Warum Forschung schon vor den Ergebnissen wichtig ist oder: Was ist eigentlich Open Science?

Donnerstag, 26. März 2026 - 08:28 Uhr
Eine Person schaut in ein Mikroskop

Open Science. Hat man irgendwie mal gehört. Aber was sind die Hintergründe und was bedeutet es konkret für die wissenschaftliche Arbeit? Dr. Markus Germar, Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Open Science Beauftragter am Institut für Psychologie der Universität Hildesheim und Prof. Dr. Jan Richter, Professor für Experimentelle Psychopathologie erklären.

Open Science – was bedeutet das genau? 

Germar: „Open Science beschreibt eine Bewegung innerhalb der Wissenschaft, gestartet in der Psychologie, aber mittlerweile disziplinübergreifend. Angestrebt wird ein transparenterer wissenschaftlicher Prozess in allen Teilbereichen der Forschung. Das bedeutet, dass Materialien, Daten, Methoden, Hypothesen und Ergebnisse öffentlich zugänglich gemacht werden. Grundsätzlich ist das nichts Neues: Transparenz und Zugänglichkeit sind Ideale der Wissenschaft und das schon immer. Mit Open Science wird versucht, sich diesen Idealen zu nähern und sie in die Umsetzung zu bringen.“

Worin liegen die Vorteile von Open Science? 

Richter: „Der Austausch zwischen Wissenschaftler*innen wird durch Open Science schneller und niedrigschwelliger. Wer Forschungsergebnisse einsehen und für die eigene Forschung nutzen möchte, muss diese nicht anfragen und abwarten, sondern kann direkt starten. Ebenso können Daten schneller überprüft und Studien besser wiederholt werden, um Ergebnisse zu validieren. Die inzwischen vermehrt verpflichtende Prä-Registrierung nimmt hier eine Schlüsselrolle ein. Dabei legen Wissenschaftler*innen vor dem Beginn der Datenerhebung in ihren Studien eindeutige Hypothesen, Erwartungen und Methoden fest und veröffentlichen sie. Die Transparenz in der Vorgehensweise ist somit gegeben – bevor Ergebnisse entstehen. Ziel ist es, Ergebnisse weniger leicht verfälschen zu können und aufzuzeigen, dass sie nicht immer erwartbar sein müssen.“

Germar: „Hier passt das Bild von Forschung für die Schublade. Oftmals werden Studien die keine (erwarteten) Ergebnisse gezeigt haben, nicht veröffentlicht, wodurch die verwendeten Ansätze und Hypothesen nicht zugänglich sind und gewissermaßen in der Schublade verschwinden. Dabei bieten diese großes Potenzial, denn um ein ganzheitliches Bild entwerfen zu können, muss man auch die widersprüchlichen Ergebnisse kennen. Open Science will von dem ausschließlich ergebnisgeleiteten Gedanken weg und den wissenschaftlichen Prozess insgesamt in den Vordergrund stellen.“

Wie ist der aktuelle Stand? 

Richter: „Als Erweiterung zur Prä-Registrierung gibt es sogenannte registrierte Reporte in vielen wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Die Prä-Registrierung wird beim Fachmedium hinterlegt, als eine Art erste Publikation zum Projekt. Die Inhalte werden dann bereits von Expert*innen begutachtet, potenzielle Kritik kann direkt und vor dem Start der Datenerhebung umgesetzt werden. Im Anschluss wird das Projekt zur Veröffentlichung akzeptiert – ohne dass bereits klar ist, was die Ergebnisse sein werden. Stichwort: Raus aus der Schublade.“

Germar: „Open Science ist ein Kulturwandel, der aktuell noch nicht vollständig etabliert ist. Immer mehr Daten werden bereits zugänglich gemacht, immer mehr Fachzeitschriften verlangen die Umsetzung von Open-Science-Standards (z.B. offene Daten oder Prä-Registrierung). Gleichzeitig muss das Thema auch weiterhin bekannt gemacht werden und Wissenschaftler*innen müssen bereit sein, dazuzulernen, um Open Science gut umzusetzen. Offen ist auch, wie mit Daten umgegangen werden soll, die besonders hohen Schutzstandards unterliegen und nur teilweise anonymisiert werden können, beispielsweise in der Medizin oder Psychotherapie. Hier ist noch einiges zu tun.“

Und am Institut für Psychologie an der Universität Hildesheim? 

Germar: „Am Institut für Psychologie wurde in den vergangenen Jahren die Position eines Open Science Beauftragten etabliert. In dieser Rolle berate und unterstütze ich beim routinierten Einsatz von Open Science in den verschiedenen Projekten am Institut. Die Botschaft dabei: Open Science gehört heute zum wissenschaftlichen Arbeiten dazu. Daher gibt es beispielsweise auch Workshops für die Studierenden, sodass auch sie sich die erforderlichen Fähigkeiten sehr früh in der wissenschaftlichen Ausbildung aneignen können.“

Richter: „Die AGs Neurodidaktik und Experimentelle Psychopathologie sind zudem an einem internationalen Projekt beteiligt, das sich zur Aufgabe gemacht hat, bekannte psychologische Studien aus den vergangenen zwanzig Jahren zu wiederholen. Hier arbeiten wir mit den unterschiedlichen Elementen von Open Science zum Beispiel den registrierten Reporten. Das erleichtert die länderübergreifende Zusammenarbeit sehr.“

Abschließend auf den Punkt:  Wobei hilft Open Science? 

Richter: „Ein Kulturwandel hin zu mehr Open Science erhöht den Wert von Forschung – auch ohne Bestätigung erwarteter Ergebnisse. Denn gute Wissenschaftler*innen sind nicht unbedingt die, die viel veröffentlichen, sondern die, die transparent arbeiten. Eine frühe externe Begutachtung erleichtert die Konsensbildung innerhalb der Wissenschaft und lässt Wissenschaftler*innen gemeinsam ans Ziel kommen. Auch wenn Open Science aktuell noch nicht überall eingesetzt wird und werden kann, ist die Motivation dazu groß. Das ist schön zu sehen, gerade in der aktuellen konfliktgeprägten Zeit, in der es umso wichtiger ist, gemeinsam an einem Strang zu ziehen.“