Populäre Kultur: Vergnügen für Viele

Mittwoch, 03. Februar 2016 um 17:10 Uhr

Zirkus, Wild West Show, Youtube-Video – ein Blick in die Geschichte zeigt: Die Populäre Kultur lebt von dem „Zuviel“. Ein Gespräch mit Professor Stefan Krankenhagen über das gemeinsame Erleben, Internetphänomene, Sportkultur und eine junge Wissenschaftsdisziplin. Er untersucht in Hildesheim das, was Massen unterhält und Vergnügen schafft. Anfang Februar tagen an der Universität Hildesheim etwa 80 Fachleute auf dem Popkongress 2016.

In den letzten 150 Jahren entstanden neue Formen, um Viele zu erreichen, das Radio, der Film, das Fernsehen, die heutigen digitalen Medien. Die Populäre Kultur habe sich aber nicht grundlegend verändert, sagt Stefan Krankenhagen. „Man braucht für die Populäre Kultur immer ein Zuviel, eine Wahl. Wie wähle ich meine Erlebnisse aus, so dass sie mein eigenes Selbst stützen, bestätigen oder herausfordern? Was unterhält mich auf welche Weise?“. An der Universität Hildesheim lehrt der Professor in den Bereichen Kulturgeschichte der Populären Kultur, Sportkultur, frühe Unterhaltungskultur und Kulturtransfer (Amerika – Deutschland). Foto: Krankenhagen

Sie befassen sich auf dem Popkongress 2016 (vom 4. bis 6. Februar 2016) mit der Populären Kultur als universitärer Disziplin. Zunächst ein Zeitsprung in die Geschichte – eine Reise zur populären Kultur vor 150 Jahren.

Stefan Krankenhagen: Vor etwa 150 Jahren hat sich eine Gesellschaft entwickelt, in der nach und nach immer mehr Menschen mehr Zeit zur Verfügung hatten. Im 19. Jahrhundert leben wir in einer Zeit, in der es in Zentraleuropa starke Demokratisierungsbewegungen gibt, die vermehrt auch zu einer politischen Modernisierung der Gesellschaften führen. Die gesellschaftlichen Bedingungen für Populäre Kultur entstanden vor 150 Jahren – Demokratisierung, Ökonomisierung, Internationalisierung, Medialisierung.

Welche Medien entwickeln sich in dieser Zeit?

Um 1850 entstehen frühe Formen der heutigen Illustrierten, die produziert werden, um ihre Leserinnen und Leser nicht nur zu bilden, sondern in gleichem Maße zu vergnügen, zu unterhalten. Die „Gartenlaube“ ist sicherlich das bekannteste erste große Massenblatt in Deutschland. Neben diesen Wochenzeitschriften formieren sich etwa das Panorama als populäres Bildmedium, die Völkerschauen als exotisierendes Vergnügen am Fremden oder auch die Wild West Show, die ich als einen entscheidenden Schritt der „Amerikanisierung“ einer globalisierten Populären Kultur verstehe. 1887 kommt die Wild West Show mit William Cody aka Buffalo Bill mit einer großen Tournee von Amerika nach Europa und zeigt sich nicht nur in den großen Städten, sondern genauso in Karlsruhe oder Braunschweig. Es ist eine Show, die davon lebt, dass sie einen Anspruch auf Geschichtsvermittlung stellt: popular history entsteht. Die Show tourt später mehrmals durch europäische Städte – mit Indianern, Pferden und Büffeln.

Echte Büffel?

Ja, tatsächlich – es geht hier um die Gleichzeitigkeit von faktischem, auch historischem, Material und einer spannungsgeladenen Dramaturgie mit inszenierten Überfällen, Schieß- und Reitwettbewerben. Im Zentrum der Dramaturgie steht die Eroberung des Westens, die Zivilisierung durch den weißen Mann, hier in der Figur Buffalo Bills: womit geschehenes Unrecht immer auch wiederholt wird. Die Populäre Kultur ist in den seltensten Fällen politisch eindeutig und sie ist schon immer als eine marktförmige Kultur entwickelt, die in einem Resonanzverhältnis, in einer dauernden Rückkoppelung mit Konsumentinnen und Konsumenten entsteht.

Es entstanden neue Formen, um Viele zu erreichen, das Radio, der Film, das Fernsehen.

Die Technik, die Produktion und Vermittlung von Populärer Kultur hat sich hochgradig diversifiziert. Von serialisierten Zeitschriften und populären, öffentlichen Aufführungen vor 150 Jahren über die Entstehung von Radio und Film, dann Fernsehen, bis zu den heutigen digitalen Medien.

