Musik – mehr als Unterhaltung

Montag, 26. Oktober 2015 um 13:55 Uhr

Ein Team vom Center for World Music der Uni Hildesheim setzt auf die verbindende Kraft der Klänge und bildet Fachleute aus, um die musikalische Vielfalt zu erhalten. Bisher haben Lehrerinnen, Musiker, Sozialpädagogen, ein Polizist und Kulturmanagerinnen im bundesweit besonderen Studienprogramm „musik.welt“ studiert. Rhythmus, Tempo, Melodie: Musik kann mehr sein als ein schöner Hintergrundklang.

Wer sich im Stadtteil umhört, welche Rolle Musik im Leben spielt, der kann große Emotionen und strahlende Augen erleben. Für Jananan aus Hildesheim gehört der wöchentliche Musikunterricht in einem tamilischen Bildungsverein zum Alltag. Seine Eltern dokumentieren das Musikspiel und den Tanz der Geschwister auf einem tablet-Computer. Der Schüler erlernt das Instrument Mridangam, eine Trommel, die halb so groß ist wie er. Seine Familie floh wegen eines Bürgerkriegs in Sri Lanka nach Deutschland.

Einige Straßen weiter, im Center for World Music, dreht sich der Alltag ebenfalls täglich um Musik. Welche Klänge in den Räumen erklingen? Alle. Über viele Ecken erreichte Raimund Vogels, der das Hildesheimer Forschungszentrum leitet, neulich eine Anfrage eines jungen Mannes aus Syrien. Er konnte sein Instrument, eine Oud, auf der Flucht nicht mitnehmen. Nun, angekommen in Deutschland, sucht er ein Instrument – er vermisst die vertrauten Klänge. „An einem Musikinstrument kann man sich nicht nur im sprichwörtlichen Sinne tatsächlich festhalten, es kann schlicht helfen, Gefühle von Heimweh und Zukunftssorgen zu mildern“, sagt Vogels.

Und im Norden Hildesheims, in einem Industriegebiet mit wenig Anbindung zur Stadt, erleben Sozialarbeiter in diesen Tagen die Kraft der Musik in einer Erstaufnahmestelle für etwa 150 Flüchtlinge. Es ist ein Ort, an dem Menschen, die geflohen sind, das erste Mal mit Deutschland in Kontakt kommen und registriert werden. Es fehlt an Gelegenheiten zum Sprachenlernen und Zusammenkommen, die Tage bestehen aus Warten, Essen, Schlafen. Doch manchmal singen sie alle zusammen, berichtet einer der Sozialarbeiter. „Das kommt super an. Auch Stunden danach summen manche weiter. Wir müssen alle Sinne, alle Sensoren anschalten, um uns zu verständigen. Das geht."

Einige Kilometer weiter, in Hannover, arbeitet eine junge Frau mit dem „natürlichen Instrument des Menschen“ – der Stimme. „Wir singen. Musik berührt uns, egal wie viel Deutsch man spricht", sagt Tinatin Tsereteli über ihre Arbeit an Kitas und Grundschulen. Die Kinder summen die Melodie, sie sprechen im Rhythmus mit. Wenn sie „Der, die, das, wer, wie was", das Lied aus der Sesamstraße, singen, dann bewegen sich die Kleinen dabei im Raum und suchen nebenbei Gegenstände für den Artikel „der“. Tinatin Tsereteli erinnert sich an zwei pakistanische Mädchen: „Sie haben in Pakistan nie gesungen, kannten keine Kinderlieder." In einigen Ländern ist Musik verboten. Tsereteli kommt nicht aus dem Staunen heraus, was die Kinder können. „Sie wollen lernen und alles wie ein Schwamm aufsaugen. Wir müssen ihnen nur die Chancen geben", sagt die 32-Jährige.

Als Zehnjährige kam Tinatin Tsereteli mit ihrer Familie nach Deutschland, sie erinnert sich an ihre Zeit im Flüchtlingsheim: „Wenn ich allein war, bin ich eingetaucht in meine Musikwelt. In Georgien habe ich Klavier- und Geigenunterricht gehabt. In Deutschland hatte ich kein Instrument, wir hatten ein Zimmer für die ganze Familie. Aus meiner Not heraus habe ich den Gesang für mich entdeckt.“

