Umgang mit Vielfalt: Forscherinnen halten Beziehungen zu Russland und Ukraine

Montag, 02. März 2015 um 19:25 Uhr

Forscher aus der Ukraine, aus Russland, Weißrussland und Hildesheim befassen sich mit der Frage, wie Menschen in ihrer Vielfalt zurechtkommen, wie sie mit Unterschieden und Konflikten umgehen. „Es wäre schlimm, wenn gerade wir auseinanderbrächen. Je mehr Verbindungen wir stärken, desto mehr Vorurteile können wir abbauen“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Olga Graumann angesichts aktueller Konflikte. Die Kulturen Osteuropas werden in unserem Bildungswesen vernachlässigt, meint Beatrix Kreß. Isa Lange sprach mit den Forscherinnen am Rande einer Arbeitstagung.

Wissenschaftsbeziehungen ändern die Politik nicht, „aber wir schaffen Begegnungen“, sagt die emeritierte Professorin Olga Graumann. Biographien wie jene der Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigen, dass der Austausch und Sprachkenntnisse helfen, sich Urteile zu bilden und nicht mit Vorannahmen zu arbeiten.

Seit über einem Jahr kommt die Ukraine nicht zur Ruhe, die politische Lage ist angespannt, Beziehungen zwischen Russland, der Ukraine und der Europäischen Union sind belastet.

Als sie ihr gemeinsames Projekt vor zwei Jahren starteten, rechneten sie nicht mit den politischen Entwicklungen. Nun erleben Wissenschaftler, wie das Thema ihrer Forschung – der Umgang mit Vielfalt und Konflikten – sehr präsent im Alltag ist. Etwa in Kiew: Wie kann die Stadt mit Flüchtlingen aus der Ostukraine umgehen? Wie können Lehrer erkennen, dass ein Flüchtlingskind traumatisiert ist?

„Wir sind Wissenschaftler, keine Politiker. Wir haben einen wissenschaftlichen Auftrag, wir denken global und über die Grenzen hinaus. Wir kennen uns persönlich, wir kennen die Menschen. Das ist ein großes Plus“, beschreibt Olga Graumann, wie es gelingt, gemeinsam an einem Tisch zu arbeiten. In diesen Tagen kommen 17 Forscherinnen und Forscher aus der Ukraine, Weißrussland und Russland sowie Vertreter aus EU-Universitäten (Rom, Helsinki, Bremen) an der Universität Hildesheim zusammen. Die Hochschulen arbeiten in einem Netzwerk zusammen (siehe unten).

Aus der Ukraine reisen Forscher gemeinsam im gleichen Zug und Flugzeug an, aus der ostukrainischen Stadt Berdjansk nahe Mariupol am Asowschen Meer, aus Kiew und aus der westukrainischen Stadt Khmelnitzkij. Aus Russland sind Wissenschaftler aus Welikij Nowgorod, Tjumen, Kuban/Krasnodar, Ryazan, Wologda, Kostroma und St. Petersburg beteiligt, sowie aus Weißrussland die Hochschulen in Witebsk, Mosyr und Minsk. „Wir diskutieren nicht über Politik“, sagt Graumann, aber Gespräche, die am Tisch laufen, seien schon manchmal von der Krise geprägt. „Eine Kollegin aus der Ostukraine wurde von einer Russin gefragt, wie es ihnen geht. Sie sagte: Wir haben unsere Wahrheit, ihr habt eure Wahrheit. Damit war das Gespräch beendet“, so Graumann. „Wir bemühen uns, vorsichtig miteinander umzugehen. Ich stehe auf keiner Seite, bin völlig neutral. Das spüren die Kollegen, das ist unsere Arbeitsgrundlage.“

Als der Konflikt begann, schrieb die Hildesheimer Erziehungswissenschaftlerin an alle Kollegen einen Brief, mit dem Appell, „dass wir im Sinne von Comenius denken wollen, weltoffen und wissenschaftlich und alles differenziert betrachten“. Das habe sich bisher bewahrheitet, alle liefern ihre Arbeit.

