Thomas Klupp spricht über Romanfiguren, die sich täuschend durch das Leben bewegen

Montag, 03. September 2018  / Alter: 23 Tage

Der Autor und Literaturdozent Thomas Klupp entwickelt in Zeiten, in denen über „alternative Fakten“ und die Verbreitung von „Fake News“ diskutiert wird, einen Roman über die Lüge. Am 4. September 2018 erscheint sein neues Buch.

Thomas Klupp lehrt und forscht am Literaturinstitut der Universität Hildesheim. Schreibtisch des Schriftstellers. Porträt: Andreas Hornoff / Foto: Thomas Klupp

Thomas Klupp forscht und lehrt als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft auf dem Kulturcampus der Universität Hildesheim.

2006 schloss er den Studiengang „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ an der Universität Hildesheim ab, 2009 erschien sein vielfach ausgezeichneter Debütroman „Paradiso“. 2013 folgte die Dissertation zur Typologie Literarischer Schreibratgeber an der hiesigen Uni. Seit fünf Jahren lebt er mit seiner Familie glücklich an der Landstraße zwischen Itzum und Heinde.

Im Interview spricht Thomas Klupp über seinen neuen Roman, das literarische Schreiben und über seinen Arbeitsalltag als Dozent und Schriftsteller.

Interview mit Dr. Thomas Klupp, Literaturwissenschaftler am Literaturinstitut Hildesheim

„Die Gegenwart mit ihren Verwerfungen, ihrem Glanz und ihrem Irrsinn ist eine interessante Epoche für einen Autor“

Einmal grob zusammengefasst, worum geht es in Ihrem Roman „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“?

Konkret geht es um einen Zehntklässler an einem bayerischen Elitegymnasium, Benedikt Jäger, der ein Doppelleben führt und alles dafür tut, dass das nicht auffliegt. Abstrakter gefasst, verstehe ich den Roman als eine tragisch-komische (Betonung auf: komische) Auseinandersetzung mit der umfassenden Kontroll- und Optimierungskultur, die heute Standard ist. Einen mit allen Wassern gewaschenen Faker wie Benedikt, der die Mechanismen dieser Kultur genau kennt, auf eben diese Kultur loszulassen, war ein zentrales Motiv beim Schreiben.

Fälschen, Faken und Lügen – Sie schreiben darüber in Zeiten, in denen über „alternative Fakten“ und die Verbreitung von „Fake News“ diskutiert wird. Die Literatur ist voll im Hier und Jetzt angekommen?

Die Gegenwart mit ihren Verwerfungen, ihrem Glanz und ihrem Irrsinn ist einfach die Epoche, die mich am meisten interessiert. Zudem hat der Stoff, glaube ich, auch mit meiner grundsätzlichen Schreibdisposition zu tun. Ich bin kein reiner Erfinder, muss die Dinge (etwa die Mentalität einer Zeit) bis zu einem gewissen Grad erlebt haben, um glaubhaft und lustvoll darüber erzählen zu können.

Sich täuschend, mogelnd und lügend durch das Leben zu bewegen – warum entwickeln Sie solche moralisch unausstehlichen Romanfiguren?

Es ist vielmehr so, dass ich moralisch unzweideutige und widerspruchsfreie Figuren langweilig finde. Womit ich allerdings komplett in der Norm liege. Eigentlich fällt mir kein lesenswertes Buch oder keine gute Serie in der jüngeren Vergangenheit ein, die nicht einen mehr oder minder harmlosen Walther White ins Rennen schickt. Wäre eigentlich toll, mal wieder einen ungebrochenen, durch und durch guten Helden zu zeigen. Ich wüsste nur nicht wie und mit welchen literarischen Mitteln.

Tauchen im Roman auch Gegenspieler auf, die sich an Wahrheit orientieren?

Ja, aber mit denen nimmt's kein gutes Ende.

Wie entsteht Ihre Literatur, können Sie einmal einen Einblick in Ihren Arbeitsalltag geben?

Das Wichtigste ist die Regelmäßigkeit. In ernsthaften Schreibphasen arbeite ich Minimum sechs Stunden am Tag, jeden Tag. Können aber auch acht oder neun werden. Ich habe – leider leider – eine Affinität für die Nachtstunden. Acht abends bis vier Uhr morgens, da läuft's am besten. Was mit drei Kindern (plus Unijob) eher suboptimal ist. Muss ich das nächste Mal umstellen, quasi ein lupenreines Morgenbuch schreiben, sonst läuft mir die Familie davon.

Sie lehren seit 2007 am Literaturinstitut der Universität Hildesheim – haben die Diskussionen mit Studentinnen und Studenten einen Einfluss auf Ihre Tätigkeit als Schriftsteller?

Definitiv. Zum einen – nicht so toll fürs eigene Schreiben – hat sich durch die stete Arbeit mit den Texten Studierender ein fieses literarisches Über-Ich entwickelt, eine Art innerer Superlektor, der schon während der Produktion den Text auf Schwachstellen analysiert und das Weiterschreiben mitunter behindert. Zum anderen – und das wiegt das Ganze mehr als auf – sind die Diskussionen ungemein inspirierend. Jetzt nicht im Sinne von: Ich klau den Studierenden ihre Ideen oder ihren Stil. (Don't worry, friends!) Es ist vielmehr so, dass ich dadurch auf lebendigste Weise an die Vielfalt literarischer Möglichkeitsräume erinnert werde, zugleich an die unbedingte Notwendigkeit, der eigenen poetischen Vision zu vertrauen und sie – Satz für Satz – so stimmig wie möglich zu gestalten.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Von: Pressestelle, Isa Lange

Thomas Klupp lehrt und forscht am Literaturinstitut der Universität Hildesheim. Schreibtisch des Schriftstellers. Porträt: Andreas Hornoff / Foto: Thomas Klupp