Uni begleitet Schulen auf dem Weg zur Inklusion

Dienstag, 16. Juli 2013 um 15:15 Uhr

Schulen in Hildesheim und Hannover holen die Universität ins Boot und setzen auf umfassende Fortbildung. 60 Lehrkräfte studieren derzeit berufsbegleitend „Inklusive Pädagogik“. Im Oktober startet der dritte Jahrgang, Bewerbungen sind bis zum 30. August möglich. Vor vier Jahren hat Deutschland eine UN-Konvention unterzeichnet, in Niedersachsen können ab August 2013 Eltern zwischen der Regel- oder Förderschule für ihr Kind wählen. Dann gilt ein Rechtsanspruch.

Lehrer Uwe Witzschel studiert mit drei weiteren Kollegen der Oberschule Ottbergen berufsbegleitend an der Universität Hildesheim. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Lehrer Uwe Witzschel studiert mit drei weiteren Kollegen der Oberschule Ottbergen berufsbegleitend an der Universität Hildesheim.

Vier Lehrkräfte der Oberschule Ottbergen studieren seit 2012 berufsbegleitend „Inklusive Pädagogik und Kommunikation" an der Universität Hildesheim. Einmal im Monat kommen sie mit 20 Lehrkräften unterschiedlicher Schulformen in Hildesheim zu mehrtägigen Seminaren zusammen, dazwischen gibt es Beratungssitzungen und Unterrichtsbesuche. In einem Studienschwerpunkt lernen die Lehrkräfte, wie eine Schule zur „inklusiven Schule“ wird – von der Steuerung über die Zusammenarbeit mit Eltern bis zu Qualitätsmanagement und Öffentlichkeitsarbeit.

Vermehrt entscheiden sich Schulen Erziehungswissenschaftler der Universität Hildesheim ins Boot zu holen, so auch das Gymnasium Andreanum in Hildesheim und die Ludwig-Windhorst-Realschule in Hannover, die mehrere Lehrkräfte im Team fortbilden. Parallel zur Lehrerfortbildung erfassen Wissenschaftlerinnen vom Weiterbildungszentrum der Uni bis 2014 in der Oberschule Ottbergen, welche Maßnahmen auf dem Weg zur inklusiven Schule getroffen werden und wie wirksam diese sind. „Die Region in Hildesheim ist besonders aktiv, Förderer unterstützen die Schulen mit Stipendien und tragen die Weiterbildungskosten“, beobachtet Dr. Margitta Rudolph. Die Randstad-Stiftung, die Sparkasse Hildesheim und die Volksbank Hildesheimer Börde unterstützen den Weiterbildungsstudiengang.

„Kurze Fortbildungsangebote sind für eine Haltungsänderung bedingt hilfreich“, sagt Rudolph. Dass in Schulen nun „Inklusionsklassen“ eingerichtet werden, oft aus finanziellen Gründen oder weil ausgebildetes Personal fehlt, sieht sie kritisch. „Das widerspricht dem Gedanken von Inklusion, wenn an einer Schule wieder Sonderfälle entstehen.“

Die Universität Hildesheim hat die zweijährige Weiterbildung gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Zürich entwickelt. Ab 2013 werden erstmals Lehrkräfte aus Italien von der Universität Bozen (Südtirol) das Studium aufnehmen. „Das ist Bologna pur und einer der wenigen Studiengänge in Europa, die über Ländergrenzen hinweg konzipiert sind. Die Studierenden aus drei Ländern vergleichen Schulsysteme, lernen in Lernpartnerschaften voneinander“, sagt Britta Ostermann. Die Module (Studieninhalte) sind auch einzeln als Zertifikatsabschluss studierbar. Dabei können Studierende nach vier Wochen erste Bausteine in ihrer Schule umsetzen. „Leistungen, die sie im Studium erbringen müssen, sind auf den Schulkontext bezogen“, hebt Ostermann das praxisnahe Studium hervor.

2011 startete der erste Jahrgang mit 28- bis 55-jährigen Lehrkräften aller Schulformen. Im September verteidigen sie ihre Abschlussarbeiten gemeinsam mit Schweizer Studierenden. Im Herbst 2012 hat der zweite Jahrgang das Studium aufgenommen. Für den dritten Jahrgang (Studienbeginn Oktober 2013) können sich Studieninteressierte bis zum 30. August bewerben.

Alle Kinder und Jugendlichen sollen gemeinsam zur Schule gehen können – ungeachtet ihrer Begabung, Kultur, Religion, Sprache und möglichen Beeinträchtigung im körperlichen, geistigen oder emotionalen Bereich. Eine UN-Behindertenrechtskonvention wurde von Deutschland im Jahr 2009 unterzeichnet – die 16 Bundesländer gehen unterschiedlich schnelle Wege. In Niedersachsen wurde ein Gesetz zur Einführung der inklusiven Schule 2012 verabschiedet. Ab dem Schuljahr 2013/14 startet in Niedersachsen die „inklusive Schule“, beginnend mit dem 1. und 5. Jahrgang. Dann gilt für Eltern ein Rechtsanspruch, sie können zwischen der Regel- oder Förderschule für ihr Kind wählen.

Info: Insgesamt sind 26 deutsche Studierende im Weiterbildungsmaster (1. und 2. Jahrgang) eingeschrieben (4 Männer, 22 Frauen), darunter 6 Gymnasiallehrer, 9 Hauptschullehrer, 4 Förderschullehrer, 2 Sozialpädagogen (Schulsozialarbeiter), eine Grundschullehrkraft und Schulleitung (Grundschule). Die Themen der Abschlussarbeiten, die Ende September vorgestellt werden, sind praxisnah: Löst der Umgang mit Heterogenität Stress bei Lehrenden an einer Haupt- und Realschule aus? Wie werden kooperative Lernformen in einer Integrationsklasse im 7. Jahrgang an einem Gymnasium eingesetzt? Weitere Studierende untersuchen die Schulentwicklung an einer evangelischen Grundschule in Salzgitter, die Kooperation zwischen Eltern eines behinderten Kindes und der Schule oder Unterrichtseinheiten zum Thema „Wert einer heterogenen Gruppe“.

Kontakt für Studieninteressierte: Über Studieninhalte und Bewerbungsmodalitäten informiert Britta Ostermann (05121.883-429, osterma@uni-hildesheim.de) vom Weiterbildungszentrum der Universität Hildesheim.

Hinweis für Redaktionen: Die Pressestelle (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-102, 0177.8605905,) stellt gerne Kontakt zu Schulen, Lehrern und Wissenschaftlern her.

„Inklusion ist eine Frage der Haltung. An der Universität Hildesheim lernen auch gestandene Lehrer etwas über den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Handicap", Hannoversche Allgemeine Zeitung, 08.08.2013 (print und online)

„Herausforderung Inklusion", Filmbeitrag, NDR Fernsehen, 08.08.2013

„Uni Hildesheim begleitet Schulen auf dem Weg zur Inklusion", Film und Studiointerview (ab Min 1:45), NDR Fernsehen, 08.08.2013

„Die Qual der Wahl. Ab 1. August können Eltern in Niedersachsen ihre behinderten Kinder auch auf Regelschulen schicken", Die Welt, 27.07.2013 (print und online)