Preis für institutionelle Kulturvermittlung: Jury „ZukunftsGut“ gibt Preisträger-Einrichtungen bekannt

Donnerstag, 01. Oktober 2020 um 09:16 Uhr

Der mit insgesamt 80.000 Euro dotierte Preis für institutionelle Kulturvermittlung der Commerzbank Stiftung, entwickelt unter Leitung von Prof. Dr. Birgit Mandel, Universität Hildesheim, wird an vier Einrichtungen verliehen.

Foto: David Schellenberg

Die Landesbühnen Sachsen und das Kulturforum Witten belegen den ersten Platz und teilen sich das Fördergeld in Höhe von insgesamt 50.000 Euro zu gleichen Teilen. Das Kunsthaus Dresden und das Traumschüff Potsdam teilen sich den zweiten Platz und erhalten ein Preisgeld von jeweils 15.000 Euro.

Zum zweiten Mal wurde „ZukunftsGut“, der bislang höchst dotierte Preis für institutionelle Kulturvermittlung, verliehen. Entwickelt worden war der Preis von Prof. Dr. Birgit Mandel, Leiterin des Studiengangs Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim, in Kooperation mit der Commerzbank-Stiftung.

Mit 121 Bewerbungen gab es erneut eine hohe Resonanz. 21 Bewerbungen standen auf der Shortlist.

Der Preis würdigt die strategische Kulturvermittlung in Kulturinstitutionen, die sich im weitesten Sinne mit kulturellem Erbe befassen.

Die Entwicklung des ZukunftsGut-Preises:

Erstmals im Europäischen Kulturerbejahr 2018 ausgerufen, werden mit dem ZukunftsGut-Preis für institutionelle Kulturvermittlung Kultureinrichtungen ausgezeichnet, die Kulturvermittlung als organisationsübergreifende Gesamtstrategie begreifen, um neue Perspektiven auf ihre Gegenstände „kulturellen Erbes“ im weitesten Sinne zu entwickeln und sich pro-aktiv zu öffnen für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen. Anders als bei anderen Preisen der Kulturellen Bildung werden also nicht nur beispielhafte Projekte ausgezeichnet, sondern Gesamtstrategien für Vermittlung als Kernfunktion und damit verbundenen institutionellen Transformationsprozessen.

2020 haben sich insgesamt 121 Einrichtungen beworben, genau so viele wie bereits 2018. „Auffällig ist im Vergleich zu 2018, dass die Bewerbungen noch qualifizierter waren und dass vieles, was damals noch als herausragend galt - dauerhafte Partnerschaften mit Schulen, Ansprache vielfältiger Bevölkerungsgruppen, Outreach, partizipative Projekte - inzwischen Standard in vielen Häusern ist. Dies zeigt die sehr dynamische Entwicklung in der Kulturvermittlung“, sagt Prof. Dr. Birgit Mandel, Leiterin des Studiengangs Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim.

„Um so wichtiger ist es nun, strukturelle Entwicklungen von Kulturorganisationen zu fördern, mit denen eine neue Programmatik und stärkere Teilhabeorientierung verstetigt werden“, betont Mandel. „Denn vor allem klassische Kultureinrichtungen des kulturellen Erbes mit langer Tradition stehen vor der Herausforderung, ihre eingespielten Arbeitsweisen und Programme angesichts der Pluralisierung der Gesellschaft und der damit verbundenen Diversifizierunng kultureller Interessen in der Gesellschaft zu hinterfragen.“

Auch fiel auf, dass die Bewerbungen insgesamt deutlich professioneller und geschult waren im Diskurs der Kulturvermittlung, was auch damit zusammen hängt, dass in vielen Kultureinrichtungen inzwischen Absolvent*innen der Kulturvermittlungsstudiengänge tätig sind. Insofern fiel es der Jury in diesem Jahr noch schwerer als 2018 zu entscheiden, wo Einrichtungen ihre Strukturen nachhaltig so aufgestellt haben, dass Kulturvermittlung eine Kernaufgabe ist, die auch zu institutionellen Transformationsprozessen führt, Vielfalt in den Einrichtungen selbst gelebt wird und zugleich neue, innovative Programme und Formate entwickelt werden in Auseinandersetzung mit unterschiedlichen (neuen) Publikums- und Bevölkerungsgruppen.

Vor allem die 21 Kulturinstitutionen auf der Shortlist lagen qualitativ sehr eng beisammen, weswegen die Jury entschied, die erste und zweite Platzierung doppelt zu vergeben und damit in diesem Jahr vier Einrichtungen den Preis zu verleihen:

Das Fördergeld des ersten Preises in Höhe von insgesamt 50.000 Euro geht zu gleichen Teilen aufgeteilt auf die Landesbühnen Sachsen und das Kulturforum Witten. Der zweite Preis in Höhe von jeweils 15.000 Euro geht an das Kunsthaus Dresden und das Traumschüff Potsdam.


Die Preisträger-Einrichtungen des Jahres 2020:

Dabei stehen die Landesbühnen Sachsen mit ihrem Vier-Sparten-Programm für eine erfolgreiche Öffnung ihres Kulturangebots durch vielfältige Outreach Formate und dauerhafte Kooperationen vor allem auch in ländliche Räume. Das Theater hat dafür ein großes, verlässliches Netzwerk an unterschiedlichen Partnern entwickelt, die vor Ort aktiv in die Veranstaltungen und die Kulturvermittlungsarbeit eingebunden werden. Durch partizipative Projekte an den verschiedenen Aufführungsorten werden vielstimmige Programme entwickelt und Regionen gestärkt, die sonst kaum eine öffentliche Stimme haben.

Das Kulturforum Witten überzeugte die Jury insbesondere unter dem Aspekt der strukturellen Veränderungsorientierung. In einem Zukunftslabor werden die kommunalen Kultureinrichtungen befähigt, im engen, intergenerationalen und interkulturellen Austausch mit der Bevölkerung kulturelle Stadtentwicklung voran zu bringen. Instrumente sind u.a. ein Capacity Programm für Mitarbeitende in Kultureinrichtungen und Kulturverwaltung zur kollaborativen Entwicklung einer neuen Organisationskultur  in den Einrichtungen.  

Dabei wird vor allem Digitalität als Kulturtechnik in einer mittelgroßen Kommune neu gedacht und vermittelt, gerade auch an Ältere. Im Zentrum steht die Frage, wie man in einer Stadtgesellschaft in Kooperation von Kultureinrichtungen, Kulturpolitik und Bevölkerung gemeinsam das kulturelle Leben weiter entwickeln kann.

Auch das Kunsthaus Dresden als kleine, agile Organisation verortet sich mitten in der Stadtgesellschaft und schafft dort eine Plattform für aktive Auseinandersetzung und Teilhabe an den Fragen, die die Bevölkerung aktuell bewegen. Dabei verfolgt das Haus einen kollaborativen Kulturvermittlungsansatz, der sowohl freie Künstler_innen und vielfältige Vereine und Bevölkerungsgruppen einbezieht. Kuration und Vermittlung greifen ineinander, viele der Kunst- Präsentationen finden im öffentlichen Stadtraum statt. Unter dem Titel „Nachbarschaften“ ist das Kunsthaus Teil eines Community Building Projekts von Bürgergruppen, Geschichtsvereinen, Kulturschaffenden, die an Zukunftsfragen für städtisches Zusammenleben in Dresden arbeiten.

Beispielhaft für die mutige Entwicklung von mobilen Räumen der kulturellen Produktion und Bildung ist schließlich das Traumschüff Potsdam. Mit einem Katamaran besucht das genossenschaftlich organisierte kleine Theater in der Tradition der Wanderbühnen die Menschen auf dem Brandenburger Land über die Havel. Eine hohe Nahbarkeit gepaart mit enormer künstlerischer Kreativität bieten Menschen, die oftmals weniger Berührung mit Kunst und Kultur haben, die Chance, künstlerische und performative Prozesse zu erleben, die sich mit ihren regionalen Themen befassen. Ein direkter Austausch mit den Zuschauern inspiriert dabei die Wanderbühne auf dem Wasser zu neuen Stücken und Vermittlungsformaten. Die Stücke und Inszenierungen haben den Anspruch, sowohl verständlich für ein theaterfernes Publikum als auch vielschichtig und überraschend für ein theatererfahrenes Publikum zu sein.

