Erste direkte Beobachtung: Hündin tötet Welpen im eigenen Rudel

Montag, 16. Februar 2026 – 10:43 Uhr
Fachbereich 4 Biologie & Chemie Forschung Startseite

Forschende der Universität Hildesheim und der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni) haben erstmals direkt beobachtet, dass eine frei lebende Hündin – genannt Fig – die Welpen eines verwandten Rudelmitglieds tötete und teilweise fraß. Ein solches Verhalten, auch Infantizid genannt, ist bei Säugetieren bekannt, wurde bisher aber vor allem bei Männchen dokumentiert, etwa bei Löwen. Bei Weibchen blieb es lange seltener beschrieben – auch weil solche Vorfälle meist schnell passieren und daher schwer zu beobachten sind.

Um die Beweggründe der Tiere zu erklären gibt es verschiedene Ansätze: „Nach der sogenannten Exploitation-Hypothese geschieht Infantizid vor allem aus Nahrungsgründen,“ erklärt Dr. Andreas Berghänel, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Zoologie & Tierökologie der Universität Hildesheim. „Jungtiere werden getötet, um sie zu fressen. Die Ressourcenkonkurrenz-Hypothese hingegen versteht Infantizid als Mittel, knappe Ressourcen für den eigenen Nachwuchs zu sichern – etwa Futter, Aufmerksamkeit der Gruppe oder sogar Muttermilch.“ Letzteres könne eine Rolle spielen, wenn Mütter ihren Nachwuchs gemeinsam betreuen, was bei frei lebenden Hunden bereits beobachtet wurde.

Die nun erfassten Daten sprechen gegen Hunger als Motiv. Melissa Vanderheyden von der Arbeitsgruppe Zoologie & Tierökologie der Universität Hildesheim erläutert: „Auf Grundlage unserer Beobachtungen denken wir nicht, dass die Hündin am Nährwert der Welpen interessiert war. Wir erfassten täglich Werte, die den körperlichen Zustand aller Weibchen abbilden. Fig hatte die höchsten Werte in der Gruppe. Sie hungerte also nicht.“

Laut den Autor*innen ist es wahrscheinlicher, dass Dominanzhierarchie innerhalb des Rudels eine Rolle spielte. Fig war kurz zuvor zur ranghöchsten Hündin aufgestiegen, nachdem die frühere Alphahündin verschwunden war. Das Töten der Welpen könnte dazu gedient haben, ihre neue Position zu festigen. Noch wichtiger: Die Forschenden beobachteten, dass dominante Hündinnen ihre Welpen eher früher bekommen als untergeordnete, wenn mehrere Hündinnen derselben Gruppe in kurzem Abstand werfen. „Ältere Welpen haben Vorteile gegenüber jüngeren – sie sind größer und stärker. Es ist daher gut denkbar, dass die dominante Hündin diesen Vorsprung für ihren eigenen Nachwuchs sichern wollte,“ betont Berghänel.

Ein solches Muster sei auch von anderen Tierarten bekannt. Weibchen stellten das Töten meist ein, sobald sie eigene Jungen haben – entweder weil später geborene Konkurrenten weniger bedrohlich sind oder weil sie die fremden Jungen nicht mehr sicher von den eigenen unterscheiden können. Das Zusammenlegen mehrerer Würfe in einer gemeinsamen Wurfhöhle mache das Erkennen zusätzlich schwer. „Genau das passiert häufig bei Arten, bei denen die Würfe in kurzer Folge kommen. Diese Strategie ermöglicht es untergeordneten Weibchen, kurz nach der dominanten Hündin zu gebären, ohne ein hohes Risiko zu tragen, dass ihre Welpen getötet werden,“ sagt Vanderheyden. „Obwohl diese Studie auf einer einzelnen Beobachtung von Infantizid beruht, legt das Geburtsfolge-Muster innerhalb der Gruppen nahe, dass Konkurrenz unter Weibchen über ihren Nachwuchs eine wichtige Rolle bei frei lebenden Hunden spielt. Das ist unsere Hypothese, doch bestätigen können wir sie erst, wenn weitere Fälle von Infantizid beobachtet werden.“

Hier geht es zur Studie.

 

— Erstellt von der Stabsstelle Kommunikation und Marketing