Dennoch geht so ein Konflikt nicht an den Forschern vorbei, er ist der Rahmen für ihre Zusammenarbeit. „Die Kollegen und Kolleginnen aus der Ostukraine haben Angst um ihre Söhne und Männer, darüber sprechen sie mit uns“, so Graumann. Die Konflikte innerhalb des Landes spüre man. Doch es gibt zum Beispiel, angeregt durch ein gemeinsames EU-Projekt, einen Kooperationsvertrag zwischen der westukrainischen Nationalen Universität Khmelnitzkij und der Staatlichen Universität Nowgorod in Russland, der nach wie vor mit Leben gefüllt ist. „Die Bindungen sind zum Glück nicht durch die politische Situation zerstört worden. Uns verbindet die gemeinsame Arbeit, unser Thema ist Diversity, wir befassen uns mit der Frage, wie Menschen in ihrer Vielfalt zurechtkommen, wie sie mit Unterschieden und Konflikten umgehen. Es wäre schlimm, wenn gerade wir es nicht schaffen würden und auseinanderbrächen“, sagt Olga Graumann. Um das Diversitymanagement an Schulen, in Hochschulen und Unternehmen und um den Umgang mit Heterogenität direkt in einer Schulklasse, darum geht es nun bei der Entwicklung von Modulen für den Bachelor und das Promotionsstudium und bei der Entwicklung eines Masterstudiengangs „Bildungsmanagement in heterogenen Organisationen“.

Forscher aus allen Ost-Partneruniversitäten erarbeiten zurzeit Inhalte für Studiengänge. Dabei geht es etwa um „Subjektive Theorien und Stereotype“. Lehramtsstudierende sollen darauf vorbereitet werden, wie sie mit Stereotypen umgehen können – in einer Lage wie heute sei das besonders aktuell. Kinder kommen mit Meinungen und Vorurteilen über „die Russen“ oder „die Ukrainer“ oder „die Europäer“ oder „die Deutschen“ in die Klassenzimmer, greifen Wortlaute aus Medien oder Familie auf. „Jugendliche sollten lernen, damit umzugehen, dies zu hinterfragen, so dass eine Generation aufwächst, die mit dieser Vielfalt und mit Konflikten offen umgehen kann“, so Olga Graumann. Sie greift dabei auf die jahrelangen Erfahrungen in der Hildesheimer Lehrerausbildung zurück. Die Hildesheimer Professorin Irene Pieper aus den Literaturwissenschaften und Sportprofessor Peter Frei evaluieren Module zu „Diagnostik der Lese- und Schreibfähigkeit“ und „Diagnostik der Motorik“, die in den Partneruniversitäten entwickelt wurden, und beraten die Modulentwickler. Im Juni und November 2015 reisen die Partner erneut nach Hildesheim an, werden in der Bibliothek arbeiten, Dozenten treffen. Ein reges Begegnen.

„Wissenschaftsbeziehungen zu pflegen geht nicht nur über E-Mail. Man muss die Menschen besuchen und persönliche Kontakte aufbauen“, sagt Graumann. Die Sorge und Angst, dass die Politik alle bisherige Arbeit zerschlage sei groß. Sie hofft, „dass von dem, was wir gesät haben, bei den Menschen etwas bleibt, auch wenn die Politik das im Moment nicht zulässt“. In der gemeinsamen Arbeit werde deutlich, dass in der Pädagogik traditionell die gleichen Stränge verfolgt wurden. Das erleichtere nun, zum Beispiel ein gemeinsames Buch über „Vielfalt der Pädagogik“ sowie ein Buch zu „Diversity Management in heterogenen Organisationen“ zu schreiben.

Noch ist der Austausch möglich, die Wissenschaftler können reisen. Kollegen aus der Ukraine fuhren 2014 nach Russland, im September 2014 kamen die Forscher zu einer großen Konferenz der International Academy for Humanization of Education (IAHE) in Witebsk in Weissrussland zusammen. „Es kann sein, dass die Politik das Reisen verbietet. Aber die Menschen, die wollen den Austausch“, so die Hildesheimer Erziehungswissenschaftlerin. In Wien steht im Juli 2015 eine internationale Tagung zu Inklusion bevor, im September 2016 eine Konferenz an der Hildesheimer Universität zu Diversity-Management, in Kooperation mit der IAHE.

