Musik als Möglichkeit, Zeugnis von Gemeinsamkeit und Vielfalt

Montag, 13. Juli 2020 um 17:43 Uhr

Im Juli werden gleich zwei Mal verschiedene Orte der Stadt von Studierenden des Musikinstituts der Universität Hildesheim bespielt. Wie Musik gleichzeitig Zeugnis von Gemeinsamkeit und Vielfalt sein kann und welche Wege gefunden wurden, auch während der Coronavirus-Pandemie musikalische Erlebnisse zu kreieren; darüber sprechen die Studierenden Max Krause, Mira Heller und Laura Wenzlaff im Interview.

Autorin dieses Artikels ist die Studentin Jorinde Markert.

Konzert „Lebenskarussell“ am 18. Juli 2020: Musikalische Erkundungen in einer transkulturellen Welt. Eine Klanginstallation.

Die Suche nach verbindenden Elementen von fernem und nahem, altem und neuem musikalischem Material war Ausgangspunkt für dieses Semesterprojekt unter der Leitung von Jan Hellwig und Ulrich Wegner. In einer Installation werden Berichte von persönlichen Erfahrungen zusammengebracht mit musikalischen Klängen aus verschiedenen Teilen der Welt.

Am Konzert wirken Valentin Graser, Mira Heller, David Kammermeier, Max Krause, Sophie Renner, Max Schneider, Elsa Vogels und Laura Wenzlaff mit. Das Konzert Lebenskarussell findet statt am 18. Juli 2020 um 16:00 Uhr im Dommuseum Hildesheim. Der Eintritt ist frei.

Interview mit den Studentinnen Mira Heller und Laura Wenzlaff

„Der Großteil unseres Projekts 'Lebenskarussell' hat sich in Onlinemeetings abgespielt. Der kreative Prozess wurde damit auf eineungewohnte Ebene gehoben, der sich rückblickend als sehr erfahrungsreich erwiesen hat. Der Begriff Lebenskarussell kommt von der Idee der verschiedenen Stationen, die jeder Mensch in seinem Leben durchläuft – egal, woher er kommt. Kindheit, Jugend, Heimat, Liebe,...“

Seit wann arbeitet ihr an dem Projekt und wie kam es dazu?

Das Sommersemester 2020 sollte ursprünglich das Projektsemester der kulturwissenschaftlichen Studiengänge werden. Aufgrund der aktuellen Situation wurde dies abgesagt. Unsere Musikdozenten Jan Hellwig und Ulrich Wegner bastelten ihre Idee des Projektsemesters in ein Seminar und eine Übung, mit dem Titel „Rewind-Play.Fast Forward“. Wir arbeiten also an dem Projekt schon das gesamte Semester. Unsere Ergebnisse und unsere Arbeit dieser Übung halten wir fest und präsentieren sie am 18. Juli 2020 im Dommuseum als eine Klanginstallation, diese trägt den Titel „Lebenskarussell“.

Wie habt ihr das Material erschlossen, nach welchen Kriterien ausgewählt?

Das Projekt versucht, transkulturelles Material zu erstellen und mit dem Gedanken eines „Culturalsoundmappings“ zu arbeiten. Ausgangspunkt der Arbeit waren die Aufnahmen aus dem Südirak in den 1978er, die im Rahmen der Feldforschung vom Musikethnologen Ulrich Wegner entstanden sind. Die Frage ist also, wie kann man sie durch Bearbeitung in eine neue Umgebung einbetten oder wie kann man diese Musik wieder neu aufleben lassen. Kriterien waren, dass die inhaltliche Bedeutung beibehalten wird und dass die Auswahl nicht nur aus rein musikalischen Gründen stattgefunden hat. Die Einbettung in ein neues musikalisches Umfeld findet dabei mit eigenen Texten und selbst komponierter Musik statt. Wir haben für uns selbst erschlossen, was es heißt in einer transkulturellen Welt zu leben und dabei gemerkt, wie sehr wir mit anderen Menschen auf anderen Teilen der Welt vernetzt sind. Dieser Umstand sollte ebenso individuell zur Geltung kommen. Also haben Freunde aus Ägypten, Tunesien, Indien, Afghanistan ebenso kleine Musik Soundschnipsel beigesteuert oder Gedichte längst vergangener Dichter rezitiert.

Wie kommt es zu dem Titel „Lebenskarussell“ – wird das Leben sich hier als kreisende Bewe-gung vorgestellt? Findet sich die Idee „Karussell“ auch in der Strukturierung der Installation wieder?

Der Begriff ,,Lebenskarussell" kommt von der Idee der verschiedenen Stationen, die jeder Mensch in seinem Leben durchläuft - egal, woher er kommt. Kindheit, Jugend, Heimat, Liebe,... Das sind auch wiederkehrende Themen, daher das Bild des Karussells. Diese verschiedenen Stationen können dann in der Klanginstallation gehört und erfahren werden. Jede Sounddatei ist einem Lebensthema zugeordnet. Wiederkehrend ist ein gutes Stichwort. Schließlich erlebt man ja auch mehrmals Liebe oder anderer Gefühle in seinem Leben. Das Karussell wird sich teilweise in der Strukturierung der Installation wiederfinden.

Im Infotext zum Projekt heißt es, ihr sucht nach „verbindenden Elementen“ – habt ihr welche gefunden? In welcher Form?

Uns ist aufgefallen, dass die Themen, die in unserem Material aus dem Irak der 1970er Jahre behandelt und verarbeitet werden uns teilweise gar nicht so fremd sind. Liebeslieder, Hoch-zeitsmusik oder Trauergesänge finden sich sowohl in unseren als auch in anderen Kulturen wieder. Die Musik klingt natürlich sehr verschieden. Manchmal wirkt sie fremd auf westlich geprägte Ohren. Die Quellen, also die Themen, um die sich die Stücke aber drehen ist die gleiche über Kulturen hinweg. Daran wollten wir anknüpfen. Jeder und jede von uns hat das auf seine und ihre individuelle Art weitergesponnen. Jede/r hat seinen/ihren individuellen Zugang zu den Materialien gefunden. Unser Konzert besteht also nicht aus einem einzigen Endprodukt, sondern aus der Zusammensetzung und das Zusammenspiel der verschiedenen Ergebnisse.

Wie hat sich die aktuelle Krisenlage auf die Arbeit am Projekt ausgewirkt – ergaben sich Hindernisse oder auch neue Perspektiven?

Der Großteil unseres Projekts hat sich in Onlinemeetings abgespielt. Für alle Beteiligten ergab sich so eine neue Lernsituation und neue Herausforderungen. Der kreative Prozess wurde damit auf eine ganz andere und ungewohnte Ebene gehoben, der sich rückblickend aber als sehr interessant und erfahrungsreich erwiesen hat.

Laura Wenzlaff: Zum Beispiel hatte ich persönlich bisher nur Live-Musik praktiziert. Das Arbeiten mit den Sounddateien und die Produktion von Musik in Audioprogrammen haben die Möglichkeiten meiner eigenen künstlerischen Arbeit immens erweitert.

Die Fragen stellte Jorinde Markert.

-------

Wandelkonzert

Am 12. Juli 2020 findet zum 24. Mal das Wandelkonzert statt – diesmal mit dem Titel „live • digital“. Um 14:14 Uhr startet das Programm am ersten der fünf Spielorte, dem Marktplatz Hildesheim. Von dort geht es weiter zur Kirche am heiligen Kreuz, dem Dom Museum, der Michaeliskirche und dem Roemer- und Pelizaeus-Museum. Eine kleine Reise durch die Stadt, die gleichzeitig auch auf eine eine Durchquerung durch die Stadien des antiken Dramas und der Krisenlage der letzten Monate mitnehmen möchte. Der Eintritt ist frei.

Das „Bühne frei!“-Team 2020 besteht aus Fabian Hoffmann, Max Krause und dem Musikdozenten Jan Hellwig. Die Aufführungen finden statt um:

  • 14:14 Uhr – Marktplatz Hildesheim
  • 15:15 Uhr - Kirche zum Heiligen Kreuz (Video)
  • 16:16 Uhr – Dommuseum Hildesheim
  • 17:17 Uhr – Michaeliskirche
  • 19:19 Uhr - Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim

Interview mit Student Max Krause

„Wir haben versucht die Situation, in der wir uns befanden, und immer noch befinden, in einen künstlerischen Rahmen zu integrieren“

Hattet ihr von Anfang an eine klare Vision, welche Art von musikalischem Erlebnis ihr kreieren wollt?

Max Krause: Das Wandelkonzert gestaltet sich mit einem bunten und vielfältigen Programm. Als Team haben wir ein Programm mit einem großen kulturellen Spektrum zusammengestellt. Dieser Wunsch bestand bei uns schon früh im Seminar. Die Rahmenbedingungen waren jedoch durch die COVID-19-Situation von Anfang an nicht komplett klar, da es wöchentlich neue Informationen zur Durchführung von Veranstaltungen gab. Die endgültige Zusage zur Durchführung der Veranstaltung kam erst vor wenigen Wochen.

Das 24. Wandelkonzert findet unter dem Titel „live • digital“ statt – kam euch diese Idee mit der aktuellen Krisenlage, die ja vermehrt gesellschaftliches Geschehen ins Digitale verlagert hat, oder bestand die Idee für das Thema bereits vorher?

Der Bereich „live“ ist bei den Wandelkonzerten bereits seit den Anfängen vorhanden. Das genaue Format „live • digital“ ergab sich im Verlauf des Semesters. Letztendlich sind wir froh darüber, dass schließlich nur ein verhältnismäßig kleiner Teil digital geworden ist (eine von fünf Locations). Der digitale Bereich ist eine situationsbedingte Verlagerung, welche die Vorbereitung für das Wandelkonzert um eine interessante Ebene erweitert hat.

Wie kam es zu der Auswahl und Reihenfolge der Spielorte? Stehen sie in Verbindung zu den Schlagworten, die ihr für eine musikalische Nachzeichnung der Corona-Krise gewählt habt: „Exzentrizität – Ungewissheit – Isolation – Hoffnung auf Erlösung – Katharsis/Verzweiflung“?

Die Schlagworte weisen auf den Verlauf eines klassischen Dramas hin. Wir haben versucht die Situation, in der wir uns befanden, und immer noch befinden, in einen künstlerischen Rahmen zu integrieren. Da die Zahl fünf die Anzahl unserer Stationen darstellt, kamen wir auf dieses dramenorientierte Konzept. Die Beiträge werden sich thematisch an den jeweiligen Themen der Stationen orientieren.

Was für musikalisches Material wird bei dem Konzert zu hören sein? Findet sich das Thema „digital“ auch in der Wahl der musikalischen Mittel wieder?

Das musikalische Material weist eine große Vielfalt auf. Es finden sich klassische Beiträge, zum Beispiel Gitarre, Gesang, Orgel, Klavier und Co., norddeutsche Folkmusik, balinesische Musik, Rap, Metal und vieles mehr. Es gibt Wortbeiträge, komponierte Musik aber auch einen gewissen Anteil an improvisierter Musik, welche im jeweiligen Moment entstehen wird. Im Vorfeld haben wir außerdem verschiedene Videos in der Kreuzkirche aufgezeichnet. Diese werden am Tag des Wandelkonzertes veröffentlicht. Den Besucherinnen und Besucher wird zwischendurch Zeit gelassen, sich die Beiträge im Internet anzuschauen, sodass man sowohl Livemusik hört als auch Videos von Beiträgen einer Location sehen kann. Diese werden dann auf unserer Instagram- und Facebook-Seite zu sehen sein.

Ihr setzt mit dem 24. Konzert dieser Reihe eine längere Tradition fort – was ist für dieses Format wichtig?

Eine Wichtigkeit stellt bei dem Konzert für uns die Repräsentation der Hildesheimer Veran-staltungsorte dar. In Hildesheim gibt es viele Möglichkeiten der kulturellen Teilhabe und diese Orte tragen seit Jahren zur lokalen Kultur bei. Außerdem ist eine kulturelle Vielfalt für uns von Wichtigkeit. Es ist immer interessant neue Musik zu entdecken und zu genießen. Dafür möchten wir beim Wandelkonzert ausreichend Gelegenheit bieten.

Die Fragen stellte Jorinde Markert.


Das Gruppenbild einer digitalen Konferenz zeigt von links nach rechts: Max Schneider, Jan Hellwig, Valentin Graser; Ulrich Wegner, Laura Wenzlaff, David Kammermeier; Sophie Renner, Mira Heller, Elsa Vogels sowie Max Krause, die das Musikkonzert Lebenskarussel im Dom organisieren. Der Student Max Krause (Portraitfoto) hat bereits das Wandelkonzert mitorganisiert.