Musikforschung aus aller Welt: Internationaler Doktorand*innen Workshop der Musikethnologie

Montag, 24. Juni 2024 um 16:00 Uhr

Vom 18. bis 21. Juni kamen 18 Doktorand*innen der Musikethnologie aus verschiedenen Teilen der Welt zusammen, um in Hildesheim am „Fourteenth International Doctoral Workshop in Ethnomusicology“ teilzunehmen und über ihre Forschungsthemen zu berichten. Keynote-Speaker*innen waren in diesem Jahr Prof. Dr. Olha Kolomyyets von der Lviv Universität in der Ukraine und Prof. Dr. Boyu Zhang von der Chinesischen Universität Hongkong (Shenzhen).

Prof. Dr. Boyu Zhang wünscht sich für Studierende, dass sie Musik aus aller Welt erforschen können, unabhängig von ihrer Herkunft. Er selbst motiviert seine Student*innen dazu, Musik über ihre eigene Kultur hinaus zu erfahren und auszuprobieren. In seiner Forschung untersucht er die Funktionen von Musik in der Gesellschaft. „Ich schaue mir Musik aus verschiedenen Bereichen an und versuche, eine Verbindung zwischen diesen herzustellen. Was bedeutet Musik für Menschen auf der ganzen Welt?  Welche soziale Bedeutung hat sie? Welche gesellschaftlichen Rollen stecken dahinter? Auf diese Fragen versuche ich Antworten zu finden und reise viel durch die Welt, um internationale Verbindungen zu schaffen. Ich bin zum Beispiel nach Indien gereist, um die historischen Verbindungen zwischen China und Indien zu erforschen. Einen Workshop wie diesen habe ich mir für meine Student*innen daher immer gewünscht.“

Prof. Dr. Olha Kolomyyets fokussiert sich vor allem auf den historischen Aspekt von Musik im nationalen Kontext der Ukraine, der durch traditionelle Volkslieder erhalten bleibt, denn Musik schafft eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. „Musikethnologie spielt eine große Rolle bei der Bewahrung der Identität von Menschen, denn selbst wenn Menschen ihre Muttersprache nicht mehr benutzen können, so wird diese Identität doch in der Musik und in Liedern bewahrt, das kann bei der Analyse bestimmter Melodien oder Rhythmen wiedererkannt werden. Somit ist es möglich, aus Musik zu lernen, auch ohne Sprache. Ich denke, das ist es, was die Musikethnolog:innen taten, als sie diese Disziplin entwickelten. Sie dokumentierten ihre Geschichte über die Musik“, erklärt Dr. Olha Kolomyyets, unter anderem in ihrer Keynote-Lecture „Singing the History, Exploring the Nation: Ethnomusicology in Ukraine and Its Songs Through the Times of Resistance“.

Woran forschen die Teilnehmer*innen?

Eduardo Falcão ist einer der 18 Teilnehmer*innen des Workshops. Er ist in Brasilien geboren und hat Familie in Indien. In seiner Dissertation „Songbooks in Goa: Musical Representations from Colonial to Digital“ untersucht er, wie Liederbücher die Konstruktion musikalischer Kanons im Bundesstaat Goa, Indien, beeinflussen und wie diese gestaltet werden. Die Arbeit basiert auf Feldforschung, die über zwei Jahre hinweg in Goa durchgeführt wurde. Eduardo Falcãos Leidenschaft für Musikethnologie entwickelte sich 2017, als er das Masterstudium Fado-Musik begann und nach Portugal kam. Während seiner Forschungsarbeiten für seine Masterarbeit ließ er sich von dem Musikstil Fado begeistern. Er lernte Fado spielen, war aber gleichzeitig daran interessiert, mehr über die Musik und ihr kulturelles Erbe zu erfahren. „Ich denke, es ist wichtig, dass Studierende die Möglichkeit bekommen, an Universitäten zu gehen und mit vielfältigen musikalischen Praktiken in Kontakt zu kommen. Alle musikalischen Praktiken sind es wert, studiert zu werden und ich denke, die Musikethnologie schafft den Rahmen für interkulturelle Perspektiven in der Musik“, sagt Eduardo Falcão.

Am Ende des Doktorand:innen-Workshops konnte Eduardo Falcão viel Neues für seine Forschung mitnehmen. Besonders spannend fand er die unterschiedlichen Perspektiven und Themen über Musikethnologie, die während des Workshops aufeinandertrafen; gleichzeitig wurde ein internationaler Austausch über das gemeinsame Interesse an musikalischen Praktiken ermöglicht. 

Ein nachhaltiges Erfolgskonzept

Seit 14 Jahren besteht der Doktorand*innen Workshop als Kooperationsveranstaltung zwischen der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und der Universität Hildesheim in Verbindung mit dem Center for World Music. Initiiert wurde der Workshop damals von Prof. Dr. Raimund Vogels vom CWM und Prof. Dr. Philip V. Bohlman von der Universität Chicago, um das Fach Musikethnologie besser zu repräsentieren und den Austausch zwischen den lokalen Promotionsstudierenden und den internationalen Studierenden zu fördern. Bisher haben über 200 Doktorand*innen an den Workshops teilgenommen.  „Uns ist es wichtig, dass die Gruppe der Teilnehmenden divers ist. Unterschiedliche Nationalitäten, Themenvielfalt und Genderparitäten spielen bei der Auswahl der Teilnehmer*innen eine Rolle. Viele von ihnen arbeiten mittlerweile auf festen Stellen und haben Professuren inne. Durch den intensiven Austausch, der über vier Tage ermöglicht wird, haben sich auch über das Treffen hinaus Freundschaften entwickelt und ein internationales Netzwerk ist entstanden. Der Workshop gilt mittlerweile als Aushängeschild für die Universität Hildesheim innerhalb der internationalen musikethnologischen Fachcommunity“, erklärt Organisator Dr. Michael Fuhr vom CWM.


Prof. Dr. Boyu Zhang ist als Keynotespeaker beim Workshop dabei. Foto: Laura-Marina Bade

Prof. Dr. Olha Kolomyyets ist Keynotespeakerin beim Workshop. Foto: Laura-Marina Bade

Eduardo Falcão mit seinem Instrument, der Cavaquinho. Foto: Laura-Marina Bade

Gruppenfoto. Foto: Anne-Sophie Malessa