Männer in der Literatur

Dienstag, 06. Januar 2015 um 12:07 Uhr

Wie tauchen Männer in der Literatur auf? Der Literaturwissenschaftler Toni Tholen forscht über Männlichkeiten in der Literatur. Matthias Friedrich sprach mit dem Professor über männliche Gefühle und Widersprüche zwischen familiärer und schriftstellerischer Existenz.

„Die literarische Moderne lebt von der Selbstentgrenzung männlicher Künstlersubjekte. Vielleicht ist die Literatur gerade deshalb so spannend, weil sie von ausufernden Projekten der Selbstentblößung handelt und sie in Szene setzt", sagt Professor Toni Tholen. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Welche Bedeutung hat die Männlichkeitsforschung im Zusammenhang mit Gender- und Literaturwissenschaft?

Toni Tholen: Die Männlichkeitsforschung hat sich als Teilgebiet der mittlerweile sehr ausdifferenzierten Geschlechterforschung entwickelt. Das Interessante daran ist, dass sie von Anfang an wie die gesamte Geschlechterforschung inter- und transdisziplinär ausgerichtet war – das heißt, dass man, wenn man in diesem Gebiet tätig ist, von vornherein nicht nur als Literaturwissenschaftler, sondern ständig auch mit Ansätzen aus angrenzenden Wissenschaften, insbesondere aus der Soziologie, der Erziehungswissenschaft, aber auch der Geschichte oder mit anderen Literaturen zu tun hat. Meiner Ansicht nach bietet die Männlichkeitsforschung drei anregende Möglichkeiten: Erstens kann das ‚Geschlecht‘, und damit auch die ‚Männlichkeit‘, wesentlich differenzierter untersucht werden, als das vorher in der älteren Forschung der Fall war. Damit ergibt sich die Möglichkeit, auch Geschlechterverhältnisse insgesamt differenzierter zu erforschen, in einer relationalen Perspektive. Zweitens erwiesen schon die ersten Studien aus der angloamerikanischen Forschung, dass Männlichkeit nicht mehr monolithisch zu betrachten sei – also etwa unter Stichwörtern wie ‚Patriarchat‘ und ‚der Mann‘, ‚das Subjekt‘. Dadurch wurde es möglich, Männlichkeit im Plural zu denken. Drittens begannen nach und nach auch immer mehr männliche Forscher, sich mit Aspekten von Geschlecht und Männlichkeit zu beschäftigen, was zur Folge hatte, dass sie sich auch dem anderen, dem zweiten Geschlecht, stärker geöffnet hat, wiewohl man sagen muss, zumindest in der germanistischen Literaturwissenschaft noch immer ein überschaubares Feld ist. In anderen Disziplinen ist man schon weiter. Allerdings hat seit der Jahrtausendwende die Forschung auch in der Germanistik spürbar an Fahrt aufgenommen. Es liegen mittlerweile sehr interessante Studien vor, ausgehend vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Übrigens wird auch im kommenden Jahr im Metzler-Verlag ein interdisziplinäres Handbuch ‚Männlichkeit‘ erscheinen. Darin sind die Literaturwissenschaften prominent vertreten.

Zurzeit gibt es ein äußerst prominentes Beispiel, inwiefern das Problem der Männlichkeit auf literarischer Ebene verhandelt werden kann – Karl Ove Knausgårds monumentaler, autobiographisch orientierter Romanzyklus „Min Kamp" („Mein Kampf“), der in seinem zweiten Teil „Lieben" unter anderem auch auf die Dichotomie zwischen Schreiben und Familie eingeht. Knausgård sieht sein Problem vor allem darin, dass er kaum zum Schreiben kommt, weil das Familienleben ihn zu sehr beansprucht. Inwiefern kann sich in dieser Zerrissenheit das Schreiben innerhalb der bzw. über die eigene Familie als literarischer Akt der Wahrnehmung gestalten?

Knausgård berührt ein sehr aktuelles Thema in der Männlichkeitsforschung, nämlich den Widerspruch, der zwischen der familiären und der schriftstellerischen Existenz liegt. Die literarische Wahrnehmung dieses Konflikts kennzeichnet sich durch einen in diesem Text sehr extensiv vorhandenen Gegensatz: Einerseits versteht sich Knausgård sehr ernsthaft als Familienvater und auch als Ehemann; er stellt seine Erfahrungen in der oftmals banalen Alltagswirklichkeit dar. Von dort aus kann er ästhetische Wahrnehmungen beschreiben, die in dieser Form noch nicht oder kaum thematisiert worden sind. Wir haben es andererseits mit einem Schriftsteller zu tun, der die Bedingungen seiner Produktion in dem Raum des autonomen, einsamen Schreibens sieht. Denn er braucht nach wie vor die Distanz zu allen familiären und sozialen Kontakten. Damit folgt er der traditionellen, männlichen Ästhetik des autonomen Schaffens. Es geht darum, in diesen beiden Sphären gleichzeitig leben und arbeiten zu wollen. Der ganze Roman besteht aus diesem Konflikt: Wo soll ich eigentlich sein?

Man könnte sagen, die neue ästhetische Wahrnehmung, die in diesem Buch dargestellt wird, ist eine, die die Verortung und Verzeitlichung dieses schreibenden, männlichen Subjekts zum Thema hat. Eigener Raum, geteilter Raum – eigene Zeit, geteilte Zeit: Darin liegt meiner Meinung nach die Grundpolarität dieses Romans.