Tinatin Tsereteli ist eine der bisher etwa 50 musik.welt-Studierenden. Die Universität Hildesheim sucht derzeit wieder bundesweit Lehrerinnen, Erzieher, Sozialpädagogen, Musikerinnen oder andere Berufstätige, die die Kraft der Musik in ihrem Arbeitsumfeld – zum Beispiel in Kitas, Schulen, Stadtteilen, Flüchtlingsunterkünften und Jugendzentren – aufgreifen wollen. Wer sich für ein berufsbegleitendes Studium interessiert, kann sich bis zum 1. November 2015 bewerben. „Wir stellen uns den gesellschaftlichen Herausforderungen. Musik ist besonders geeignet, um integrativ und sozial zu wirken“, sagt Morena Piro, die den Studiengang „musik.welt – kulturelle Diversität in der musikalischen Bildung“ mit aufgebaut hat. Eine der Absolventinnen, Esin Savas, hat zuvor an der Supermarktkasse gearbeitet. Dabei hat sie ihr Leben lang musiziert, sich einen Fundus an musikalischen Fähigkeiten selbst erarbeitet. Dann wurde sie auf das Studium aufmerksam, mittlerweile ist Savas Integrationsbeauftragte der Stadt Peine – und weiß, welche Stärke im gemeinsamen Musizieren liegen kann.

„Wir wollen Multiplikatoren ausbilden, die in ihrem Umfeld mit Musik arbeiten. Eine Referentin der Landesmusikakademie Niedersachsen, die bei uns studiert hat, hat zum Beispiel dafür gesorgt, dass landesweit Fortbildungen zum Umgang mit musikalischer Vielfalt für Erzieher und Lehrer angeboten werden. In den zwei Studienjahren arbeiten wir vor allem auch an der Haltung: Was ist es Wert, vermittelt zu werden? Welche Musik findet Anerkennung? Für viele ist eine Opernsängerin mindestens so exotisch wie eine Didgeridoo-Spielerin. Ästhetik, Bedeutung und Wertigkeit von verschiedenen Musikformen beruht allein auf gesellschaftlichem Konsens und Zuschreibungen. Es geht darum, die musikalische Vielfalt aufzugreifen, wertzuschätzen, sie soll nicht verloren gehen“, sagt Morena Piro.

In Digitalisierungsprojekten sichern die Hildesheimer Musikethnologen Musikarchive weltweit, unter anderem in Ägypten, derzeit in Iran und Nigeria. Das Team um Professor Raimund Vogels bewahrt mit Partnern vor Ort Klangarchive. In Teheran dokumentieren sie derzeit 100 Jahre Musikgeschichte auf Schallplatten, darunter die ersten Aufnahmen iranischer Sängerinnen – die Klänge sollen aber nicht im Archiv versteckt werden. Derzeit arbeiten sie, mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes, der Stiftung Niedersachsen und der Volkswagen Stiftung, an Wegen, die Klänge weltweit online recherchierbar und damit zugänglich zu machen. Schulen, Forscher und Musikstudierende können mit dem Material arbeiten. Neben diesen digitalen Klängen können die Studierenden auf eine Sammlung von über 4000 Musikinstrumenten zurückgreifen: eine Kamancheh und Oud aus der Türkei, eine Tar aus Ägypten, eine Gitarre aus Namibia, eine Balalaika aus Russland. Hinzu kommt ein Netzwerk an Partnern und Instrumentallehrern, denn im Studium erlernt jeder Student ein Musikinstrument aus einem anderen Kulturkreis zu spielen. Die musik.welt-Studierenden setzen sich dafür ein, die Musik „in den Herzen und Köpfen zu bewahren“, sagt Morena Piro.

Die Universität Hildesheim sucht derzeit auch Schulen in Deutschland, die sich für die Themen „Musik verbindet“ und „kulturelle Vielfalt“ interessieren. Das Forschungszentrum erhält regelmäßig Anfragen von Schulen und berät diese: Was können wir tun, wie können wir mehr Musik in ein Klassenzimmer holen? Wie kann Musik Jugendliche verbinden? In Hildesheim werden neben dem berufsbegleitenden Studiengang auch Lehramtsstudierende ausgebildet, die Musik an Grund-, Haupt- und Realschulen unterrichten.

Info: Musik studieren: Bewerbungsphase läuft

Eine Rahmentrommel. Im Musikstudium kommt die Sammlung Irle zum Einsatz. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Musik kann Menschen aus unterschiedlichen Ländern trennen – oder verbinden. Wer in Hildesheim Musik studiert, erlernt eine „fremde“ musikkulturelle Sprache. In Wohnzimmern, Stadtteilen und Schulen gibt es mehr Klänge als Klavier, Gitarre und Flöte. Doch Rhythmen, die Bağlama, Balalaika und Mbira erzeugen, werden kaum wahrgenommen. Der Kanon in Schulen ist meist auf europäische Instrumente und wenige Werke reduziert.