Und schon sind wir im Heute und Jetzt gelandet. Ein großer Zeitsprung. Wenn wir bei der Entwicklung der Medien bleiben – hat sich die Populäre Kultur mit ihnen verändert?

Ich glaube nicht, dass sich die Populäre Kultur grundlegend verändert hat. Weiterhin entscheidend ist: Man braucht für die Populäre Kultur immer ein Zuviel. Der Soziologe Gerhard Schulze spricht von „Erlebniskultur“ und „Erlebnisgesellschaft“, aber nicht abwertend als „Eventkultur“. Wenn eine Gesellschaft auf das Erlebnis ausgerichtet ist, dann heißt das: Es gibt ein Zuviel und damit eine so individuelle, wie gesellschaftlich geprägte Wahl. Wie wähle ich meine Erlebnisse aus, so dass sie mein eigenes Selbst möglicherweise stützen, bestätigen oder herausfordern? Was unterhält mich auf welche Weise?

Wo fängt denn Populäre Kultur an? Was versteht man darunter heute?

Naja – sie bewegt sich zwischen „50 Shades of Grey“, „Unboxing“-Phänomenen auf YouTube und weiterhin dem Zirkus oder der allumfassenden Sportkultur, die aber zwischen einer Nationalsportart wie Fußball und einer eher importierten aber gleichwohl für den nationalen Kontext interessanten Sportkultur wie dem Wrestling variiert. Die Phänomene der YouTube-Kultur haben da genauso Platz wie die traditionelle Varieté-Show oder Bücher, die mit exorbitanten Verkaufszahlen an dem Maßstab „höher, schneller, weiter“ kratzen.

Der Besuch im Zirkus ist ein gemeinsames Erlebnis: Ich habe links und rechts Nachbarn, die mit mir die Aufführung erleben, teilen, reagieren.

Das Gemeinsame bedeutet, dass ich mich als Einzelner und als Teil des Publikums gleichzeitig wahrnehme und dass ich mich verbinde mit dem, was auf der Bühne passiert. Der Unterhaltungswert entsteht immer als Koproduktion. Auch die Zeitschriften vor 150 Jahren funktionierten über Lesezirkel hochgradig im Sozialen, wurden an den nächsten Leser weitergegeben. Im Moment der Teilhabe – der Beziehungserfahrung – entsteht erst das Populäre. Das wissen wir aus der Rezeption im Sport, ob im Fußballstadion oder imaginär vor dem Fernseher. Den Star Elvis Presley erschaffen wir im Moment des Konzertes immer mit – sein Aussehen, seinen Hüftschwung, die Jungs und Mädchen, die ihm zujubeln. Mit einer reinen Musikanalyse kann man Elvis Presley, die Beatles oder heute Lady Gaga nicht erklären.

Und dieses gemeinsame Erleben setzt sich auch im virtuellen Raum fort, etwa wenn Youtube-Videos über soziale Netzwerke geteilt und kommentiert werden?

Likes oder auch hashtags sind Modi, in denen Teilhabe einerseits ausgedrückt, also öffentlich dargestellt werden kann; zum anderen sind sie auch der kontinuierliche Versuch, Mehrheiten zu bilden. Wer versammelt sich unter meinem hashtag? – das ist immer auch ein politisch konnotiertes Angebot, eine neue Form der temporären Mehrheitsbildung.

Ein weiterer Zeitsprung – was ist in 150 Jahren?

Wir unterschätzen vielleicht, wie wichtig die gesellschaftlichen Bedingungen für diese Überflussgesellschaft und damit für die Populäre Kultur sind. Wir leben seit gut 100 Jahren, zumindest in diesem Teil Europas, mehrheitlich im Überfluss. Wenn die Bedingungen nicht mehr gegeben sind, dann verändert sich auch die Populäre Kultur – das sieht man in Zeiten der Diktatur wie im Nationalsozialismus. Das heißt nicht, dass die Populäre Kultur komplett verschwindet, aber sie bekommt eine andere Funktion und verändert sich auch qualitativ. Dass wir in 150 Jahren diese oder eine vergleichbare Überflussgesellschaft haben, ist nicht sicher.

Alles andere ist Spekulation im Bereich der Medienentwicklung: Welches neue Gadget kommt, damit sich die Populäre Kultur auch darin einschreiben kann und das immer Gleiche auf neue Art und Weise ausdrückt? So sehr wir seit 150 Jahren Vergleichbares beobachten, so sehr beobachten wir auch immer wieder einen neuen „neuen Moment“, den wunderbaren ‚heißen Scheiß von heute‘ wie man sagt.

Sie sind Professor für Kulturwissenschaften und Populäre Kultur. Seit wann nimmt denn die Wissenschaft diese Entwicklungen ernst und entdeckt sie?