Knausgård verfolgt mit seinem monumentalen autobiographischen Erzählprojekt einen dezidiert emotionalen Schreibansatz. Ist dieser Ausgangspunkt Ihrer Meinung nach ein Indiz dafür, dass er das „postmoderne Verschwinden des Subjekts", welches Sie in Ihrem Artikel über die „Krise der Männlichkeit" angedeutet haben, aufhalten möchte?

In gewisser Weise kann man sagen, dass er – wie auch andere – an einer nachpostmodernen Schreibweise beteiligt ist, die das ganz konkret leiblich erfahrende und schreibende Subjekt wieder in den Vordergrund rückt. Man könnte das vielleicht auch als eine neuartige Existenzialisierung des schreibenden Ichs bezeichnen. Man muss aber auch hervorheben, dass die traditionelle Auffassung des autonomen Autorsubjekts in dem eben genannten Konflikt zwischen Familie und Schreiben verblasst und damit die in der Postmoderne stark gemachte Kategorie des Verschwindens nicht ganz unerheblich ist. Ich würde schon sagen, dass diese Art des Schreibens womöglich eine neue Form der männlichen Subjektivität hervorbringen wird. Auf keinen Fall würde ich davon sprechen, dass wir es mit einer Wiederaufrichtung des traditionellen männlichen Ichs zu tun haben werden. Das Konzept von Autonomie, wie es noch in den Fünfzigern beispielsweise von Gottfried Benn propagiert worden ist, ist verblasst und wandelt sich.

Das Problem an Knausgårds Schreiben ist vor allem, dass Geschlechterbeziehungen eine Projektionsfläche für Männlichkeit darstellen, die im schlimmsten Fall weibliche Figuren zu Nebendarstellerinnen in einem narzisstischen Plan macht – nämlich dem Kampf, den der Autor mit sich selbst führt. Wie weit kann Ihrer Meinung nach ein Schriftsteller mit einem solchen Projekt überhaupt gehen? Gerät sein eigentlicher Vorsatz – nämlich das Emotionale als Kategorie für Männlichkeit wieder in die Literatur einzuführen – nicht zu schnell unter den Verdacht des Chauvinismus?

Einerseits ist Chauvinismus in diesem Schreibprojekt schon enthalten. Ich denke vor allem an Passagen, in denen Knausgård an einer sehr traditionellen männlichen Ästhetik festhält. Zum Beispiel redet er mit seinem Freund Geir über das Schreiben, wobei fast reaktionäre Muster bedient werden, die etwas Chauvinistisches haben. Das ist ein wenig archaisch – dann kommen wieder solche Vorstellungen von Männlichkeit und Ehre, Männlichkeit und Gewalt. Denn der Freund ist auch Autor und schreibt über Boxerclubs und die archaischen Männlichkeitsvorstellungen, die dort gepflegt werden. Auch die Namen der Schriftsteller, die Knausgård beeinflusst haben – von Nietzsche bis Cioran – rufen traditionelle Vorstellungen auf den Plan. Bezeichnenderweise eröffnen gerade die Passagen homosoziale Räume, in denen Frauen absolut ausgeschlossen sind.

Andererseits muss man jedoch sagen – und das halte ich diesem Roman zugute -, dass er auf dieser Ebene sehr gespalten ist, beispielsweise da, wo Knausgård sehr zärtlich über seine Kinder schreibt oder seine Frau als schreibende Intellektuelle anerkennt. Das ist nicht für viele männliche Autoren selbstverständlich, bei denen Frauen nur dann Erwähnung finden, wenn es um Fragen von Schöpfertum und Kreativität geht. Manchmal scheint das in diesem Roman ein wenig unterzugehen, weil man sich zwischendurch auf die chauvinistischen Passagen einschießt, aber wenn man genau hinschaut, verwendet Knausgård viel Platz dafür, die Erfahrungen mit seiner Frau und seinen Kindern darzustellen, was dann wieder Rückwirkungen auf sein Schreiben hat.

Von daher möchte ich betonen, dass wir es hier mit einem sehr widersprüchlichen Projekt zu tun haben; ich würde es nicht einseitig als chauvinistisch bewerten. Wenn Sie fragen, wie weit ein Autor gehen kann, dann kann ich nur sagen: soweit er will – die literarische Moderne lebt ja geradezu von der Selbstentgrenzung männlicher Künstlersubjekte. Natürlich kann man das von einem bestimmten Punkt schrecklich oder obszön finden, aber auf der anderen Seite können wir als Leser aus diesen permanenten künstlerischen Exzessen etwas lernen. Gerade bei Knausgård ist es aber so, dass wir ambivalente Erfahrungen machen. Vielleicht ist die Literatur gerade deshalb so spannend, weil sie von solchen ausufernden Projekten der Selbstentblößung handelt, sie in Szene setzt ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten einzelner Rezipienten.

Die Fragen stellte Matthias Friedrich. Er studiert „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ an der Universität Hildesheim.

Wie Männlichkeiten in der Literatur dargestellt werden untersucht Toni Tholen. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Zur Person

Toni Tholen lehrt am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Hildesheim. Sein Artikel über Karl Ove Knausgård ist Teil seines neuen Buches „Männlichkeiten in der Literatur“, das 2015 im transcript-Verlag (Bielefeld) erscheinen wird. Der Literaturwissenschaftler erforscht Männlichkeit in der Literatur nach 1945. 2013 erschien der Band „Literarische Männlichkeiten und Emotionen".

Erstellt von Pressestelle, Interview: Matthias Friedrich