Skifahrt: Mit Sport zurück ins Leben

Montag, 15. April 2019 um 12:58 Uhr

Sport treiben, um nach einer schweren Erkrankung wieder den Alltag zu bewältigen: Sportwissenschaftler und Studierende der Universität Hildesheim und Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover binden Sport in den Alltag von krebskranken Kindern ein, damit sie wieder Kraft tanken und Zutrauen erfahren. Einmal im Jahr fahren sie gemeinsam mit Familien in die Berge. Eine Skifahrt ist nur möglich, da einige Privatpersonen, Stiftungen und Vereine spenden. Das Team um Professor Nico Kurpiers bedankt sich herzlich bei allen Spendern.

Sportwissenschaftler, Sportstudierende und Ärzte fahren seit 2013 gemeinsam mit Familien, deren Kinder eine Krebserkrankung überlebt haben, einmal im Jahr in die Berge.

„Für uns alle ist es faszinierend, wenn man nach der gemeinsamen Busfahrt ankommt. Wir sehen die Berge. Für die Kinder, die lange nichts zu lachen hatten und in einer Krankenhaus-Umgebung waren, ist das besonders beeindruckend", sagt der Sportwissenschaftler Nico Kurpiers.

Die Diagnose „Krebs" und die folgenden extrem belastenden Monate und Jahre kosten Kindern und ihren Familien sehr viel Kraft, sagt Kurpiers. „Auch Lehrer, Trainer und Mitschüler wissen oft nicht wie sie mit dieser Situation umgehen sollen. Wir möchten unter anderem angehende Lehrerinnen und Lehrer darauf vorbereiten, wie sie Sport nach einer Erkrankung in den Alltag der Kinder einbetten können."

Einige Kinder waren noch nie in den Bergen, andere sind schon fortgeschritten

Etwa acht bis zehn Familien fahren jedes Frühjahr mit in die Berge, die Nachfrage ist hoch. Einige Kinder waren noch nie in den Bergen, andere sind schon fortgeschritten. Im Frühjahr 2019 ging die Fahrt in die österreichischen Alpen nach Pitztal.

Es gibt ein festes kompetentes Team aus Sportstudentinnen und Sportstudenten, die immer wieder mitfahren und zu einem erheblichen Teil am Gelingen dieser Maßnahme beteiligt sind, sagt Nico Kurpiers. „Das Prinzip ist einfach: Die Familien sollen dem alltäglichen Stress entfliehen und weder an die Klinik noch die Ängste, die mit der Erkrankung der Kinder verbunden sind, oder die Folgen der Behandlung denken. Die Probleme sind weitreichend und äußern sich nicht nur in körperlichen Leiden und Folgeerscheinungen, sondern auch die Psyche ist in der Regel angeknackst und braucht einen positiven Stimulus. Die Angst vor einem Rückfall oder Zweittumor ist immer präsent, die soziale Isolation in Schule, Verein oder im Freundeskreis – meist durch Unsicherheit des Umfeldes unbewusst entstanden – kennt fast jeder Betroffene“, erklärt der Sportwissenschaftler.

Bei der Reha-Maßnahme in den Bergen müssen sich die Familien um nichts kümmern, denn alles wird von Professor Nico Kurpiers und seinem Team weit im Vorfeld geplant und dann vor Ort durchgeführt. Die Studierenden besuchen zur Vorbereitung das Seminar „Wintersport in der Rehabilitation krebskranker Kinder“ und reisen gut vorbereitet an.

„Es fahren zehn Studierende mit. Die einen wollen Lehrer werden und können diese Erfahrung gut für ihren späteren Beruf nutzen, da es nachweislich Defizite an Schulen gibt, was den Umgang mit chronisch kranken Kindern und Jugendlichen angeht. Die anderen studieren bei uns in Hildesheim ‚Sport, Gesundheit und Leistung in der Lebensspanne‘ im Masterstudium und möchten zum Beispiel  einen therapeutischen Beruf ergreifen oder wissenschaftlich arbeiten“, so Kurpiers.

Forschung: Wie kann die Balancefähigkeit und Kraft durch den Skisport erhöht werden?

Die Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler führen vor Ort in den Bergen wissenschaftliche Studien durch und erforschen etwa motorische Parameter bei den Kindern, wie zum Beispiel die Steigerung der Balancefähigkeit und Kraft durch den Skisport oder sie befragen die Eltern zur Lebensqualität oder partnerschaftlichen Aspekten und führen Interviews.

In den Bergen fahren die Eltern in eigenen betreuten Gruppen, getrennt von den Kindern, die wiederum in ihren Gruppen aufblühen und abgelenkt werden  und beide, Eltern und Kinder, entdecken oder erlangen ihre körperliche Leistungsfähigkeit wieder, sagt Kurpiers.

„Diese Generation der Sportstudierenden leistet ganze Arbeit und ist überaus engagiert“, sagt Professor Nico Kurpiers

Die Skifahrt wird regelmäßig evaluiert, um Optimierungsvorschläge aufzugreifen, wobei vor allem das geschulte, sehr empathische und überaus engagierte Team der Studenten immer besonders gut abschneidet. „Man kann über die heutige ‚Generation Student‘ sagen was man will, aber bei dieser Maßnahme wird unter Beweis gestellt, dass es sie gibt, die Studierenden, die mehr machen als Credits zählen und den kürzesten und geradlinigsten Weg durch das Studium planen, denn das Team leistet ganze Arbeit, und die meisten des Teams können  durch  ihr  Mitwirken schon lange keine Punkte mehr curricular geltend machen“, sagt Professor Nico Kurpiers.

In diesem Jahr ist auch ein ehemaliger Krebspatient mit einer Oberschenkelamputation mitgefahren, berichtet der Sportwissenschaftler. „Im Vorfeld haben wir über eine österreichische Firma ein Paar Krückenski bestellt und ein Teil des Teams hat eine zusätzliche Schulung besucht. Die Umsetzung vor Ort hat erstaunlich gut geklappt und nach anfänglichen leichten Unsicherheiten steigerte sich der junge Mann von Fahrt zu Fahrt und Tag zu Tag, so dass er bereits am dritten Tag fahrerisch das Wochenziel erreichte und es am Ende keine Piste mehr gab, die er nicht geschafft hätte“, freut sich Kurpiers.

Sportwissenschaftler bedanken sich bei allen Unterstützern

Alle Beteiligten bedanken sich ganz herzlich bei allen Spendern und Unterstützern, denn um die Fahrt möglichst wenig exklusiv zu gestalten und keine Familie auszugrenzen, zahlen die Familien einen geringen Betrag als Eigenbeteiligung und der Rest wird über Spendengelder finanziert.

Durch großzügige Unterstützung der Vor-Tour der Hoffnung (Rheinland-Pfalz), des Vereins Menschen für Kinder e.V., des Rotary Clubs Hildesheim, die grünen Damen und Herren der Medizinischen Hochschule Hannover MHH, Inner Wheel Hildesheim, der Sport-Fachschaft der Universität Hildesheim, einigen privaten Spendern und der Uni Hildesheim konnte die Skifahrt nach Pitztal stattfinden.

„Die sportliche Zeit in den Bergen hinterließ viele strahlende, glückliche und stolze Gesichter und wir hoffen, dass wir wieder ein Stück weit zur Genesung beitragen konnten. Es ist nur eine Woche pro Jahr mit ehemaligen Patienten und deren Familien im Schnee, aber was das bedeutet, wie sich das anfühlt und ob das möglicherweise sogar nachhaltig sein kann, das wissen tatsächlich nur die Menschen, die dabei waren“, sagt Professor Nico Kurpiers.

Sommercamp mit Kajak, Kanadier und Stand Up Paddling

Parallel zum Ferienbeginn in Niedersachsen richtet das Institut für Sportwissenschaft der Uni Hildesheim vom 3. bis 7. Juli 2019 das Sommercamp mit Kajak, Kanadier und Stand Up Paddling an der Plöner Seenplatte aus. An dem Sommercamp können an Krebs erkrankte Kinder und ihre Familien teilnehmen. Die Vorbereitungen laufen bereits. „Wir sind gespannt, vor welchen neuen Herausforderungen wir diesmal stehen. Aber eins ist klar: Wir sagen „JA“, stellen uns der Herausforderung und machen es möglich“, sagt Nico Kurpiers.

Kontakt zum Sportwissenschaftler

Im nächsten Winter wird erneut ein Wintercamp im Pitztal stattfinden (29. Februar bis 7. März 2020). Wer mehr über die Skifreizeit und Forschung erfahren möchte oder die Arbeit der Hildesheimer Sportwissenschaftler unterstützen und spenden möchte, kann sich an Prof. Dr. Nico Kurpiers wenden (E-Mail kurpiers@uni-hildesheim.de).

Schwerpunkt „Sport, Gesundheit und Leistung in der Lebensspanne“

In dem zweijährigen Masterstudiengang „Sportwissenschaft mit dem Schwerpunkt Sport, Gesundheit und Leistung in der Lebensspanne“ bildet die Universität Hildesheim Studentinnen und Studenten zu Fachleuten für Gesundheitssport aus. Die Studierenden wenden sportwissenschaftliches und methodologisches Wissen an, kombinieren Theorie und Praxis. Außerdem führen sie im Praxissemester ein eigenes Forschungsprojekt durch. Im Sportstudium befassen sich die Studierenden zum Beispiel mit Bewegung als zentrale Leistung des Menschen, mit Gesundheit und Gesunderhaltung in der menschlichen Entwicklung und sie gestalten Trainingsprozesse.

Professor Peter Frei ist Sportwissenschaftler und leitet das Sportinstitut der Universität Hildesheim, er erklärt: „Bewegung wirkt sich unmittelbar auf den Körper, das Herz-Kreislauf-System und die Motorik aus. Die Studentinnen und Studenten weiten den Blick auf Gesundheit und Leistung. Leistung ist mehr als höher, schneller, weiter. Sie blicken auf die Rolle des Sports im gesamten Lebenslauf.“

Stiftungsprofessur für Bewegungswissenschaften und Gesundheitssport

Der Sportwissenschaftler Nico Kurpiers hat die Stiftungsprofessur für Bewegungswissenschaften und Gesundheitssport seit 2015 inne. Er baut Projekte aus, in denen Kinder und deren Familien nach einer Krebserkrankung unterstützt werden.

Die Professur wurde von Uwe und Beate Schiedeck gestiftet, der Ehrensenator der Universität Hildesheim, Uwe Schiedeck, ist 2018 verstorben. Das Team um Nico Kurpiers ist für die Unterstützung sehr dankbar. „Uwe Schiedeck hat durch seine großartige Unterstützung des Sportinstituts wesentlich dazu beigetragen, dass die Bedeutung von Sport und Bewegung im Lebensgang an der Universität Hildesheim nachhaltig erforscht und gelehrt werden kann. Wir werden uns seiner stets dankbar erinnern.“

Erstellt von Pressestelle, Isa Lange [erstveröffentlicht 10.04.2019]