Sport stärkt Teamgeist und Selbstbewusstsein

Mittwoch, 03. Februar 2016 um 17:41 Uhr

Sport kann verbinden und trennen. Wo es ein „Wir“ gibt, gibt es auch „die Anderen“, sagt Professorin Vera Volkmann. Wie können Lehrerinnen und Lehrer ihren Unterricht interessant und anspruchsvoll gestalten, ohne dass jemand ausgegrenzt wird – nachgefragt bei der Sportwissenschaftlerin der Uni Hildesheim.

„Mädchentore zählen doppelt“ – von dieser gut gemeinten Maßnahme hält Vera Volkmann wenig. Die Sportwissenschaftlerin der Universität Hildesheim befasst sich mit der Frage, wie Lehrerinnen und Lehrer ihren Unterricht interessant und anspruchsvoll gestalten können, ohne dass jemand ausgegrenzt wird. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Was trägt dazu bei, dass Sport verbindet? Kommt es auf den Raum an, auf die Sportart, auf die Menschen, auf regelmäßige Begegnungen, auf Vertrauen?

Vera Volkmann: Viel hängt davon ab, wie das gemeinsame Sporttreiben gerahmt wird und mit welchen Erwartungen die Menschen zum Sporttreiben zusammenkommen. Im Sport findet quasi automatisch Interaktion statt. Man hat meistens ein gemeinsames Ziel und jede und jeder versucht nach seinen Möglichkeiten, zur Erreichung beizutragen.

Sport kann doch auch ausgrenzend wirken – wenn etwa der Ball nicht an einen Mitspieler abgegeben wird. Das löst doch ein unwohles Gefühl aus, wenn man dann spürt: „Ich bin nicht Teil des Teams, die anderen Jugendlichen spielen mir keinen Pass zu, vertrauen mir nicht.“

Ja, natürlich ist der Sport kein Allheilmittel – und gut gemeinte pädagogische Maßnahmen verfehlen oftmals ihr Ziel. Statt der besseren Einbindung, sind sie nur ein weiteres Mittel zur Stigmatisierung. Der Klassiker ist wohl „Mädchentore zählen doppelt"…

Auf einem Inklusionskongress in Berlin halten Sie einen Vortrag zum Thema „Durch Tanz und Bewegung zum Arbeitsplatz“. Was ist damit gemeint?

Hier geht es darum, dass Menschen mit und ohne Behinderung durch intensives gemeinsames Training eine, wie ich finde, ausgesprochen repräsentative Bühnenshow auf die Beine stellen. In vielen Bereichen der sogenannten ‚soft skills' werden Lernprozesse bei allen Beteiligten angestoßen, die auch eine bessere Anschlussfähigkeit an den Arbeitsmarkt fördern können. Die Patsy und Michael Hull Foundation engagiert sich schon seit vielen Jahren mit großer Expertise in diesem Bereich. Gleichzeitig können sich Arbeitgeber im Umfeld der Musicals präsentieren und potentielle Arbeitskräfte auf besondere Weise kennenlernen.

Die Bundesministerin für Arbeit und Soziales weist darauf hin, dass Tanz und Bewegung „das Selbstbewusstsein und den Teamgeist stärken und Kreativität und Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem fördern“ können.  Wie erforschen Sie die Kraft, die im Sport steckt?

Für das Projekt war eine umfassende evaluative Begleitforschung beantragt, die jedoch leider nicht gefördert wurde. Wir konnten in unserem kleinen Rahmen einzelne Interviewstudien durchführen, die aufzeigen, dass in jedem Fall Entwicklungsprozesse – zum Beispiel im Bereich des Selbstwertgefühls und Zutrauens, aber auch im Bereich der Selbständigkeit – bei den Menschen mit Behinderung stattgefunden haben. Gern würden wir hier noch intensiver forschen, nur fehlen dazu bisher die Mittel.

„Der Lehrer und Trainer muss kompetent sein", sagt eine ihrer Lehramtsstudentinnen. Im Sport können Kinder oder Erwachsene mit Behinderungen zu einem Teil des Teams werden. Dazu müsse man aber als Lehrer und Trainer wissen, wie man Menschen einbezieht, sagt die Studentin. Sie befassen sich in der Forschung mit der Frage, wie Lehrerinnen und Lehrer mit Vielfalt im Klassenzimmer umgehen können. Wie bilden Sie diese am Sportinstitut aus?

