Vom Sprechen zu schwarzen Monitoren – die Lehren der Lehrenden aus der Corona-Zeit

Freitag, 12. November 2021 um 10:10 Uhr

In den von Kontaktbeschränkungen und virtuellen Begegnungen geprägten vergangenen eineinhalb Jahren musste sich die universitäre Lehre auf völlig neue Rahmenbedingungen einstellen. Was sich dadurch verändert hat und welche Konsequenzen sich für die Zukunft abzeichnen, darüber sprechen Prof. Dr. Meike Baader, Vizepräsidentin für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs, und Prof. Dr. Jürgen Sander, hauptberuflicher Vizepräsident für Studium, Lehre, studentische Belange und Digitalisierung, in dieser letzten Folge der Serie „Corona – und dann?“

Einmal, sagt Prof. Dr. Meike Baader, habe sie in einer digitalen Zusammenkunft einen echten Verzweiflungsausbruch einer Studentin erlebt. Doch das war die Ausnahme. Was nicht heißt, dass die Bedingungen des digitalen Studierens nicht auch andere verzweifeln ließen. Das legen zumindest die von einem Team um die Hildesheimer Wissenschaftlerinnen Dr. Severine Thomas und Dorothee Kochskämper durchgeführten Online-Befragungen Stu.diCo I und Stu.diCo II nahe. „Die Belastungswahrnehmung der Studierenden wächst, auch seelische und körperliche Beschwerden nehmen zu“, heißt es in einer ersten Auswertung der im Juli 2021 abgeschlossenen zweiten Befragungsreihe mit rund 2500 Teilnehmenden.

„Ich würde es als ein Gefühl der Erschöpfung bezeichnen, das wir bei vielen Studierenden wahrnehmen“, sagt Professorin Baader. Doch anders als in Präsenz-Sprechstunden, in denen auch mal persönliche Probleme zur Sprache kommen, werde das Digitale dafür meist eher nicht als passender Raum empfunden. „Umgekehrt muss man auch sagen, dass wir Lehrpersonen für psychosoziale Gespräche, noch dazu, wenn diese online stattfinden, nicht ausgebildet sind.“ Auf Seiten der Lehrenden herrsche daher oft eine gewisse Ratlosigkeit, wie mit den in der Pandemiezeit neu hinzugekommenen Herausforderungen für die Studierenden umzugehen ist.

Wissenschaftliche Betrachtung schafft Distanz zum eigenen Erleben

Die Erziehungswissenschaftlerin Baader thematisierte den Umgang mit der Corona-Krise in zwei aufeinanderfolgenden Semestern jeweils in einem ihrer Seminare und griff darin auch aktuelle Forschungsergebnisse auf. „Für die Studierenden war diese Form der Auseinandersetzung mit dem Thema eine Möglichkeit, Distanz zum eigenen Erleben aufzubauen. Das wurde von einigen auch sehr dankbar kommentiert.“ Doch die Gruppe derjenigen, die sich aktiv an den Online-Diskussionen beteiligten, war überschaubar. „Eher wenige haben sich zu Wort gemeldet oder in den Chat geschrieben, noch weniger hatten auch die Kamera an.“ Ein Gespür für die Personen hinter den Monitoren blieb Baader – wie wohl allen digital Lehrenden – auf diese Weise verwehrt.

Mathematikprofessor Dr. Jürgen Sander bestätigt diese Erfahrung. Zwar sei es in seiner Online-Lehrveranstaltung zur Zahlentheorie zu „teils erstaunlich qualitätsvollen Diskussionen“ gekommen – aber eben nur unter denjenigen, die auch daran teilnahmen. Die Unsichtbarkeit und Nicht-Erreichbarkeit der anderen hinterließ auch bei ihm ein ungutes Gefühl. „In einer Präsenzveranstaltung kann ich Personen, die offensichtlich nicht mehr folgen können oder mit den Gedanken woanders sind, gezielt ansprechen. In einer Online-Veranstaltung sind die einfach irgendwann weg.“

Muss sich die Uni jetzt auf ganze Jahrgänge einstellen, die in Wissen und Erfahrung drei Semester hinterherhängen? „Fachlich gesehen glaube ich das nicht“, sagt Sander. „Nahezu alle Lehrveranstaltungen und Praxisangebote haben auch in der Zeit des Lockdowns stattfinden können, wenn auch unter anderen Voraussetzungen.“ Auch im Notendurchschnitt zeigten sich keine großen Abweichungen – und wenn doch, dann aufgrund aufwendig neu konzipierter Prüfungsformate sogar eher nach oben. Ob mehr Personen als sonst in der Pandemiezeit gefühlt oder tatsächlich den Anschluss an ihr Studium oder auch Promotionsvorhaben verloren und dieses abgebrochen haben, wird sich erst über eine längere Zeitspanne zeigen.

Digitales Studium verschärft soziale Unterschiede

Zu den Profiteur*innen der Online-Lehre gehörten unter anderem Studierende mit Kindern, die Lernzeiten und Familienalltag auf diese Weise individueller gestalten konnten. In die Zukunft gedacht, seien die Möglichkeiten für diese und andere Personengruppen, die sich ein zeitlich flexibleres Studienangebot wünschen, sicherlich noch nicht ausgeschöpft, meint Sander.

