Online-Feuilleton entsteht: „Es geht darum, die Gegenwart zu treffen“

Dienstag, 07. Februar 2017  / Alter: 284 Tage

Nah dran sind sie, an den jungen Stimmen der Gegenwartsliteratur. Ein Team aus dem Kulturjournalismus entwickelt ein Online-Feuilleton – Interviews, Analysen und Debatten. So entsteht ein Archiv der jüngeren Gegenwartsliteratur, weltweit zugänglich. Der Hildesheimer Literaturwissenschaftler Guido Graf spricht im Interview mit Isa Lange über „Pfeil und Bogen“.

„Pfeil und Bogen“ heißt das Online-Feuilleton. Herausgeber sind Jenifer Becker, Guido Graf, Kevin Kuhn, Thomas Klupp, Hanns-Josef Ortheil, Simon Roloff und Christian Schärff. Guido Graf befasst sich am Literaturinstitut der Universität Hildesheim unter anderem mit Kulturjournalismus, Literaturvermittlung, Social Reading und Gegenwartslyrik. Foto: Literaturinstitut / Screenshot: Pfeil und Bogen

Seit heute ist „Pfeil und Bogen“ online, die neue literarische Revue des Literaturinstituts. Ein „lebendiges Jetztzeitarchiv der Gegenwartsliteratur“ entsteht in Hildesheim. Was machen Sie da?

Wir bewegen uns in verschiedenen Bereichen. Vor allem wollen wir herausfinden: Was passiert jetzt im literarischen Feld? Es gibt eine vielfältige Literaturszene im deutschsprachigen Raum. Wir schauen systematisch auf die Autorinnen und Autoren unter 40 Jahre. Es geht also oft um das Debüt oder das gerade mal zweite Buch. Was für Trends erkennen wir? Wie werden Autorinnen und Autoren inszeniert? Wie inszenieren sie sich selbst? Wie unterscheiden sich Schreibstile?

„Pfeil und Bogen“ heißt das Online-Feuilleton, das Sie gerade mit Studentinnen und Studenten aufbauen. Wonach „jagen“ Sie?

Es geht darum, die Gegenwart zu treffen. Es geht um sprachliche Eleganz, um Bewegungen mit Sprache. Wir beschäftigen uns mit Lektüre, die noch ganz frisch ist, ein Diskurs, der sich schnell verändert und in dem immer neue junge Stimmen auftauchen. Wenn man liest, sammelt man Spuren, eine imaginäre Beute, die man mit sich trägt und von der man zehrt – Damit erinnert „Pfeil und Bogen“ auch daran, welche Bedeutung Literatur für uns haben kann.

Wie binden Sie Studentinnen und Studenten ein?

Wir verbinden auf dem Kulturcampus und am Uni-Literaturinstitut Theorie und Praxis – das prägt das Studium von Beginn an. Studentinnen und Studenten beschäftigen sich schreibend, beobachtend mit Literatur. Im Redaktionsseminar werden immer neue Studierende aus jüngeren Semestern hinzukommen – „Pfeil und Bogen“ wird sich folglich auch permanent verändern. Aktuell erarbeitet Thomas Klupp mit 100 Studierenden die Texte für die Rubrik „Radar“. Sie orten, was im Literaturbetrieb Wellen schlägt und zeichnen literarische Bewegungen auf. Teams stürzen sich auf aktuelle Gegenwartsliteratur. Im Sommer beschäftigt sich unter anderem. Christian Schärf mit der aktuellen literarischen Saison.

Was passiert mit Literatur, wie entsteht Literatur, wer schreibt? Sie besprechen nicht nur Einzeltitel, sondern wollen auch Debatten über den Literaturbetrieb führen. Was passiert, wenn ein Buch und Worte einmal in der Welt sind?

Wir beobachten aktuell, wie das Thema Migration in der jüngeren Gegenwartsliteratur aufgegriffen wird. Wir beschäftigen uns mit fiktionalen Texten wie auch mit Lyrik. Aktuell liegen cut-up-Collagen von Sirka Elspaß auf meinem Schreibtisch, sie studiert in Hildesheim und entwickelt Texte aus Bruchstücken – wie Erpresserbriefe. Wir greifen einzelne Bücher heraus und porträtieren junge Autorinnen und Autoren. Dabei entsteht eine Nähe, ein gemeinsamer Diskurs zwischen jenen, die schreiben und jenen Hildesheimern, die über die Schreibenden schreiben. Außerdem blicken wir auf Textformen, die wir noch gar nicht kennen. Simon Roloff und sein Seminar etwa beschäftigen sich mit „kleinen Formen“.

…kleine Formen? Twitter als Literatur?

Kleine Formen fangen beim Tweet an. Klein ist auch ein Text, der sich der Perspektive einer Webcam annähert, sich auf das Sichtfeld konzentriert, ohne Meinung oder Vorwissen einzufädeln. Georges Perec hat schon in den 60er Jahren solche Beobachtungsinstrumente entwickelt.