Wir versuchen in erster Linie über forschendes Lernen Zugänge zu einem analytischen Blick auf die Praxis zu vermitteln. Neben der Vermittlung von theoretischem, aber auch methodisch-didaktischem Wissen arbeiten wir insbesondere auch viel mit Fallstudien. Anhand konkreter unterrichtlicher Situationen diskutieren wir das Für und Wider des Lehrerhandelns und geben den Studierenden auf diese Weise die Möglichkeit, ohne Handlungsdruck über bessere und schlechtere Handlungsmöglichkeiten zu reflektieren.

Welche Ideen setzen angehende Lehrerinnen und Lehrer an Hildesheimer Schulen um?

Zunächst einmal erleben wir an den Hildesheimer Schulen eine große Offenheit und Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Universität. Ohne diese könnten wir unsere Ausbildung nicht so durchführen, wie wir es sinnvoll finden. Ein konkretes Beispiel aus meiner Forschung: Eine körperbehinderte Schülerin bekam bei einer Stunde zum Turnen auf dem Schwebebalken von ihrer Lehrerin lediglich eine Turnbank in die andere Ecke der Sporthalle gestellt. Das Mädchen sollte sich dort – wohl gemerkt auch ganz allein – einfach „selbst überlegen, was sie tun kann“. Hier lässt sich hervorragend darüber nachdenken, welche didaktischen Möglichkeiten es für einen differenzierenden Sportunterricht gegeben hätte. Unsere Studierenden merken dann, dass sie ihr Fachwissen sinnvoll einbringen und auf die Praxissituation übertragen können.

Die Fragen stellte Isa Lange

Kurzinfo zur Person: Sportwissenschaftlerin Prof. Dr. Vera Volkmann

Welche Rolle Sport im Leben spielt, erforscht Vera Volkmann (links, mit einer Studentin). Foto: Lange/Uni Hildesheim

Seit 2012 lehrt und forscht Vera Volkmann als Juniorprofessorin am Institut für Sportwissenschaft der Stiftung Universität Hildesheim. In ihrer Promotion hat sie untersucht, welche Rolle biographische Erfahrungen für das Handeln von Sportlehrerinnen und Lehrern spielen. Sie kommt aus der Praxis, hat fünf Jahre an einer Schule in Nordrhein-Westfalen gearbeitet, in der seit 20 Jahren Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen. Vera Volkmann hat Sport, Französisch und Pädagogik in Bielefeld und Lyon studiert.

Die Professorin untersucht, wie Hindernisse im Schulsystem überwunden werden und welche Bedeutung dem Sport dabei zukommt. Es ist nicht die Sicht von Statistiken, sondern die der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen selbst.

An der Universität Hildesheim bildet sie Lehrerinnen und Lehrer im Fach Sport aus. Vera Volkmann unterstützt Lehramtsstudierende bei der Entwicklung von sportpädagogischen Projekten. Im Projekt „FuNah (Fußball und Nachhilfe)“ lernen angehende Lehrer einmal in der Woche mit Jugendlichen – erst im Klassenzimmer, dann auf dem Sportplatz. Vera Volkmann untersucht in einer Begleitforschung, welche Rolle Sport im Lebenslauf der Jugendlichen spielt. Einige der Mädchen und Jungen leben erst seit wenigen Wochen in Deutschland, haben Krieg und Flucht erlebt und lernen nun die deutsche Sprache – auch auf dem Sportplatz. Das Sportteam sucht nach Wegen, um das Projekt an weiteren Standorten in Niedersachsen anzubieten (erfahren Sie mehr über das Projekt im aktuellen Uni-Journal, PDF).

Wie können Lehrerinnen und Lehrer den Unterricht interessant und anspruchsvoll gestalten, ohne dass jemand ausgegrenzt wird? Mit diesen Fragen befassen sich Studierende aus den Bereichen Lehramt sowie „Sport, Gesundheit, Leistung" in Seminaren wie „Sport in inklusiven Lerngruppen" bei Professorin Vera Volkmann.

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)