Gerade in angespannten Zeiten, sollte man die Bindungen halten. „Das ist das Einzige, was wir als in der Regel differenziert denkende Wissenschaftler tun können. Das ist unser Part, den wir als Universität haben und das Einzige, was wir können“, so Graumann. „Angela Merkel versucht es auf politisch-diplomatischem Wege, Frieden zu schaffen. Wir können zumindest Menschen zeigen: Man kann über Grenzen hinweg denken. Uns verbindet unglaublich viel. Russische Pädagogen diskutieren zum Beispiel unsere alten Philosophen wie Nietzsche, gehen auf gemeinsame Quellen zurück, sehr viel stärker, als wir das selber machen. Etwa Comenius, sie nennen ihn in der nicht latinisierten Weise Komensky, er ist unser gemeinsamer Hintergrund, da fühlt man sich verbunden.“

Erziehungswissenschaftler der Universität Hildesheim haben gemeinsam mit der Universität in Nowgorod, Russland, vor zehn Jahren als erste und bis heute einzige Hochschulen einen Doppelabschluss in Erziehungswissenschaft entwickelt. Wissenschaftler aus den Erziehungswissenschaften, Sozial- und Organisationspädagogik und Psychologie sind an der Lehre beteiligt und gehen auf die Studierenden ein. Der DAAD hat den gemeinsamen Studiengang mit mehr als 800.000 Euro unterstützt. 28 deutsche Bachelor- und Masterabschlüsse wurden bis 2014 an russische Studierende vergeben, sieben weitere folgen 2015, alle verteidigen ihre Abschlussarbeit in deutscher Sprache. 88 deutsche und russische Dozenten lehrten bisher an der jeweiligen Partneruni. Die russische Doktorandin Ekaterina Egorova promoviert in Hildesheim über „Individualisierung im russischen Schulsystem“. Es sei nicht leicht, deutsche Studierende für einen Aufenthalt in Russland und der Ukraine zu gewinnen, denn diese zieht es in westliche Länder. „Der Gedanke, in einem osteuropäischen Land zu studieren löst bei vielen Unsicherheiten und Ängste aus. Es ist leichter vom Osten in den Westen zu gehen, als umgekehrt“, so Graumann. Umso mehr freut sie sich, dass zehn Studierende aus Hildesheim an der Staatlichen Universität Nowgorod in Russland studiert haben und fünf das russische Diplom erworben haben.

Das bestätigt auch Marit Breede. Sie organisiert am International Office die Auslandsaufenthalte von Studierenden. Hildesheim pflege den Kontakt zu Partnerhochschulen in Polen, im ungarischen Budapest. Studierende fragen kaum nach Studienaufenthalten in Russland und Ukraine nach, diese seien auch nicht als Länder in dem großen Förderprogramm Erasmus Plus vertreten. „Das Interesse, in diese Länder zu gehen, ist in der Vergangenheit und auch momentan nicht besonders groß“, so Breede. Mit einer Promos-Förderung ging ein Student im letzten Jahr zum Praktikum nach Sibieren.

Dabei können Begegnungen wie Studien- und Forschungsaufenthalte gerade in politischen Krisen dazu beitragen, Verständnis in bestimmten Fragen zu entwickeln und „die Anderen" differenzierter zu betrachten. Damit dies gelingt, sei aber eine intensive Begleitung dieser Kontakte notwendig, sagt Beatrix Kreß. Bei der Professorin für Interkulturelle Kommunikation mit dem Schwerpunkt Slawische Länder nutzen Studentinnen die zur russischen Partneruniversität in Welikij Nowgorod bereits aufgebauten Kooperationen und gehen im Rahmen eines geplanten Doppelstudiengangs der Interkulturellen Kommunikation im Herbst nach Russland. Zwei russische Studentinnen sind bereits in Hildesheim. Die derzeit geringe Nachfrage sei „vor allem auf fehlende Kenntnisse und stereotype Vorstellungen zurückzuführen", sagt Beatrix Kreß. Die Kulturen Osteuropas werden in unserem Bildungswesen und in der medialen und gesellschaftlichen Wahrnehmung vernachlässigt, so Kreß. „Auch in der historischen Perspektive wird vor allem die geschichtliche Entwicklung im 2. Weltkrieg betont, die Jahrhunderte währenden intensiven kulturellen Kontakte zwischen Deutschland und Russland werden aber vernachlässigt." Dem wolle sie durch Forschung und Lehre entgegenwirken.

Am Institut für Interkulturelle Kommunikation widmen sich mehrere Lehrveranstaltungen der russischen Kultur aus einer kontrastiven Perspektive sowie der deutsch-russischen interkulturellen Kommunikation, so Kreß. „Neben deutschen Studierenden, die sich für Russland und Osteuropa interessieren, haben wir auch zahlreiche Studierende, die familiäre Verbindungen nach Russland haben und ein Interesse für ihre Wurzeln mitbringen." Daher werden Exkursionen, Gastvorträge und Lehrveranstaltungen zum Russischen sehr gut nachgefragt.

