Tatsächlich Kaiser Otto: Forschungsergebnisse bestätigen Identität der sterblichen Überreste

Montag, 23. März 2026 - 07:36 Uhr
Der Sarg wird geöffnet

Seit Anfang 2025 steht das Grabmal Kaiser Ottos des Großen im Magdeburger Dom im Zentrum eines umfangreichen Forschungs- und Konservierungsprojekts. Inzwischen zeigt sich: Die Arbeiten dienen nicht nur dem Erhalt eines bedeutenden Denkmals – Sie liefern neue Erkenntnisse zu einer Schlüsselfigur der europäischen Geschichte.

Otto I., geboren 912, gestorben 973, gehört zu den prägenden Herrscherfiguren des Mittelalters. Er trägt den Beinamen der Große und gilt als Neubegründer des Kaisertums in Westeuropa und Mitteleuropa in der Nachfolge des antiken Römischen Reichs. Damit legte er die Grundlagen für das spätere Heilige Römische Reich. Die nun durchgeführten archäogenetischen Untersuchungen zeigen: Die sterblichen Überreste aus dem Sarkophag im Magdeburger Dom sind tatsächlich Otto I. zuzuordnen. 

Prof. Dr. Stefan Flohr, Professor für Humanbiologie an der Universität Hildesheim ist mittendrin dabei. Als Bioarchäologe ist er Teil der multidisziplinären Forschungsgruppe und untersucht den Gesundheitszustand des Verstorbenen. „Als Bioarchäologe kennt man in den seltensten Fällen die Identität der Person, deren Skelett man untersucht. Dass es sich in diesem Fall noch um eine solch bedeutende Persönlichkeit handelt, macht die Arbeit umso interessanter“, sagt Flohr. Sein Schwerpunkt liegt auf der Rekonstruktion von Lebensbedingungen und Krankheitsprozessen. Dabei geht es um einzelne Verletzungen oder altersbedingte Veränderungen und um mögliche übergreifende gesundheitliche Zusammenhänge. „Der Schwerpunkt meiner Analysen ist die Rekonstruktion des Gesundheitszustandes Ottos des Großen. Der aktuelle Stand der Untersuchungen deutet darauf hin, dass sich neben den belastungsbedingten Veränderungen am Skelett auch noch eine systemisch-pathologische Komponente diagnostizieren lassen könnte“, so Flohr. Diese würde auf eine Stoffwechselerkrankung hindeuten – damals eher selten: „Heutzutage sind Stoffwechselerkrankungen sehr häufig, leere Kalorien sind jederzeit und überall zu kleinem Geld verfügbar, es ist leicht geworden, seine Stoffwechselregulationssystem zu überfordern. Zur Zeit Kaiser Ottos musste man sich einen Lebensstil, der den Stoffwechsel durcheinander bringt, erstmal leisten können. Alleine diese Beobachtung deutet auf einen hohen sozioökonomischen Status der bestatteten Person hin. Zu Beginn war ja noch gar nicht klar, ob das Skelett wirklich das Ottos des I. ist. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein prominentes Grab geöffnet und eine andere Person vorgefunden wird.“

Warum das Grab untersucht wird

Im Jahr 2024 wurden am Grabmal Schäden festgestellt, die ein Eingreifen notwendig machten. Untersuchungen zeigten, dass vor allem ältere Eiseneinbauten aus dem 19. Jahrhundert durch Korrosion zur Gefährdung des Sarkophags beitragen. Hinzu kamen Feuchtigkeit, Salzbelastung und starke klimatische Schwankungen im Dom. Um das Denkmal langfristig zu sichern, begannen im Januar 2025 umfassende Maßnahmen. Zunächst wurde das Grabmal in einer geschlossenen Einhausung dokumentiert – zeichnerisch, fotografisch und als hochauflösendes 3D-Modell. Anschließend wurde die rund 300 Kilogramm schwere Deckplatte angehoben. Dabei zeigte sich, dass diese aus antikem Marmor besteht. Unter der Platte befand sich ein Holzsarg, der ebenfalls in einem konservatorisch kritischen Zustand war und deshalb entnommen werden musste.

Im Inneren fanden sich Gebeine, Textilreste, pflanzliche Materialien und Sedimente. Auffällig sind Fragmente eines roten Einschlagtuchs aus byzantinischer oder spanischer Seide sowie einer blau gefärbten Decke mit Silberfäden. Auch Eierschalen, Obstkerne, ein Moritzpfennig aus dem 13. Jahrhundert und ein Stück Fensterglas wurden entdeckt. Diese Funde deuten darauf hin, dass das Grab im Verlauf der Jahrhunderte mehrfach geöffnet oder verändert wurde.

Was die Untersuchungen über den Verstorbenen zeigen

Flohr erklärt: „Die anthropologischen Untersuchungen ergaben, dass die sterblichen Überreste von einem männlichen Individuum stammen. Hinweise darauf, dass im Zuge früherer Graböffnungen auch Knochen weiterer Personen beigemengt oder ausgetauscht wurden, ergaben sich nicht. Das Skelett ist nahezu vollständig und sehr gut erhalten. Das Sterbealter konnte auf etwa 55 bis 65 Jahren geschätzt werden und passt damit gut zu den historischen Quellen über Otto I.“ Mit rund 1,80 Meter Körpergröße war der Verstorbene rund 10 Zentimeter größer als der Durchschnitt seiner männlichen Zeitgenossen. Stark ausgeprägte Muskelansätze an Oberschenkel- und Beckenknochen passen gut zu der historischen Überlieferung, wonach Otto I. regelmäßig zu Pferd unterwegs war. Zudem zeigten sich degenerative Veränderungen an Knie- und Hüftgelenken, Verknöcherungen von Knorpelgewebe, sowie Spuren einer verheilten Fraktur am linken Unterarm. „Auch der Schädel liefert wichtige Befunde. Dort fanden sich Spuren verheilter scharfer Gewalteinwirkung am Hinterhaupt und stumpfer Gewalt im Gesichtsbereich. Drei obere Schneidezähne waren bereits zu Lebzeiten verloren gegangen, womöglich im Zusammenhang mit der Gewalteinwirkung im Gesicht. Hinzu kommen Befunde wie Parodontitis, Zahnsteinbildung und ein kariöser Zahn. Alles in Allem passen die gesammelten Befunde gut mit dem bekannten Wissen über das Leben Kaiser Ottos I. zusammen.“ 

Der entscheidende Nachweis: genetische Verwandtschaft

Der finale Beweis für die Identität der Gebeine stammt aus der Archäogenetik. Dafür wurden Proben aus dem Magdeburger Sarg mit Knochen aus der Reliquiensammlung des Bamberger Doms verglichen, die Kaiser Heinrich II. zugeschrieben werden. „Die genetischen Analysen der Fachkollegen vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig zeigen, dass die Bamberger Knochen von einem einzigen Individuum stammen und dass dieses Individuum mit dem Mann aus dem Magdeburger Sarkophag eng verwandt war: Es besteht eine Verwandtschaft dritten Grades über die väterliche Linie. Genau dieses Verhältnis entspricht der historischen Überlieferung, nach der Heinrich II. ein Großneffe Ottos des Großen war,“ erläutert Flohr. „Damit fügen sich historische, anthropologische und paläogenetische Befunde zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen. Die Identität der sterblichen Überreste aus dem Magdeburger Dom kann somit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als geklärt gelten: Es handelt sich tatsächlich um Otto den Großen. Es war wichtig, das zunächst zu klären, bevor weitere aufwändige Untersuchungen angestellt werden.“ 

Damit gehen die Untersuchungen nun weiter beziehungsweise fangen erst richtig an: Ziel ist es, anhand des Skelettes das Leben Kaiser Ottos zu rekonstruieren. „Oft herrscht der Gedanke vor, ein Skelett könne nur Auskunft über die Person zu ihrem Todeszeitpunkt geben,“ erklärt Flohr. „Tatsächlich lassen sich aus den Knochen aber viele biographische Informationen ableiten.“ Daher wird Flohr sich neben weiteren Untersuchungen auch Ottos Zähne genau anschauen. „Vor allem Zähne geben Aufschluss über die Kindheit der Person und über diese ist bei Otto aktuell noch so gut wie gar nichts bekannt. Es gibt noch viel zu entdecken.“

Weitere Informationen

Die Maßnahmen am Grabmal Ottos des Großen erfolgen in Kooperation der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt und des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt sowie in Abstimmung mit der Evangelischen Domgemeinde und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Die Forschungsgruppe setzt sich aus Vertreter*innen verschiedenster Disziplinen zusammen – darunter Radiologie und Nuklearmedizin, Experimentelle Orthopädie, Biologie und Chemie, Rechtsmedizin, Gesichtschirurgie, Archäometrie, Archäogenetik und Mittelalterliche Geschichte.