Anhang:

Shortlist 2020, 21 Einrichtungen
•    Badisches Landesmuseum Karlsruhe
•    Badisches Staatstheater
•    Berliner Ensemble
•    Düsseldorfer Schauspielhaus
•    Konzerthaus Berlin
•    Kulturforum Witten
•    Kunsthalle Emden
•    Kunsthalle Tübingen
•    Kunsthaus Dresden
•    Lab Bode Berlin
•    Landesbühnen Sachsen
•    Münchner Kammerspiele
•    Museum der bildenden Künste Leipzig
•    Nationaltheater Mannheim
•    Niedersächsisches Staatstheater
•    Schauspiel Stuttgart
•    Staatsoper Stuttgart
•    Theater Erlangen
•    Traumschüff Potsdam
•    Wilhelm-Hack Museum
•    Zimmertheater Tübingen

Jury-Mitglieder:
•    Inez Boogaarts, Geschäftsführerin Poetry International Rotterdam
•    Tom Braun, Geschäftsführer der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung
•    Teresa Darian, Verantwortliche kulturelle Bildung in der Kulturstiftung des Bundes  
•    Marc Grandmontagne, Vorstand Deutscher Bühnenverein
•    Astrid Kießling-Taşkın, Vorständin Commerzbank-Stiftung
•    Stefanie Reiter, Baukulturvermittlerin und Vorsitzende Arbeitskreis Kulturerbevermittlung des Bundes)
•    David Vuillaume, Geschäftsführer Deutscher Museumsbund
•    Birgit Mandel (fachliche Leitung), Professorin für Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim und Stiftungsratsmitglied der Commerzbank-Stiftung

Rückblick Preisträger Einrichtungen 2018:

Verliehen wurde der erste Preis 2018 an das Staatsschauspiel Dresden als „Erfinder“ der Bürgerbühne, die sich als neue, eigene Sparte im Stadt- und Staatstheatersystem zu etablieren beginnt. Seit 2009 verhandeln Bürger_innen unterschiedlicher Generationen, Berufe und sozialer Herkunft am Staatsschauspiel Dresden Themen, die sie gemeinsam mit theatralen Mitteln bewegen, und präsentieren diese mit hoher Publikumsresonanz auf der großen Bühne. Menschen begegnen sich, die im normalen Leben kaum Berührungspunkte haben. Mit den Produktionen, in die alle Abteilungen des Theaters involviert sind, verändern sich nicht nur das Programm und das Publikum, sondern auch die Organisationskultur des Theaters.

Den zweiten Preis erhielt das Historische Museum in Frankfurt, das sich mit der Mission „Frankfurt Jetzt!“ konsequent für gegenwärtige Fragen der Stadtbevölkerung in einer Einwanderungsgesellschaft öffnet und diese aktiv einbezieht in die Konzeption seiner Ausstellungen. Auch die Sammlung und die Dauerausstellung werden kommentiert und ergänzt durch Beteiligung der Bürgerschaft, etwa gemeinsam mit Frankfurter*innen mit Migrationserfahrung. Gleichzeitig erweitert das Museum seine Präsentationen in den öffentlichen und den digitalen Raum.

Der dritte Preis ging an das Theater Oberhausen, das exemplarisch ist für die Suche eines Stadttheaters nach einer neuen Bedeutung als Treffpunkt für vielfältige Gruppen einer Stadtgesellschaft. Diese können den Theater-Ort für eigene Projekte und Präsentationen nutzen, und umgekehrt geht das Theater in vielen Projekten in den öffentlichen Raum, um mit der Bevölkerung in direkten Austausch zu kommen. Auch in seiner eigenen Personalpolitik öffnet sich das Theater für eine diverse Mitarbeiter*innenschaft und versucht, diese in neuen Teamstrukturen stärker in die Verantwortung für die Entwicklung neuer Projekte einzubeziehen.