So landen Worte im digitalen Raum: Litradio verbindet Radio und Literatur

Freitag, 13. März 2015 um 11:30 Uhr

Was geht im digitalen Radio? Egal ob die Worte in Frankfurt, Hildesheim, Zürich oder Leipzig fallen – sie sind kurze Zeit später weltweit hörbar. Guido Graf unterrichtet Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim und hat das Online-Portal Litradio vor 6 Jahren gegründet. Seitdem dokumentieren Studierende das Literaturgeschehen im deutschsprachigen Raum und machen literarische Prozesse hörbar. Etwa 1000 Beiträge sind online. Isa Lange sprach mit dem Studenten Christoph Möller.

Worte werden bei Ihnen digital. Wie arbeiten Sie bei Litradio?

Christoph Möller: Die Litradio-Redaktion trifft sich während des Semesters wöchentlich. Wir diskutieren über Lesungen, die veröffentlicht werden oder eben nicht. Welche Termine stehen auf dem Kalender? Wer macht vor Ort die Aufnahme der Lesung, wer macht ein Interview, wer legt den Beitrag an? Zur digitalen Kommunikation nutzen wir eine Online-Plattform. Dort kommen die Audio-Files zusammen, die dann später veröffentlicht werden.

Warum sind Sie Teil dieses kulturjournalistischen Projekts?

Zunächst mal aus Interesse an Radio und Literatur. Dann aber vor allen Dingen, weil Litradio ein Labor ist. Wir haben keine institutionellen Vorgaben und können nachdenken über neue Formen der Literaturvermittlung. Das Internet ist ja ein diffuses Medium. Gerade in dieser Diffusität ist es gut, eine Plattform zu haben, die Orientierung gibt, gleichzeitig aber wandelbar genug ist, um nicht stecken zu bleiben. Wir denken Litradio aber durchaus nicht nur digital, sondern erproben auch neue literarische Bühnenformate. Auf dem Literaturfestival Prosanova haben wir aus der Gameshow „Familien-Duell“, ein „Literatur-Duell“ gemacht. Zunächst kam uns das banal vor. Wir haben aber festgestellt, dass solche Umdeutungsprozesse die Wahrnehmung von Literatur bereichern.

Bei Litradio landet Literatur im Online-Radio, machen Sie Bücher hörbar – oder wie ist Ihr Ansatz?

Ich verstehe Litradio viel mehr als Online-Portal, weniger als Online-Radio. Wir senden nicht linear, sondern – wenn man so will – modular. Diese Modularität findet sich auch im Design der Homepage wieder. Der Nutzer kann sich sein eigenes „Radio" zusammenstellen. In Zukunft werden wir diese Art des Hörens deutlich vereinfachen. Braucht man das? Ich würde sagen: Litradio macht keine Bücher hörbar, sondern literarische Prozesse. Solche zum Beispiel, die einem Buch vorhergegangen sind. Oder Prozesse, die auf ein literarisches Artefakt folgen, etwa Lesungen. Wir stellen weniger Hörbücher online, sondern Lesungen, Diskussionen, Gespräche. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir ein Archiv zur Verfügung stellen, das aktuelle Debatten anders prägt als zum Beispiel ein Zeitungstext, der immer nur eine Momentaufnahme ist. Jedes Jahr dokumentieren wir den Literaturwettbewerb Open Mike in Berlin. Das ist der wichtigste Preis für deutschsprachige Nachwuchsautoren. Wir stellen die Lesungen komplett online, quasi live. Andere Medien oder Blogger können auf unsere Inhalte verlinken und sich ein differenziertes Bild von der Qualität der Texte machen, ohne vor Ort gewesen zu sein. Litradio stellt sozusagen den Nährboden für Debatten zur Verfügung.

Wer etwa zu einer Lesung in Berlin nicht vor Ort sein kann – ist dennoch dabei. Wer keine Zeit hat –  hört später rein.

Wie toll ist es, wenn ich die Lesung meiner Lieblingsautorin verpasst habe, und sie aber bei Litradio nachhören kann? Das ist natürlich toll. Noch besser ist, dass wir das Verpassen zu einem Vorteil machen: Lesungen auf Litradio kann ich anhören, wo und wann ich will. Ich konnte auf der Konferenz „Literatur 2020“ im Literaturhaus Frankfurt nicht dabei sein. Die Konferenz war ohnehin nicht öffentlich. Trotzdem kann man bei uns die Beiträge nachhören, weil wir vor Ort waren. Und: unser Archiv ist durchaus auch für wissenschaftliche Arbeiten nutzbar. Wer zum Beispiel eine Arbeit über das Lektorieren schreibt, kann die Hildesheimer Lektorenkonferenz bei uns anhören.

Sie berichten live und bundesweit von Literaturfestivals, Lesungen und Werkstattgesprächen, produzieren Hörspiele, Interviews und Features (etwa aktuell von der Leipziger Buchmesse). Was erleben Sie beim Produzieren eines Beitrags?

Ja, das Produzieren ist wirklich sehr spannend. Sagen wir es so: Für das Internet zu produzieren, bedeutet, dass man anders journalistisch arbeitet. Man ist nicht nur Radioreporter, sondern irgendwie auch Fotograf und Zeitungsreporter. Bei Litradio ist man eigentlich alles. Und das ist eine ziemliche Herausforderung, wenn man eine Audio-Aufnahme macht, Fotos schießt und Notizen auf einen Block kritzelt für einen Ankündigungstext oder einen Tweet. Ich glaube, man wird da sehr gut vorbereitet, auf die Anforderungen im heutigen Journalismus.

Kaum gesprochen, schon online: Guido Graf und Christoph Möller während Prosanova 2014. Foto: Prosanova

Zur Person

Christoph Möller ist 25, studiert Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis mit dem Hauptfach Medien und dem Nebenfach Literatur an der Universität Hildesheim. Neben dem Studium moderiert er beim Online-Radiosender ByteFM die wöchentliche Musiksendung „Popschutz“ und hat einige Monate in der Online-Redaktion des Norddeutschen Rundfunks (NDR) gearbeitet. Er arbeitet als freier Autor für WDR 5, und schreibt für Zeitungen.

Vielfalt der Beiträge: Lesung, Einblicke wie Literaturzeitschrift entsteht, Treffen junger Autoren. Screenshot litradio.net

Worum geht’s? Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim

Das Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim gehört neben dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig, dem Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und dem Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst in Wien zu den einzigen Universitäts-Instituten im deutschsprachigen Raum, an denen Studentinnen und Studenten in Bachelor- und Master-Studiengängen in Theorie und Praxis des Kreativen und Literarischen Schreibens umfassend unterrichtet und ausgebildet werden.

Nicht entweder oder, in Hildesheim kombinieren sie die gedruckte und digitale Welt Während die einen Studierenden das komplexe Feld der Buchproduktion und Verlagswelt erproben – und etwa die Zeitschrift für junge Gegenwartsliteratur „BELLA triste“ herausgeben –, befassen sich andere mit digitaler Medienproduktion, berichten auf dem Online-Portal litradio.net vom literarischen Geschehen und brechen übliche Sendeformate auf. Alle drei Jahre organisieren Studierende „Prosanova“, das größte Festival für junge deutschsprachige Gegenwartsliteratur.

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)


Verpassen zu einem Vorteil machen: Lesungen auf Litradio kann ich anhören, wo und wann ich will, sagt Christoph Möller, der an der Universität Hildesheim Medien und Literatur studiert und in einem Beitrag auf Litradio.net zeigt, wie die Literaturzeitschrift „BELLA triste" entsteht. Im Bild: im Gespräch mit Thomas Klupp (li) während des Literaturfestivals „Prosanova" und mit Sophia Stoltenberg beim Produzieren des Litmix, eine monatliche Sendung auf Radio Tonkuhle. Foto: Prosanova, Christoph Möller