Das Team des International Office schickt Studierende nur in Regionen, die sicher sind, so Marit Breede. „Generell gilt, dass wir keine Aufenthalte fördern dürfen in Regionen, für die vom Auswärtigen Amt her eine Reisewarnung besteht.“

Umgang mit Unterschieden, Konflikte und ihre Gründe (Notiz Arbeitstagung). Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Worum geht's? EU-Projekt Tempus: Umgang mit Vielfalt

Hildesheimer Erkenntnisse in der Bildungsforschung kommen in der Ukraine, Weißrussland und Russland an: Bis 2016 arbeiten Erziehungswissenschaftler der Universitäten Hildesheim, Bremen, Wien, Helsinki und Rom gemeinsam mit Hochschulen aus Russland, der Ukraine und Weißrussland an Wegen, wie „Diversity“ in der Aus- und Weiterbildung von Pädagogen und Bildungsmanagern in den östlichen Ländern berücksichtigt werden kann. Auch eine Schule in St. Petersburg und ein Kinderheim in Kiew gehören zu den Projektpartnern.

Zunächst erfassen Soziologen in den Städten der beteiligten Hochschulen, was den Eltern – etwa in St. Petersburg, Welikij Nowgorod, Tjumen, Kiew, Minsk, Witebsk, Berdjansk und Khmelnitzkij – wichtig ist. Was erhoffen sie sich in Bezug auf Umgang mit Vielfalt? Dann sollen Schulungsinhalte für Sozialpädagogen, Erzieher und Lehrer erarbeitet werden, erläutert die Hildesheimer Projektleiterin Professorin Olga Graumann. „Wir beraten die Hochschulen derzeit und begleiten sie dabei, ihre Curricula in den Studiengängen zu modernisieren. Wie können Lehrer mit physischen Beeinträchtigungen, Sprachproblemen, mit kultureller und sozialer Vielfalt, mit Hochbegabung professionell umgehen? In allen drei Ländern ist ein zunehmender Zustrom der Migranten zu verzeichnen.“ Die Mehrzahl der Arbeitsmigranten hat selbst keine höhere Schulbildung. Das bedeutet, dass die Eltern ihren Kindern in der Schule eher nicht helfen können, da sie auch in der Regel die Landessprache nicht oder nur ungenügend beherrschen. In der Ukraine wurde Inklusion in das Bildungsprogramm aufgenommen, doch ausgebildete Pädagogen fehlen weitgehend.

Man wolle in der „länderübergreifenden Vernetzung voneinander lernen“, sagt Olga Graumann. Das Projekt „Aus- und Weiterbildung für Pädagogen und Bildungsmanager im Bereich Diversity" wird seit 2013 bis Ende 2016 mit rund 1,2 Millionen Euro von der Europäischen Kommission gefördert, über 900 Anträge wurden eingereicht – nur 13 Anträge von deutschen Hochschulen wurden bewilligt. Von den 171 bewilligten Anträgen werden nur 27 Universitäten mit über einer Millionen Euro gefördert. Hildesheim wurde ausgewählt, da die Universität umfassende Erfahrungen im Umgang mit Vielfalt nachweisen kann. So läuft in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern und Schulen seit mehreren Jahren das Projekt Lernku(h)lt, bei dem Kinder unterschiedlicher Herkunftssprachen gemeinsam in Kleingruppen lernen und Lehramtsstudierende wiederum praxisnahe Erfahrungen im Umgang mit Mehrsprachigkeit, Diagnostik und Eltern sammeln.

Um Diskriminierungen von Menschen abzubauen, um eine möglichst chancengerechte Entwicklung aller zu ermöglichen, könne man gerade im Bildungsbereich ansetzen, so die Erziehungswissenschaftlerin. „Die Pädagogik und Bildungspolitik sind aufgerufen, den Bereich Diversity in den Mittelpunkt ihrer Zielsetzung zu stellen.“ Die Folgekosten gescheiterter Biografien seien auf Dauer höher als die Investitionen in eine gute Erziehung und Bildung, sagt Olga Graumann.

An einem Tisch in Hildesheim: Forscher aus Ukraine, Weißrussland, Russland. Foto: Lange/Uni Hildesheim

Medienkontakt: Uni Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)


Wie gehen wir mit Unterschieden um, ob in Schule, Kita oder Unternehmen – Antworten erarbeiten die Professoren Olga Gurenko (Berdjansk, Ukraine), Olga Graumann (Hildesheim) und Michael Pewsner (Welikij Nowgorod, Russland). Gurenko arbeitet an Wegen, wie Sozialpädagogen mit kultureller Vielfalt umgehen können (so auch der Buchtitel). Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim