Religionsunterricht in Niedersachsen – Evangelisch, katholisch, christlich?
Donnerstag, 3. September 2026 - 08:51 Uhr
Neues Schuljahr, neues Schulfach: In den ersten und fünften Klassen der Schulen in Niedersachsen ist das Schulfach Christliche Religion gestartet, das die bislang getrennt unterrichteten Fächer Evangelische Religion und Katholische Religion zusammenfasst. Kirchen und Kultusministerium hatten die Zusammenlegung vorangetrieben. Prof. Dr. Christina Kalloch, Professorin für Praktische Theologie mit dem Schwerpunkt Religionspädagogik an der Universität Hildesheim, blickt auf Hintergründe der Entscheidung und Folgen für Schüler*innen und Studierende.
„Dass Katholische und Evangelische Religion gemeinsam unterrichtet werden, ist nichts vollkommen Neues,“ erklärt Kalloch. Der nun gestartete Christliche Religionsunterricht ist aus dem konfessionell-kooperativen Religionsunterricht hervorgegangen, der bereits an vielen Schulen seit Jahren stattgefunden hat. Der gemeinsame Unterricht hängt vor allem mit dem Rückgang der Kirchenmitglieder zusammen. „Immer weniger Schüler*innen nehmen heute noch am rein konfessionellen Religionsunterricht teil,“ sagt Kalloch. „Eine evangelisch-katholische Kooperation in Sachen Religion erschien vor diesem Hintergrund nicht nur aus organisatorischen Gründen wünschenswert. Gerade auch aus inhaltlicher Sicht ist eine Fokussierung der gemeinsamen christlichen Basis im Religionsunterricht sinnvoll.“ Das sahen die niedersächsische Landesregierung und die Kirchen ähnlich und initiierten die Zusammenlegung. Das Feedback: Größtenteils positiv, wenngleich Kalloch betont: „Vor allem die Grundschulen haben mit der Einführung des Rechts auf Ganztagsbetreuung zurzeit ganz andere Themen auf der Agenda.“ Vieles geht daher weiter wie gehabt, zumal der Christliche Religionsunterricht zunächst nur für die Klassenstufen Eins und Fünf stattfindet. Auch sind bisherige Inhalte nicht verschwunden: Themen wie Gott, Jesus, Mensch, Kirche und Ethik stehen nach wie vor auf dem Plan. Neu ist die veränderte Perspektive, mit der die Schüler*innen selbst in den Mittelpunkt des Unterrichts gestellt werden. Identität und Gemeinschaft werden so zu Schlüsselbegriffen, die ebenso wie gesellschaftliche und interdisziplinäre Fragen den Religionsunterricht bestimmen. Darüber hinaus werden interreligiöses Lernen und Weltanschauungen in stärkerem Maße Gegenstand des Christlichen Religionsunterrichts. „Damit soll der Religionsunterricht der Pluralität der Gesellschaft gerechter werden,“ erläutert Kalloch. „Eine bisher zu wenig berücksichtigte Dimension des Unterrichts liegt zudem in der Wahrnehmung der zum Christentum gehörenden Konfessionen wie die orthodoxen Kirchen und freikirchlichen Gemeinden. Die Entwicklung des Christlichen Religionsunterrichts, der konfessionell bleiben und sich zugleich noch offener für andere Religionen und Überzeugungen zeigen will, wird allerdings noch eine Weile brauchen, da die Umsetzungen in den Schulen erst angelaufen sind,“ ergänzt Kalloch. Für Schüler*innen gebe es somit erstmal keine großen Veränderungen.
Und für Studierende? „Wir spüren aktuell Unsicherheiten bei den Studierenden,“ erklärt Kalloch. „Viele fragen sich, ob es den Unterricht, auf den hin sie studieren, überhaupt noch gibt und ob sie der jeweils anderen Konfession gerecht werden können.“ Dabei wird sich auch im Studium wenig ändern: „Die Studierenden werden weiterhin Katholische oder Evangelische Theologie studieren. Das Thema Kooperation und grundsätzliche Diskussionen über den Christlichen Religionsunterricht und seine Inhalte werden aber sicherlich Punkte sein, die im Rahmen des Studiums besprochen und bearbeitet werden.“
Niedersachsen nimmt nun eine Sonderrolle ein: Es ist bislang das einzige Bundesland, das einen konfessionsübergreifenden Religionsunterricht einführt. Kann das ein Vorbild sein? Kalloch sagt: „Bei solchen Entscheidungen spielen immer auch regionale Gegebenheiten eine Rolle. Bundesländer, wie beispielsweise Bayern oder Baden-Württemberg sind noch stärker konfessionell geprägt und realisieren jetzt erst konfessionelle Kooperation. Sie sind damit noch von einem Christlichen Religionsunterricht weit entfernt.“ Grundsätzlich betont die Professorin aber auch, dass ein Religionsunterricht, der seinem Bildungsauftrag gerecht und somit zukunftsfähig werden will, offen für Veränderungen sein muss.
Für einen tieferen Einstiegt ins Thema erscheint im Oktober die Publikation “Christliche Religion” als innovatives Unterrichtsfach von Prof. Dr. René Dausner, Professor für Systematische Theologie an der Universität Hildesheim und Prof. Dr. Bernd Schröder, Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Religionspädagogik an der Universität Göttingen.