Im deutschsprachigen Raum seit etwa einer Generation. Die Universität Hildesheim hat mit der Besetzung der ersten Professur für Populäre Kultur 1983 sicher eine entscheidende Rolle gespielt. Die Populäre Kultur ist eine junge Wissenschaftsdisziplin – wenn sie überhaupt eine eigene Disziplin ist. Wir sehen, wie das Populäre in alle Felder der traditionellen Künste gewandert ist. Die Popart mit Richard Hamilton in den 1950er Jahren hat das bereits konsumierte Material in ihre Kunstproduktion aufgenommen. Gaming-Strukturen werden auf der Bühne nachgespielt, die freie Gruppe „machina eX“, die in Hildesheim studiert hat, übersetzt das digitale Spiel in die analoge Welt.

In den späten 90ern und 2000er Jahren haben sich Disziplinen entwickelt, die sich eher anwendungsbezogen mit dem kulturellen Feld befassen. Die Popakademie in Mannheim etwa beschäftigt sich mit Popbusiness, Kulturmanagement, Popmusik. Auch Hochschulen für Musik haben das Fach „Popmusik“ in ihre Lehre integriert. Zürich bildet im Master „Populäre Kultur“ aus. Populäre Kultur hat als Studieninhalt auch ihren Weg in kulturwissenschaftliche Studiengänge in Lüneburg, Weimar und Dortmund gefunden.

An den Universitäten lehrt heute eine Generation der 40- bis 50-Jährigen, die mit dem Populären aufgewachsen ist. Anders als die Nachkriegsgeneration, die eine andere biographische Prägung hat. Im Moment blicken auch einzelne Kollegen aus der Zeitgeschichte auf die Geschichte der Populären Kultur.

Populäre Kultur als Studieninhalt – was untersuchen Sie mit Ihren Studierenden?

Neben der Kulturgeschichte der populären Kultur lehre ich zum Beispiel in den Bereichen Sportkultur, frühe Unterhaltungskultur und Kulturtransfer (Amerika – Deutschland). Mein Mitarbeiter Dirk Hohnsträter untersucht seit vier Jahren die marktförmige Verfasstheit des Populären: also die Konsumkultur. Barbara Hornberger fragt danach: Was lernen wir mit und an der populären Kultur? Sie untersucht mit ihren Studierenden Serienformate, zum Beispiel die Titelmusik zu James-Bond-Filmen.

Mit dem Psychologieprofessor Werner Greve haben Sie das Seminar „Von Cowboys und Indianern“ entwickelt. Ihre Studierenden haben sich mit einem der stabilsten Motive der populären Kultur auseinandergesetzt...

...die kulturgeschichtliche Beschäftigung mit dem Genre entstand aus einer aktuellen Beobachtung heraus: Warum gibt es heute fast keine Western mehr?

...Bonanza, Jo Cartwright...

... Winnetou und Old Shatterhand. Warum ist Karl May nicht mehr interessant für die Generation heute? Die Namen sind komplett weg. Die Klassiker sind nicht mehr geläufig unter den 20-Jährigen – und wir merken daran, dass es „Klassiker“ des Populären gibt, vielleicht sogar schon einen Kanon der Populären Kultur. Wir gehen von aktuellen Beobachtungen aus und fragen: Was kann uns das Genre lehren und was lernen wir daraus, dass der Western heute in der Form so nicht mehr vorhanden ist?

Eine Studentin aus dem Studiengang „Literarisches Schreiben“ hat in ihrer Hausarbeit versucht, Karl May zu modernisieren und signifikante Abschnitte neu geschrieben. Sie hat in der Praxis festgestellt, was wir aus der Theorie wissen: Karl May steht in der Tradition der Reiseberichterstattung. Für heutige Verhältnisse sind die Landschaftsbeschreibungen unglaublich langatmig – die waren aber zur Zeit ihres Erscheinens, Ende des 19. Jahrhunderts, interessant, weil sich die Massenmedien erst entwickelt haben, die uns die fernen Länder auf unterhaltende Weise aufbereitet haben.

Sie kommen aus der Forschung zur Fußball- und Fankultur, forschen über das Populäre im Sport. Mit welchen Fragen beschäftigen Sie sich derzeit?

Im Sport haben wir eine starke Präsenz der Zuschauenden. Auch auf der Ebene des Sports finden wir zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Trias von Medialisierung, Demokratisierung und Internationalisierung. In den Vereinen Europas fanden schon damals Spielertransfer statt.

