Psychologische Forschung: Handlungen koordinieren, Gruppen entscheiden, emotionales Lernen

Samstag, 07. März 2015 um 11:51 Uhr

Psychologinnen untersuchen, wie Kindergartenkinder einen Turm zusammenbauen und Handlungen koordinieren. Wie Gruppen und politische Gremien Entscheidungen treffen und Informationsaustausch auch bei Schlafmangel gelingt, erfassen Sozialpsychologen. Außerdem erfassen Wissenschaftlerinnen, wie emotionale Reize Lernprozesse verändern. Einblicke in drei aktuelle Forschungsgebiete an der Universität Hildesheim.

Wenn das „Wir" entscheidet: Sozialpsychologen untersuchen, wie Entscheidungen in Gruppen zustande kommen und wie zum Beispiel Gremien unter Schlafmangel entscheiden. Anders bei als Entscheidungen von Einzelpersonen kommen „soziale" Anforderungen hinzu, etwa effektive Kommunikation und Informationsaustausch“, so Jan Häusser von der Universität Hildesheim. Foto: Clemens Heidrich

Beispiel aus der Handlungspsychologie: Wie Kinder eigene Handlungen von jenen ihrer Spielpartner unterscheiden 

Kinder spielen zusammen und bauen gemeinsam einen Turm auf. Wieso funktioniert das so scheinbar mühelos? Eigentlich ist das Turmbauen ein hoch komplexer Vorgang. Schließlich müssen die eigenen Bewegungen, genau gesagt Handlungen wie das Auswählen des nächsten Steines, das Anheben und Ablegen auf den bereits vorhandenen Steinen, geplant und koordiniert werden. Erschwerend kommt noch hinzu, dass der Freund auch Steine legen will. Hierfür müssen die Handlungen des Spielpartners mit berücksichtigt werden bei der Planung der eigenen Handlungen. Um dies zu tun, muss der kleine Turmbauer zwischen seinen eigenen Handlungen und denen seines Spielpartners unterscheiden. Hinter dem einfachen Turm stehen also verschiedene Prozesse der Handlungssteuerung und Handlungskoordination.

Wie zielgerichtete Handlungen ablaufen untersucht Dr. Pamela Baess in der Arbeitsgruppe Allgemeine Psychologie der Universität Hildesheim. Zurzeit laufen Studien mit Kindergartenkindern an. Die Arbeitsgruppe möchte herausfinden, wie Kinder zwischen eigenen Handlungen und denen von Spielpartnern unterscheiden. Hierfür bearbeiten Drei- bis Sechsjährige Kinder verschiedene Aufgaben am Computer, entweder allein oder zusammen mit einer anderen Person. In diesem Alter entwickelt sich auch die Fähigkeit, sich selbst und anderen Personen mentale Zustände wie Wünsche und Überzeugungen zuzuschreiben, die Psychologie spricht von „Theory of Mind". Mit einer entwickelten Theory of Mind ist es möglich, eigenes und fremdes Handeln zu erklären und vorherzusagen.

In einer Reihe von Studien untersuchen die Forscher, ob sich Zusammenhänge zwischen der kindlichen Entwicklung im Verstehen von eigener und fremder Handlung und der kindlichen Theory of Mind-Entwicklung aufzeigen lassen. Interessierte Eltern und Kinder können sich gerne bei der Arbeitsgruppe melden (kinderstudie@uni-hildesheim.de oder 05121.883-11006).

Beispiel aus der Sozialpsychologie: Wie wir Entscheidungen treffen

In Hörsaal 1 stellen Forscher sozialpsychologische Arbeiten rund um das Thema Entscheidungsfindung vor. Jan Häusser untersucht an der Universität Hildesheim zum Beispiel Effekte von Schlafmangel auf Entscheidungen. „Hier interessieren mich insbesondere Gruppenentscheidungen, da diese anders als Entscheidungen von Einzelpersonen noch zusätzliche ‚soziale‘ Anforderungen haben, zum Beispiel effektive Kommunikation und Informationsaustausch“, so Häusser, der für seine hervorragende Forschung auch mit dem Forschungspreis der Universität ausgezeichnet wurde. Auf der TeaP-Konferenz stellt er eine Studie vor, die in Kooperation mit Forschen der Universitäten Nijmegen und Oxford durchgeführt wurde. Die Studie untersucht, wie sich Schlafmangel auf die Nutzung von Ratschlägen auswirkt.

Die Arbeitsgruppe „Sozialpsychologie“ der Universität Hildesheim kennt sich aus mit Entscheidungen in Gruppen. So untersuchen die Forscher etwa, wie der Informationsaustausch und Entscheidungsprozesse in politischen Gremien ablaufen und verbessert werden können. In Gruppen sei das „Streben nach Einmütigkeit, das Schließen der Reihen“ weit verbreitet, doch es verstellt den Blick für eine kritische Analyse, sagt Professor Andreas Mojzisch. Er forscht zu Gruppenentscheidungen und Gruppenurteilen. Von Abweichlern und Querdenkern könnten Gruppen profitieren. Gremien, die mehr oder weniger einer Meinung sind, können etwa auf den „Advocatus Diaboli“ zurückgreifen und Meinungsdissens künstlich erzeugen. „Meinungsvielfalt bringt allerdings wenig, wenn die Gruppenmitglieder sich nicht trauen, abweichende Meinungen zu äußern“, sagt Mojzisch. Dafür sei Vertrauen nötig.