Wie gehen Sie vor? Orientieren Sie sich an Debatten in Zeitungen oder an dem Programm der Verlage?

Verlage planen lange im Voraus. Seit Herbst planen wir „Pfeil und Bogen“. Die Studentinnen und Studenten arbeiten mit Fahnenexemplaren, also erste Vordrucke der jetzt in den Frühjahrsprogrammen erscheinenden Bücher. Aber wir bauen auch auf einem großen Netzwerk auf: Unsere Studierenden und Lehrenden sind gut vernetzt, über die Literaturzeitschrift „Bella triste“ und das Festival „Prosanova“ stoßen wir schnell auf interessante, kaum bekannte Stimmen.

Warum publizieren Sie online?

Es gibt pragmatische Gründe: Wir sparen uns die Druckkosten. Aber viel wichtiger ist: Das Netz ist ein schnelles Medium. Das Netz ist das Medium, wo jene, die schreiben und über die geschrieben wird, sich bewegen. Wir haben keine Bezahlschranken – alles ist online zugänglich. „Pfeil und Bogen“ richtet sich nicht an ein Insider-Publikum – wir schreiben für jeden.

Viele sprechen zurzeit über Fakten und Fiktion. Wie erleben Sie als Literaturwissenschaftler diese Debatte?

„Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion“, ein Zitat von Siegfried Kracauer aus seinem großen Essay „Die Angestellten“ von 1930. Entscheidend ist der Kontext, indem Fakten und Fiktionen stattfinden. Ein Beispiel: Ein Journalist muss in seinen Texten zeigen, warum etwas so ist, muss Quellen prüfen und das Vorgehen transparent und nachvollziehbar machen. Wenn ich dies nicht beachte, ergeben sich Möglichkeiten für Manipulationen. Mit Fakten und Fiktion umzugehen, das muss gelernt werden – Kinder und Jugendliche sollten lernen, wie sie sich Informationen beschaffen und Vergleiche ziehen. Meinen Studierenden rate ich: Ihr solltet eine Programmiersprache lernen, damit ihr wisst, wie Algorithmen funktionieren – sie prägen den digitalen Alltag.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Kurzinfo zur Person: Dr. Guido Graf

Seit 2008 ist Dr. Guido Graf als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Stiftung Universität Hildesheim tätig ist. Er hat Germanistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft in Braunschweig studiert und seine Dissertation über den Briefwechsel zwischen den Schriftstellern Arno Schmidt und Hans Wollschläger (Lehrer-/Schülerverhältnis) geschrieben. Bevor er  nach Hildesheim kam, arbeitete er als freier Journalist für Zeitungen und den Rundfunk. Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in den Bereichen Literaturvermittlung, Sound-Poetik, Social Reading, Radio, Medientheorie, Gegenwartslyrik und Übersetzung. Für seine hervorragenden Leistungen in der Lehre wurde Guido Graf im vergangenen Jahr mit dem Lehr-Preis der Universität ausgezeichnet.

Kurz erklärt: Online-Feuilleton „Pfeil und Bogen“

Am 7. Februar 2017 startet „Pfeil und Bogen“, die neue literarische Revue des Literaturinstituts der Universität Hildesheim. Ein lebendiges Jetztzeitarchiv der Gegenwartsliteratur soll in den kommenden Wochen entstehen und ausgebaut werden. Hier kann man sich informieren über die neuen Bücher und Autorinnen und Autoren, über Debatten und Diskurse um die jüngere Literatur, über wesentliche poetologische und produktionsästhetische Positionen sowie über den Wandel des Literaturbetriebs und mediale Novitäten und Trends im literarischen Feld der Jetztzeit. Das Online-Feuilleton bietet auch Raum für Werke im Werden und sammelt Fundstücke an den Rändern der Literatur.

Herausgeber sind Jenifer Becker, Guido Graf, Kevin Kuhn, Thomas Klupp, Hanns-Josef Ortheil, Simon Roloff und Christian Schärff. Die Lehrenden des Hildesheimer Literaturinstituts produzieren „Pfeil und Bogen“ laufend zusammen mit Studierenden in Seminaren und Übungen. Ein regelmäßiges Redaktionsseminar sorgt für die Organisation des Unternehmens.

Pfeil und Bogen. Literarische Revue

Hanns-Josef Ortheil, Schriftsteller und Professor für Kreatives Schreiben, über Pfeil und Bogen

Medienkontakt: Pressestelle der Universität Hildesheim (Isa Lange, 05121.883-90100, presse@uni-hildesheim.de)

Von: Pressestelle, Isa Lange

„Pfeil und Bogen“ heißt das Online-Feuilleton. Herausgeber sind Jenifer Becker, Guido Graf, Kevin Kuhn, Thomas Klupp, Hanns-Josef Ortheil, Simon Roloff und Christian Schärff. Guido Graf befasst sich am Literaturinstitut der Universität Hildesheim unter anderem mit Kulturjournalismus, Literaturvermittlung, Social Reading und Gegenwartslyrik. Foto: Literaturinstitut / Screenshot: Pfeil und Bogen