. Dabei wird eine grundlegende Frage sichtbar: Wer hat überhaupt die Möglichkeit, ein solches Archiv anzulegen und bei sich zu bewahren? Wer emigriert oder flieht, nimmt selten Fotoalben mit.
Die Arbeit mit Erinnerung und mit filmischen Versuchen, etwas vom Verschwinden zu bewahren, gehört zu den zentralen Themen von Prof. Dr. Jelena Jeremejewa. Seit dem 1. April ist sie Juniorprofessorin für Film im Kontext der Künste am Institut für Medien, Theater und Populäre Kultur der Universität Hildesheim.
„Wenn man sich mit Vergangenem beschäftigt, bringt man unweigerlich etwas Neues hervor – etwas, das ohne diese Auseinandersetzung nicht existiert hätte“, sagt Jeremejewa. Mit zwölf Jahren kam sie aus der Ukraine nach Deutschland. Die Erfahrung von Migration und Sprachlosigkeit prägt ihre Perspektive darauf, wie Bilder sich zu Gewissheiten verhalten, wo Sprache an ihre Grenzen kommt. „Mich interessiert, wie Bilder versuchen, Wirklichkeit abzubilden – und wie und warum sie dabei scheitern. Aber auch, wie sie Erfahrungen andeuten können, für die es noch keine Sprache gibt.“
An dieser Schnittstelle von Dokumentarischem, Animation, Erinnerung und künstlerischer Forschung setzt ihre Arbeit an. „Meine Arbeit bewegt sich zwischen dokumentarischer Beobachtung und künstlerischer Konstruktion. Dabei geht es auch um Erfahrungs- und Traumatransfer zwischen den Generationen und um die Frage, wie sich solche Prozesse filmisch greifen – oder überhaupt begreifen – lassen.“
Bilder zerlegen, Bilder hervorbringen
In ihrem aktuellen Projekt arbeitet Jeremejewa mit Paper-Cut-Animation. Sie schneidet Bilder aus alten Kochbüchern, technischen Arbeitsskizzen und anderen visuellen Artefakten auseinander, löst einzelne Fragmente aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und setzt sie neu zusammen. In der Animation geraten diese Fragmente in Bewegung; Interviews und Stimmen treten zu ihnen in Beziehung. So entstehen aus der Zerstörung und Neuordnung vorhandener Bilder neue Bildräume – für Erfahrungen und Ereignisse, die sich nicht unmittelbar darstellen lassen.
Gerade in einer Gegenwart, in der Wirklichkeit zunehmend über Bilder vermittelt wird und diese zugleich durch digitale Verfahren und Künstliche Intelligenz immer leichter manipulierbar sind, stellt sich die Frage nach ihrem Wert neu. „Früher galt das dokumentarische Bild als Beweis. Heute fragen wir nicht mehr nur, ob ein Bild echt ist, sondern warum wir es für glaubwürdig halten“, sagt Jeremejewa. „Es ist paradox: In einer bildgeprägten Gegenwart droht das, wovon kein Bild existiert, aus der Wahrnehmung und damit auch aus der Erinnerung zu verschwinden. Zugleich gehen wir in einer Bilderflut unter. Für meine Arbeit sind Bilder weniger Belege als Möglichkeiten, sich Vergangenem anzunähern.“
Vom Film zur künstlerischen Forschung
Jeremejewas Weg in die Forschung führte über die filmische Praxis. Sie studierte dokumentarische Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg und realisierte Filme wie Der Ernst des Lebens, Irgendwo dazwischen und Orlando – eine kurze Geschichte der Mittelklasse. 2021 promovierte sie an der Bauhaus-Universität Weimar über Trauma als persönliche und kollektive Erfahrung im postsowjetischen Dokumentarfilm. In ihrer künstlerischen Arbeit verbindet sie dokumentarische Formen mit installativen Verfahren, etwa in Frohes Neues Jahr, einer Installation aus 43 Jahren politischer Neujahrsansprachen.
Künstlerische Praxis versteht Jeremejewa dabei selbst als eine Form des Forschens. Das Denken entsteht für sie nicht nur in der theoretischen Reflexion, sondern ebenso im Schneiden, Animieren, Ordnen, Verwerfen und erneuten Zusammensetzen. Persönliche und politische Geschichte greifen dabei ineinander: Migration, Krieg, Erinnerung, Klasse und Bildung erscheinen nicht als abstrakte Themen, sondern in konkreten Biografien.
Auch in der Lehre setzt Jeremejewa auf diese Verbindung von Beobachtung, Praxis und Reflexion. In Hildesheim plant sie unter anderem ein Seminar, das an Harun Farockis Projekt Eine Einstellung zur Arbeit anknüpft. Studierende sollen Arbeitsprozesse in ihrem eigenen Umfeld filmisch beobachten und darüber nachdenken, wie Arbeit durch Bilder sichtbar, erzählt und interpretiert wird.
Auch in der außerschulischen Bildungsarbeit engagiert sich Jeremejewa. In Workshops bringt sie migrantisierten Kindern und Jugendlichen künstlerische Ausdrucksformen näher und schafft Räume, in denen ihre Erfahrungen, Geschichten und Perspektiven Ausdruck finden können.