Vom Zögern zum Zutrauen – Kathrin Kohake forscht zu pädagogischer Qualität im Sport

Freitag, 7. August 2026 - 08:44 Uhr

Ein Kind blickt nach vorne. Der Sprungkasten wirkt plötzlich ziemlich hoch. In der Sporthalle quietschen Turnschuhe über den Boden, irgendwo prallt ein Ball gegen die Wand. Die Mitschüler*innen warten, doch niemand drängt. Statt eines lauten „Los!“ kommt ein ruhiger Hinweis von der Lehrkraft: „Versuch mal, dich kräftiger mit den Armen abzudrücken.“ Das Kind atmet durch, nimmt Anlauf und landet sicher auf der Matte. Dass Kinder im Sportunterricht solche Momente erleben, ist kein Zufall, es ist das Ergebnis pädagogischer Qualität. Was genau das im Sportunterricht und im außerschulischen Training bedeutet, untersucht Prof. Dr. Kathrin Kohake. Seit dem 1. April ist sie Professorin für Sportdidaktik an der Universität Hildesheim.

Ob Kinder sich etwas zutrauen, hängt im Sportunterricht stark davon ab, wie Lehrkräfte sie beim Lernen unterstützen. Welche Verhaltensweisen dabei besonders förderlich sind, untersucht Kohake seit ihrer Promotion. Die Sportdidaktikerin hat in Hamburg Mathematik und Sport studiert und dort 2021 promoviert. Anschließend forschte sie rund vier Jahre lang an der Universität Münster, bevor sie im April 2026 nach Hildesheim kam. In ihrer Dissertation erforschte sie die Motivation von 8- bis 13-jährigen Kindern. Als Ergebnis ihrer Arbeit zeigte sich: Während in vielen anderen Lebensbereichen das Bedürfnis nach Selbstbestimmung im Vordergrund steht, spielt im Sport vor allem das Kompetenzerleben eine entscheidende Rolle. Wenn Kohake Kinder fragt, warum sie gerne zum Training gehen oder was ihnen im Sportunterricht Spaß gemacht hat, hört sie fast immer dieselbe Antwort: „Ich habe etwas Neues gelernt und etwas Schwieriges geschafft.“

Pädagogische Qualität messbar machen

Um das Verhalten von Lehrkräften systematisch zu erfassen, arbeitet die Professorin mit dem Beobachtungsinstrument CLASS (Classroom Assessment Scoring System). Dabei handelt es sich nicht um ein technisches Messgerät, sondern um ein wissenschaftliches Auswertungsraster. Geschulte Beobachter*innen schauen sich Sportstunden an, entweder live oder per Video, und bewerten das Verhalten der Lehrkraft anhand fest definierter Kriterien. Das Instrument gliedert sich in drei große Bereiche: emotionale Unterstützung, Klassenführung und instruktionale Unterstützung. Während die ersten beiden Bereiche weitgehend aus der allgemeinen Unterrichtsforschung übernommen werden konnten, musste der dritte Bereich für den Sport speziell angepasst werden: „Beim motorischen Lernen sind andere Dinge effektiv als beim Lernen im Klassenraum“, erklärt Kohake.

Ein Beispiel: „Ich kann einen Korbwurf am besten lernen, indem ich auf den Korb werfe. Das ist effektiver, als vorher genau zu analysieren, wie die Flugbahn sein müsste.“ Ebenso relevant ist die Qualität des Feedbacks: nicht nur ein allgemeines „Gut gemacht!“, sondern eine inhaltliche Rückmeldung wie: „Achte mal darauf, den Arm beim Wurf mehr zu strecken.“ Diese Erkenntnisse gibt Kohake direkt an ihre Studierenden weiter. In Seminaren lernen die angehenden Sportlehrkräfte das CLASS-Instrument kennen, analysieren Videobeispiele und erproben das Gelernte in Micro-Teaching-Phasen: „Die Lehre ist mir sehr wichtig, da wir innerhalb der Sportdidaktik noch einmal eine besondere Verantwortung für unsere eigene Didaktik haben. Wir bilden zukünftige Sportlehrkräfte aus, die als Multiplikator*innen wirken und ihr Wissen an Schulen und Vereinen weitertragen“, so die Professorin.

Gewaltprävention im Sport: Schutz fängt bei den Jüngsten an

Aus der Beschäftigung mit pädagogischer Qualität ergibt sich für die Professorin ein weiteres Themenfeld, die Gewaltprävention: „Wir wollen eine hohe pädagogische Qualität, und das bedeutet auch Gewaltfreiheit.“ Gemeinsam mit dem Deutschen Turnerbund (DTB) und dem Hessischen Turnverband entwickelt Kohake Präventionskonzepte. Ein wichtiger Baustein sind beispielsweise Verhaltensregeln für Athlet*innen, Eltern, Trainer*innen und Funktionär*innen: „Wir brauchen klare Regeln, an die sich alle halten müssen, sodass jeder weiß, welches Verhalten okay ist und welches nicht.“ Besonders wichtig ist ihr dabei, schon bei den Jüngsten anzufangen. In Workshops spricht Kohake mit Kindern ab vier Jahren über Kinderrechte und übt mit ihnen in Rollenspielen, wie sie in Grenzsituationen reagieren und sich Hilfe holen können.

Seit dem 1. Juni läuft dazu ein neues Projekt in Hildesheim: In den Nachwuchsstützpunkten des Deutschen Turnerbundes (DTB) werden Athlet*innen, Eltern, Trainer*innen und Funktionär*innen befragt. Ergänzt wird dies durch direkte Beobachtungen vor Ort. Ziel ist eine ehrliche Momentaufnahme, um zu sehen, wo die pädagogische Qualität bereits stimmt und wo noch nachgebessert werden muss. Für Kohake bedeutet pädagogische Qualität, Kinder in ihrer Entwicklung zu stärken: „Wir wollen, dass sie Freude am Sport empfinden, sich etwas zutrauen können und sich dabei sicher fühlen.“