In einem weiteren Forschungsprojekt, gefördert von der VolkswagenStiftung, untersucht der Hildesheimer Psychologe mit Forschern aus Oxford, London, Heidelberg und Göttingen, warum Menschen fehlerhafte Entscheidungen unter sozialem Einfluss treffen. Dabei gehen die Forscher von der Annahme aus, dass Urteile anderer einen erheblichen Einfluss auf das eigene Verhalten und Denken haben. In einer aktuellen Studie fanden Andreas Mojzisch und Markus Germar heraus, dass bereits basale Wahrnehmungsprozesse durch die Meinung von anderen Menschen beeinflusst werden können. In einer aktuellen Untersuchung erfassen die Hildesheimer Sozialpsychologen erstmals wissenschaftlich, ob Hunde Individualisten oder Gruppentiere sind. Bisher wurde nicht untersucht, ob ein Hund eher auf seine eigene Erfahrung vertraut oder sich eher einer Gruppe anschließt.

Johanna Frisch stellt auf der Konferenz Ergebnisse aus dem von der DFG geförderten Projekt zu Prozess- und Ergebnisverantwortlichkeit bei Entscheidungen vor. Die Psychologin der Uni Hildesheim hat zusammen mit Jan Häusser und in Kooperation mit der Universität Göttingen untersucht, ob sich bei einer Kreativitätsaufgabe das Gefühl verantwortlich zu sein und sich rechtfertigen zu müssen auf die Qualität der entwickelten Ideen auswirkt. Dabei wird deutlich, „dass die Studienteilnehmer, die verantwortlich waren und sich rechtfertigen mussten, weniger Ideen und vor allem weniger neuartige Ideen entwickelten als Studienteilnehmer, die nicht verantwortlich waren“, so Johanna Frisch.

Beispiel: Emotionen und Lernen

Im Projekt „EmiL – emotionales implizites Lernen" untersucht die Arbeitsgruppe Allgemeine Psychologie, inwiefern von der Erwartung abweichende Informationen verarbeitet werden und emotionale Reize Lernprozesse verändern. „Etwas konkreter ausgedrückt geht es darum, wie einfache motorische Lernprozesse, die sowohl ohne bewusste Kenntnis über das zu lernende Ereignis als auch ohne Kenntnis darüber, dass überhaupt etwas gelernt werden soll/kann, durch das Vorhandensein emotionaler Reize verändert werden", erklärt Professorin Christina Bermeitinger.

Um die Frage zu beantworten greift das Forschungsprojekt auf ein klassisches Paradigma aus der kognitiven Psychologie zurück: Das implizite Sequenzlernen bezieht sich auf den Befund, dass Personen Sequenzen von wiederkehrenden Reizen nach einer Weile schneller bearbeiten, obwohl sie kein explizites Wissen über das Vorhandensein der Sequenzen haben und diese auch nicht wiedergeben können, wenn man sie dazu auffordert, so Bermeitinger. Inwiefern das plötzliche Auftreten emotionaler Reize oder die Abweichung eines Reizes vom erwarteten emotionalen Reiz hierbei die Lernprozesse verändern, wird in diesem Projekt untersucht.

Nicola Ferdinand (Universität des Saarlandes), Christina Bermeitinger und Clara Hellweg (Universität Hildesheim) haben inzwischen erste Erkenntnisse, dass sich die Reaktionen unterscheiden, je nachdem, welche abweichenden emotionalen Reize auftreten. Selbst wenn man also keine explizite Auskunft über das geben kann, was man gerade wieder und wieder ausgeführt hat, fühlt man sich in Abhängigkeit von der konkreten emotionalen Abweichung unterschiedlich bei der Bearbeitung der Aufgabe gestört. Hierdurch können sowohl Rückschlüsse auf Lernprozesse und Lernen im Allgemeinen als auch auf den Einfluss von plötzlich auftauchenden emotionalen Reizen gezogen werden.

Worum geht’s? Informationen zur Konferenz:

Auf der 57. Tagung experimentell arbeitender Psychologen (die „TeaP") stellen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die obigen Forschungsprojekte vor. Insgesamt 600 Teilnehmer aus 15 Ländern werden erwartet. Die größte Tagung dieser Art im deutschsprachigen Raum läuft vom 8. bis 11. März 2015 an der Universität Hildesheim. Die Abteilungen Allgemeine Psychologie, Entwicklungspsychologie und Sozialpsychologie der Universität Hildesheim organisieren die Großkonferenz. Die Konferenzsprache ist Englisch. Die Konferenz richtet sich an Fachpublikum und ist nicht öffentlich.

Mehr erfahren: Interview mit Psychologieprofessorin Christina Bermeitinger

Medienkontakt: Universität Hildesheim (Pressestelle, Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)