Unser A und O: Wie Kinder lesen und schreiben lernen

Freitag, 11. März 2016 um 10:22 Uhr

Ein Team um Professorin Ursula Bredel hat eine Datenbank mit deutschen Kernwörtern erstellt, die Lehrerinnen und Lehrer bei der Planung und Durchführung eines systematischen Orthographieunterrichts unterstützt. Mit Sprache Welten entwerfen – Isa Lange hat bei der Hildesheimer Wissenschaftlerin nachgefragt, wie Kinder lesen und schreiben lernen.

Lesen und Schreiben: Als Erwachsener kann man sich kaum erinnern, wie man diese Fähigkeiten erlernt hat. Was leisten Kinder eigentlich beim Schriftspracherwerb?

Ursula Bredel: Mit dem Erwerb der Schriftsprache öffnet sich für Kinder eine neue Welt: Sprache, die vorher in der unmittelbaren Interaktion gegeben war, wird zum situationsentbundenen Gegenstand, die Kommunikationspartner werden abstrakt. Wer Schrift beherrscht, kann den unmittelbaren sozialen Nahraum verlassen, eine wichtige Voraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe. Auf dem Weg zu kompetenten Schreibern und Lesern müssen Novizen die Form und die Funktion der Schrift entdecken und erproben.

Wie können Eltern und Schule die Kinder auf dem Weg zum kompetenten Schreiber unterstützen?

Für die Erschließung der Funktionsseite sind eine intensive Vorlesepraxis und Gespräche über das Gelesene – wir sprechen von Anschlusskommunikation – besonders wichtig. Die Kinder lernen, dass Sprache nicht an die unmittelbare Kommunikation gebunden ist, sondern Welten entwerfen kann, an denen sie gemeinsam partizipieren können. Die gemeinsamen Vorlesesituationen sollten neben der zunehmenden Ermutigung, Texte selbständig zu lesen und zu schreiben, deshalb auch weit über das erste Schuljahr hinaus ein fester Bestandteil des Deutschunterrichts sein.

Darüber, wie Kinder die Formseite erschließen, herrscht weit weniger Einigkeit: Im herkömmlichen Unterricht wird den Kindern viel selbst überlassen. Sie lernen Buchstaben als Abbilder von Lauten kennen und Schreiben nach Gehör. Die ersten Lese- und die ersten Schreibversuche scheitern: Aus „Roller“ wird beim Lesen „R-OO-L-EE-R“, eine Wortgestalt ohne Bedeutung. Die Kinder erleben dann Lesen nicht als Sinnentnahme, sondern als Übersetzen von Zeichen (Buchstaben) in andere Zeichen (Laute). Eine Tätigkeit ohne Sinn und Verstand. Beim Schreiben wird aus „Roller“ im besten Fall „ROLA“, eine Wortgestalt, die nur schwer entzifferbar ist.

Wie könnten Alternativen aussehen?

Die Orthographie ist die beste Lehrerin: Sie zeigt den Kindern, was weder hörbar ist noch bei genauer Aussprache ermittelt werden kann: Die Struktur der Sprache. Wir sollten Kindern deshalb die richtigen Muster anbieten und nicht mit Einzellauten, sondern mit Silben arbeiten. Sie zeigen zum Beispiel, ob ein Vokal in einer betonten Silbe (Hauptsilbe) kurz (geschlossene Silbe Fel- in Felder) oder lang (offene Silbe Fe- in Feder) zu artikulieren ist. Um auch die jeweils zweite Silbe, die unbetonte Reduktionssilbe (hier -der), erschließen zu können, in der die Buchstaben ganz andere Funktionen übernehmen, arbeiten wir mit der Basisform deutscher Wörter: Dem Trochäus, einer Form aus einer betonten und einer unbetonten Silbe (finden, Tante, Nase, lesen, böse, lieben, Roller, Feder, Felder, Wälder), an dem die Orthographie deutscher Kernwörter insgesamt ausgerichtet ist.

Um die Lehrkräfte bei einem Unterricht zu unterstützen, der auf der Er- und Bearbeitung des trochäischen Basismusters aufbaut, haben wir an der Universität Hildesheim die frei zugängliche Datenbank DORA aufgebaut [siehe Infokasten unten].