Der berufsbegleitende zweijährige Studiengang „musik.welt – Kulturelle Diversität in der musikalischen Bildung“ soll dies ändern, Multiplikatoren ausbilden und interkulturelle Musikprojekte vor Ort entwickeln. Derzeit studieren Tontechniker, freie Musiker, Erzieherinnen, Lehrer, Konzertveranstalter, Musikschulleiter, Sozialpädagoginnen und ein Polizist an der Universität Hildesheim. Sie kommen einmal im Monat aus Berlin, Dortmund, Zürich, Oberhausen, Hannover und aus niedersächsischen Kleinstädten nach Hildesheim. Einige der 20- bis 60-jährigen Studierenden sind in der Türkei, Iran, Marokko oder Russland aufgewachsen. Die Stiftung Niedersachsen unterstützt das berufsbegleitende Studienprogramm „musik.welt“ an der Universität Hildesheim.

Der Studiengang wird fortgeführt und startet nun in die dritte Runde. Der Studiengang wendet sich an alle, die Kompetenzen erlangen möchten, um das Potential der Musik umfassend in der täglichen Arbeit nutzen zu können. Interessierte können sich um einen Studienplatz bis zum 1. November 2015 bewerben. Das Studium beginnt im Januar 2016. Es besteht die Möglichkeit auf Zertifikat zu studieren. Ein Bachelor-Abschluss oder Ähnliches ist dann nicht erforderlich. Wer finanzielle Unterstützung benötigt, dem hilft die Universität bei der Beantragung. Interessierte können sich mit Fragen an Morena Piro wenden (piro@musikwelt-niedersachsen.de).

Der Hörsaal im Center for World Music ist ungewöhnlich – ein ehemaliger Kirchenraum mit etwa 3000 Musikinstrumenten aus allen Erdteilen aus der Sammlung Irle. Studierende lernen inmitten einer der größten privaten Sammlungen außereuropäischer Instrumente. Und sie gehen raus, in die Stadtteile, in Wohnzimmer, in Schulen und setzen dort Praxisprojekte um. Jeder Student erlernt außerdem ein Instrument: Wer bisher ein Schlagzeug spielt, lernt nun auch, die Kora zu spielen. Wer bisher die Saz erklingen lässt, spielt nun auch Cello. Die Studierenden erlernen eine „musikalische Fremdsprache“, sagt Professor Raimund Vogels. „Musik ist eine emotionale Kraft – sie kann Verständigung fördern aber auch trennend wirken und wird in Konflikten eingesetzt. Musik läuft nicht nur nebenher, sie ist nicht nur Unterhaltung", sagt Vogels.

Wer sich vor Ort einen Eindruck verschaffen möchte, kann am Samstag, 31. Oktober 2015, in der Universität vorbeikommen. Am Center for World Music (Schillstraße/Ecke Timotheusplatz, 31141 Hildesheim) zeigen Studierende aus dem aktuellen Jahrgang ihr Können. Das Konzert mit Gespräch findet von 18:00 bis 20:00 Uhr statt. Einer der Musikstudenten, der unter anderem bereits Stücke für die Berliner Philharmonie komponierte, hat für das Hildesheimer musik.welt-Ensemble eine Komposition geschrieben, die erstmals erklingt. Ab 10:00 Uhr proben die Musikstudierenden.

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, 05121.883-90100, presse@uni-hildesheim.de).


Die Universität Hildesheim sucht bundesweit Fachleute, die in Schulen und Kindergärten, in der Flüchtlingshilfe, im Kulturmanagement sowie in Stadtteilen arbeiten und sich mit kultureller Vielfalt befassen. Das „musik.welt“-Studium ist berufsbegleitend, die Studierenden kommen etwa einmal im Monat an der Universität zusammen. Im Studium kommt die Sammlung Irle mit etwa 4500 Instrumenten zum Einsatz. Das Team um Professor Raimund Vogels sichert und digitalisiert auch Musikarchive in Ägypten, Iran und Nigeria und macht diese mit Partnern vor Ort Musikinteressierten zugänglich. Fotos: Morena Piro, Isa Lange/Uni Hildesheim