Andererseits kann man die dafür nötigen technischen und selbstorganisatorischen Kompetenzen auch nach anderthalb Corona-Jahren nicht selbstverständlich voraussetzen, gibt Baader zu bedenken. Denn auch in den Schulen als vorgelagerte Institutionen sei die Digitalisierung sehr unterschiedlich weit fortgeschritten. Baader zitiert eine vom Deutschen Schulportal veröffentlichte repräsentative Forsa-Umfrage, in der im April 2020, zu Beginn der Corona-Zeit, 84 Prozent der befragten Lehrer*innen angaben, auch während der Zeit der Schulschließungen klassische Arbeitsblätter an die Schüler*innen zu verteilen.  „Die Kinder wurden zwar mit Aufgaben versorgt, mit diesen aber weitgehend alleine gelassen. Interaktive digitale Formate im Sinne eines Blended Learnings sind laut dieser Umfrage kaum zum Einsatz gekommen“, sagt Baader. Seitdem dürfte die Schere derjenigen, die in Elternhaus, Schule und später auch an der Universität die Möglichkeiten und die Ausstattung hatten, echte digitale Kompetenzen zu erwerben, und den in diesen Punkten weniger Begünstigten immer weiter auseinandergegangen sein, vermutet sie.

Dass die empfundene Belastung in der Corona-Zeit bei Studierenden der ersten Generation besonders stark ausgeprägt ist, spiegelt diese soziale Spreizung wider. Im Zwischenbericht zur Stu.diCo II-Befragung heißt es: „Hochschulen brauchen ein soziales Wiederaufbauprogramm, um soziale Unterschiede nicht weiter zu verschärfen.“ Doch wie das aussehen kann, ist noch völlig offen. Auch die Frage, ob und wie die Uni dazu beitragen kann, trotz weiterhin eingeschränkter Kontaktmöglichkeiten das Studierendenleben auch jenseits von Lehrveranstaltungen wieder etwas lebendiger zu gestalten, steht im Raum. „Es gab Anfragen von Studierenden, ob sie Räume auf dem Campus für Partys buchen können“, berichtet Sander. Aus seiner Sicht nachvollziehbar und nach längerem Nachdenken auch unterstützungswürdig, sofern entsprechende Schutzvorkehrungen eingehalten werden und sich Personen finden, die dafür Verantwortung übernehmen.  

„Studierende bemängeln das Fehlen von Veranstaltungen wie Partys, Hochschulsport und weiteren Freizeitaktivitäten. Die Einschränkung des Campus-/Studierendenlebens erfährt von ihnen nur wenig Zustimmung“, schreibt das Wissenschaftsteam der Stu.diCo II-Studie. Das fehlende soziale Miteinander zählen viele der Befragten zu den bedeutendsten Nachteilen des digitalen Studierens.

Vorsichtige Rückkehr in die Präsenz

Anders als manche ihrer Kolleg*innen hat Professorin Baader sich entschieden, in diesem Winter (soweit dies möglich bleibt) in Präsenz zu lehren, nicht zuletzt, um wieder mehr mit ihren Studierenden in Kontakt zu kommen. „Die Präsenzlehre“, sagt sie, „wird von den Seminarteilnehmenden als sehr bereichernd erlebt. Viele gehen sehr umsichtig mit den Regeln um und die Bereitschaft, sich einzubringen und mitzugestalten, ist hoch.“ Wegen der geltenden Abstandsregeln können aber weniger Personen an den Seminaren teilnehmen als vor der Pandemie, obwohl die Nachfrage nach weiteren Plätzen groß ist. Hybride Lehrveranstaltungen, wie manche es sich deshalb wünschen, sind für Baader kein guter Kompromiss. „Ich finde es sehr schwierig, gleichzeitig zu den Personen im Raum und in eine Kamera zu sprechen.“

Aktuell, zum Beginn des Wintersemesters 2021/22, muss die baldige Rückkehr in uneingeschränkte Präsenzlehre angesichts stark steigender Infektionszahlen wohl unter Vorbehalt betrachtet werden. „Wir sind aber fest entschlossen, so viel Präsenz zu ermöglichen, wie es die gesetzlichen Rahmenbedingungen und ein verantwortungsvolles Handeln erlauben“, meint Sander. Für ein abschließendes Fazit zur Lehre in der Pandemiezeit und die endgültige Neuausrichtung in eine „Zeit danach“ ist es immer noch zu früh.

 

 

Die Serie „Corona – und dann?“

Was bleibt nach der Corona-Zeit? Diese Frage haben wir im Rahmen dieser Serie immer wieder gestellt. Wo gab es positive Entwicklungen, die auch nach dem Ende der Pandemie Bestand haben werden? Welche technischen Lösungen haben sich durchgesetzt? Was für kreative Ideen sind unter dem Druck der Situation entstanden, die in eine Zukunft mit weniger oder ohne Kontaktbeschränkungen weitergetragen werden können? Und wo stößt das Digitale an Grenzen?  Mit der Folge „Vom Sprechen zu schwarzen Monitoren“ endet diese Serie. Alle Folgen zum Nachlesen gibt es hier.


Prof. Dr. Meike Baader, Vizepräsidentin für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs. Foto: Daniel Kunzfeld

Prof. Dr. Jürgen Sander, hauptberuflicher Vizepräsident für Studium, Lehre, studentische Belange und Digitalisierung. Foto: Isa Lange