Im Moment beschäftigen mich Phänomene wie Wrestling – übrigens ausgelöst durch das Interesse von einigen Studierenden. Das Wrestling ist eine nordamerikanische Sportkultur, über die privaten Fernsehanbieter versucht es seit etwa 20 Jahren in Deutschland Fuß zu fassen. Das Wrestling kündigt etwas auf, was Sportereignisse genuin nötig haben, nämlich einen offenen Ausgang. Jedes Spiel braucht einen offenen Ausgang. Als Zuschauer wissen Sie nicht, wer in einem je festen Set von Regeln das Spiel gewinnt, wer im 100-Meter-Lauf oder beim Fußball siegen wird. Das Wrestling kündigt diesen offenen Ausgang auf – der jeweilige Kampf zwischen den zwei Gegnern ist abgesprochen. Was fasziniert die immens wachsende Zuschauerzahl daran? Wrestling ist eine Mischung aus Sport, Varieté-Show und Aufführungsereignis. Ich stelle fest: das Wrestling ist mit seinen aufgeführten Figuren dem Synchronschwimmen und dem Eiskunstlaufen viel näher als dem Boxen.

Wie untersuchen Sie das, was unterhält und Vergnügen schafft?

Anschauung am Material – und die Fragen danach, was die Spezifika dieses Phänomens ausmachen: die Inszenierung echtem Scheins, die Figuration der Kämpfer, die Kommunikation mit dem Publikum. Sinnvoll wäre es sicherlich auch, Wrestling praxeologisch zu erfahren: Eine Studentin von mir macht einen Einführungskurs, sie nähert sich dieser Sportkultur aus dem Mitmachen heraus. Das ist wunderbar; so kann Forschung auch funktionieren.

Die Fragen stellte Isa Lange

Zur Person: Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Krankenhagen

Stefan Krankenhagen ist seit 2011 Professor für Kulturwissenschaft und Populäre Kultur am Institut für Medien, Theater und Populäre Kultur der Stiftung Universität Hildesheim. Zuvor war er sechs Jahre an der Universität Trondheim für Deutsche und Europäische Kulturstudien verantwortlich. Krankenhagen promovierte in Hildesheim und an der Georgetown University in Washington D.C. mit einer Arbeit zur Darstellungs- und Rezeptionsgeschichte des Holocaust.

Erkenntnisse aus einem internationalen Forschungsprojekt hat Krankenhagen im Buch „Europa ausstellen. Das Museum als Praxisfeld der Europäisierung“ zusammengefasst. In der Forschung befasst er sich weiterhin mit Fußballkulturen heute sowie mit Auftritten – ob im Parlament, auf der Theaterbühne oder in der Castingshow.

Info: Popkongress 2016 in Hildesheim

Die Universität Hildesheim erwartet zum Popkongress vom 4. bis 6. Februar 2016 (zum Programm) etwa 80 Fachleute. Die 8. Jahrestagung der Arbeitsgruppe „Populärkultur und Medien“ in der Gesellschaft für Medienwissenschaft beschäftigt sich mit der Entstehung einer jungen Wissenschaftsdisziplin. Die Studien zu Pop- und Populärer Kultur haben in den letzten dreißig Jahren ihren Weg in die Institutionen und in die wissenschaftliche Professionalisierung gefunden. Popmusik und Populäre Kultur kann man mittlerweile an vielen Orten im deutschsprachigen Raum lehren, forschen und studieren.

Der Popkongress wird am 4. Februar 2016 um 16:00 Uhr im Burgtheater auf dem Kulturcampus Domäne Marienburg (Domänenstraße, 31141 Hildesheim) eröffnet. Zunächst gehen die Medienwissenschaftlerin Prof. Irmela Schneider (Köln) und Philipp Felsch, Juniorprofessor für Geschichte der Humanwissenschaften in Berlin, auf Spurensuche. Wer sagt, was man über Popkultur wissen muss? Über Pop-Studiengänge diskutieren am 5. Februar ab 16:00 Uhr die Musikwissenschaftlerin Prof. Susanne Binas-Preisendörfer (Oldenburg), Christoph Jacke (Professor für Theorie, Ästhetik und Geschichte der Populären Musik, Paderborn), Prof. Stefan Krankenhagen (Hildesheim), der Berliner Professor für Medienmanagement Martin Lücke und Hans Nieswandt (seit über 20 Jahren in der Welt der DJ-Kultur und elektronischen Musikproduktion unterwegs, Bochum). Am 6. Februar sprechen zum Beispiel der Braunschweiger Musikpädagoge Prof. Bernhard Weber über populäre Musik in Bildungsprozessen und der Hildesheimer Kulturjournalist Guido Graf über „Dichtung als Pop“.

Der Kongress wird von Barbara Hornberger, Johannes Ismaiel-Wendt und Stefan Krankenhagen organisiert. Interessierte sind herzlich eingeladen. Die Teilnahme an den Vorträgen ist kostenfrei.

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)