Moderner Theaterneubau vor mittelalterlicher Kulisse

Dienstag, 18. Mai 2010 um 09:37 Uhr

Grundsteinlegung für den Aus- und Umbau der Domäne Marienburg

Mit der Grundsteinlegung für den Theaterneubau auf der Domäne Marienburg begann am 12. Mai 2010 die Bauphase des anspruchsvollsten Bauprojekts der Stiftung Universität Hildesheim auf der Domäne, die zu den wertvollsten mittelalterlichen Baudenkmälern Norddeutschlands gehört. Der Original-Bausubstanz wird mit dem Umbau wieder zu ihrem alten Glanze verholfen, darüber hinaus erhält das Gelände mit dem Theatergebäude einen beeindruckenden Neubau.

Seit 1993 werden Bereiche der Domäne Marienburg von der Universität Hildesheim genutzt. Nach der Fertigstellung des neuen Hofcafes im März diesen Jahres werden nun durch den großen Aus- und Umbau der Domäne weitere Gebäude – erstmals auch Teile der spätmittelalterlichen Kernburg – für den Fachbereich Kulturwissenschaften und ästhetische Kommunikation hergerichtet. Neben den bereits auf der Domäne vertretenen Instituten wird auch das Institut für Musik und Musikwissenschaften zur Domäne umziehen.

Alt und Neu: Authentizität und Ablesbarkeit
Für dieses besonders anspruchsvolle Bauprojekt konnte die Universität Hildesheim mit der agn Niederberghaus & Partner GmbH, Niederlassung Halle einen kompetenten Partner gewinnen.
Ziel ist die Wiederherstellung des ursprünglichen Charakters der Liegenschaft. Einzelne Epochen sowie die neuen Elemente bleiben in ihrem Charakter authentisch und deutlich ablesbar. Zunächst galt es die ursprüngliche Kernburg durch den Abriss der sogenannten Eishalle wieder freizustellen. Nun folgen sukzessive der Theaterneubau, der Umbau des hochmittelalterlichen Palas zu Seminar- und Veranstaltungsräumen sowie der Umbau von ehemaligen Stallgebäuden zu Seminar- und übungsräumen.

Der Theaterneubau
Der Neubau des Theaters wird bewusst in einer modernen Formensprache entwickelt. Er soll sich sensibel und doch von außen ablesbar in die historische Bebauung der Domäne Marienburg einfügen, seine Proportionen orientieren sich an den Abmessungen des Hohen Hauses – Mittelpunkt der Anlage aus dem 14. Jahrhundert. Zwischen Neu und Alt wird es eine 10 m breite Abstandsfuge geben um das wehrhafte Gebäude wieder voll zur Geltung zu bringen und die Situation des ehemaligen Wassergrabens erlebbarer zu gestalten. Die Fassade des Theaterneubaus besteht aus verschieden tiefen, vertikalen Lamellen, die an einen Theatervorhang erinnern.
An den ca. 200 m² großen Spielraum schließen zweigeschossig Büros und Seminarräume an. Das Gebäude soll in seiner Gesamtheit bespielbar sein. Das Foyer mit Spielraumtreppe und die anschließenden Flure bieten dafür spannende Raumabfolgen.
Alt und Neu miteinander und respektvoll nebeneinander – das ist immer wieder das Thema. Auch bei den Materialien setzt agn auf den selbstbewussten Dialog von Alt und Neu. Das vorpatinierte Kupfer der Fassadenlamellen und der Sichtbeton der Außenwände verschweigen ihre moderne Herkunft nicht und versuchen doch eine Annäherung an die gealterte, steinerne Umgebung. So kommen Materialien zum Tragen, die ihre ästhetik auch unter einer Patina nicht verlieren. Für die Außenwände ist ein monolithischer Dämmbeton geplant - ein Leichtbeton, der durch Blähtonzuschläge die erforderlichen Wärmedämmeigenschaften erreicht. Die monolithische Bauweise bietet neben der konstruktiven Einfachheit und dem daraus resultierenden Verzicht von komplizierten Detailpunkten auch den Vorteil einer Speichermassenträgheit und damit einen verbesserten sommerlichen Wärmeschutz.

Der Umbau des Hohen Hauses
Die sicherlich anspruchsvollste und interessanteste Aufgabe bei dieser Maßnahme ist der Umbau des "Hohen Hauses", Mittelpunkt der mittelalterlichen Marienburg, die 1346 bis 1349 vom Hildesheimer Bischof Heinrich III. von Braunschweig-Lüneburg als Trutzburg gegen die aufbegehrenden Bürger seiner Bischofsstadt erbaut.
Lange Jahre war das Hohe Haus Kornspeicher, daher findet sich im Gebäudeinneren fast ausschließlich noch original mittelalterliche Bausubstanz. Nach behutsamer Sanierung und sorgfältigem Umbau werden hier Seminarrräume für den Fachbereich 2 der Universität Hildesheim entstehen.
Die Bausubstanz des Hohen Hauses ist im Vergleich zu der im Mittelalter vorwiegenden Bauweise ungewöhnlich hochwertig und solide. Die Wände sind 2-3 m stark und nicht, wie damals üblich, innen lediglich verfüllt, sondern schichtweise mit plattigem Material vermauert.

Der Umbau des Palas zu einem besonders anspruchsvollen Gebäude des 21. Jahrhunderts mit einer modernen Nutzung erfordert einige sorgfältig geplante und intensiv mit Denkmalpflege und Bauaufsicht abgestimmte Baumaßnahmen. So wird ein Sicherheitstreppenhaus in das anschließende Querhaus so hineingestellt – von außen kaum wahrnehmbar. Die Funktionen Brandschutz, Schallschutz, Heizung, Lüftung, Statik, die Führung der Installationen und der Erhalt der historischen Deckenbalken werden ausschließlich über die neuen Geschossdecken erfüllt. So sollen die wertvollen mittelalterlichen Putze weitgehend erhalten werden. Entsprechend komplex sind Planung und Einbau. Belle Etage ist das 2. OG, die ehemalige Kapelle mit der Altarnische. Der über 150 m² große Raum soll auch für Veranstaltungen genutzt werden.
Die Umbaumaßnahmen werden bereits vorbereitet. Dabei steht die Baustellenlogistik vor einigen Schwierigkeiten. So müssen mehr als 90 2 Meter lange und 2 t schwere Stahlträger durch die historischen Bestandsfenster in das Gebäude gebracht und innerhalb des Innenraumes transportiert und millimetergenau verlegt werden.

Der Umbau der Stallgebäude
In den ehemaligen Stallgebäuden wird das Musikinstitut untergebracht. Aus dem Ackerpferdestall werden Seminar- und Gruppenräume, der kleinere Füllenstall wird übungsraum für Instrumental- und Gesangsunterricht. Dazu werden mit zweigeschossige Musikübeboxen eingebaut, mit besonderen Anforderungen an Schallschutz und Raumakustik.
Der Umbau der Stallgebäude hat bereits begonnen, die Entkernung ist bereits abgeschlossen. Leider konnten in den Pferdeställen – im Gegensatz zum Hohen Haus – die Holzkonstruktionen des Dachstuhls und der Geschossdecke nicht erhalten werden, sie waren bereits zu stark geschädigt.