Auf Silben reagieren schon Säuglinge. Der Trochäus bildet das wichtigste Schema für den Worterwerb: Wenn Ein- bis Zweijährige „Banane“ sagen wollen, hören wir oft einfach  „nane“, aus „Schokolade“ wird „lade“, aus „Mandarine“ „rine“. Schon sehr kleine Kinder filtern das trochäische Muster sicher heraus; daran kann und sollte man im Schriftspracherwerb anknüpfen. Und Kinder, die Deutsch nicht als Erstsprache sprechen und deren Erstsprachen anderen prosodischen Mustern folgen, können auf der Basis des geschriebenen trochäischen Kernmusters sehen lernen, was sie (noch) nicht hören können.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Zur Person

Prof. Dr. Ursula Bredel lehrt und forscht am Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Hildesheim. Die Sprachwissenschaftlerin ist Mitautorin des Buches „Wie Kinder lesen und schreiben lernen“.

Kurzinfo / Muster erkennen und so die Orthographie lernen: Datenbank DORA

Kinder lernen die Schreibung von Wörtern nicht auswendig, sondern orientieren sich an orthographischen Mustern, die sie auf neue Fälle übertragen. Wer leben schreiben kann, weiß, was zu tun ist, wenn er kleben, eben, beben, heben, neben oder streben schreiben will.

Im Rechtschreibunterricht sollte die Entdeckung von orthographischen Mustern aktiv unterstützt werden, fordert ein Hildesheimer Forscherteam. Professorin Ursula Bredel und Hrvoje Hlebec (Sprachdidaktik) und Professor Ulrich Heid und Ronny Jauch (Sprachtechnologie und Computerlinguistik) sowie der Informatikstudent Wilfried Hehr haben eine Datenbank mit derzeit 3213 trochäischen Basisformen entwickelt. Lehrkräfte können in dieser „Datenbank orthographisch regulärer Ausdrücke“ nach Wörtern mit geschlossener Silbe (Felder, holpern, Kante), Wörtern mit Dehnungs-h (Sahne, Fohlen, Bühne), Wörtern mit Diphthong (Geier, Beule, hauen), aber auch nach Wörtern mit bestimmten Anfangs- oder Endbuchstaben suchen. 

„DORA“ zeigt, wie man Kinder schon früh für Wortbausteine sensibilisieren kann, die man braucht, wenn man liebte oder Wald schreiben will: Denn die Wortansicht macht nicht nur Haupt- und Reduktionssilben sichtbar (lie-ben, Wäl-der), sondern durch Einfärbung auch das Stammmorphem (lieb-en, Wäld-er), das in jeder Wortform mit diesem Stamm erhalten bleibt. Die Datenbank ist so gebaut, dass sie intuitiv genutzt werden kann, enthält zur Orientierung aber zugleich einen Begleittext und ein Glossar. Die Datenbank „DORA“ ist online zugänglich.

Die Datenbank „DORA“ wird auch auch in der Lehrerausbildung eingesetzt: Die Studierenden ermitteln die Systematik der Wortschreibung, stellen ihr bisheriges Wissen auf den Prüfstand und bauen neues, systematisches Wissen auf, das sie für ihre spätere Berufstätigkeit brauchen. „Ein gezieltes Experimentieren mit DORA könnte auch rechtschreibschwachen Kindern helfen, der Systematik der Orthographie auf die Spur zu kommen“, so Bredel. 

Kurzinfo / Schriftspracherwerb in der Lehrerausbildung

Der Schriftspracherwerb ist eine der zentralen Anforderungen, denen sich Lernende bei Schuleintritt stellen müssen und in der Regel auch wollen, so Professorin Ursula Bredel. Vom Erfolg des Erwerbs der Schriftsprache hängt die gesamte weitere Bildungsbiographie ab. Sprach- und Literaturdidaktikerinnen und Didaktiker der Universität Hildesheim befassen sich in Seminaren zum Beispiel mit folgenden Themen: Orthographie des Deutschen und ihr Erwerb, Lesesozialisation, Vorlesen und Anschlusskommunikation, Handschrift, Umgang mit Fehlern und Wissen von Kindern bei Schuleintritt.

Lesen Sie dieses Interview im aktuellen Uni-Journal (zum epaper)

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, 05121.883-90100, presse@uni-hildesheim.de)


Wie lernen Kinder lesen und schreiben? Eine Lehramtsstudentin unterrichtet in einer ersten Schulklasse einer Hildesheimer Grundschule. Im ersten Studienjahr beobachten Lehramtsstudierende der Universität Hildesheim jeden Freitag Unterricht in einer Praktikumsschule. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim