„Mit dem Fluss leben heißt mit der Flut leben.“ – Was bleibt fünf Jahre nach der Flut im Ahrtal?

Montag, 13. Juli 2026 - 10:17 Uhr
Wasserbausteine am Bahnhof in Altenahr sollen vor der nächsten Flut schützen. Foto aus November 2025.

Fünf Jahre ist es her, dass Dauerregen und Hochwasser über das Ahrtal hereinbrachen. Die Folge: Eine historische Überflutung des Gebiets und der naheliegenden Orte, über hundert Tote und die Zerstörung großer Teile der Infrastruktur. Biologe Prof. Dr. Dr. Wolfgang Büchs, Gastprofessor an der Universität Hildesheim, forscht seit den 1980er Jahren zur Region. Zum fünften Jahrestag der Katastrophe blickt er auf die Hintergründe der Flut und die Folgen für Mensch und Natur.

Eine ausführliche Einschätzung des Experten gibt es hier: 5 Jahre nach der Flut 2021 – Wie gut ist die Ahrregion auf die nächste Flut vorbereitet?

 

Bereits einige Tage vor der Flut am 14. Juli 2021 wurde vor erhöhten Niederschlägen gewarnt. Diese hingen mit einer spezifischen Wetterkonstellation zusammen, einer sogenannten Omega-Konstellation, einem festsitzenden Tiefdruckgebiet zwischen zwei Hochdruckgebieten, das starke Regenfälle mit sich brachte. Orte im oberen Ahrtal wurden recht früh evakuiert, der Katastrophenalarm jedoch erst gegen 23.15 Uhr ausgelöst. „Die Folgen für Menschen und Natur vor Ort waren verheerend,“ erklärt Büchs. Wie hoch das Wasser letztlich stand, war lange unklar, da die Pegelhäuschen, die den Wasserstand messen sollen von der Flut mitgerissen wurden. „Im Rückblick kann man aber von einem Höchststand von 10 Metern ausgehen und damit deutlich mehr als beim Hochwasser von 2016 (ca. 2,5 Meter). “

Wie konnte es zur Flut kommen? 

Doch nicht nur die Wetterlage begünstigte die Flut. Fluten kommen in der Region häufiger vor. Auch 1910 oder 2016 gab es starke Hochwasser. Die Landschaftsstruktur vor Ort befördert diese Entwicklung: im Oberlauf (Junge Ahr) gibt es Kalkböden, in denen Wasser versickert und an anderer Stelle plötzlich wieder austritt, was als Bachschwinden bezeichnet wird. Im Oberen und Mittleren Ahrtal umgeben steile Schieferfelsen, zum Teil ohne Bodenauflage das Tal und sorgen durch ihre glatte Oberflächenstruktur für schnellen Abfluss des Niederschlags. Weiter unten weitet sich das Tal. Der Devonschiefer wird durch mächtige Lössauflagen bedeckt. Dort liegen Orte wie z.B. Bad Neuenahr in ehemaligem Sumpfland, das natürlicherweise vom Fluss überschwemmt wird. Büchs sagt: „Städtebaulich gesehen schon seit seiner Gründung im 19. Jahrhundert eine Fehlplanung, die bei Fluten immer wieder Probleme bereiten wird.“ Auch der Klimawandel ist Teil der Rechnung. Er erhöht die Frequenz von Naturereignissen wie Hochwassern. Durch steigende Temperaturen nimmt die Luft mehr Wasser auf, Niederschläge werden stärker. Hinzu kommen Veränderungen von Luftströmungen in großer Höhe wie den Jetstream, die spezifische Wetterkonstellationen wie die von 2021 begünstigen. „Wir können somit davon ausgehen, dass Hochwasser häufiger vorkommen werden, zeitlich näher beieinander liegen und eine stärkere Intensität aufweisen,“ erläutert Büchs.

Welche Maßnahmen zum Schutz braucht es? 

„Fluten gehören zur Natur eines Flusses, der sich damit den Raum schafft, den er benötigt und der in vielen Fällen durch Siedlungen und Landwirtschaft eingeschränkt wird. In einem Hochwasser liegt – bei allen tragischen Folgen – auch eine Chance, ursprüngliche Gegebenheiten wiederherzustellen,“ betont Büchs. Vor dem Hintergrund intensiver werdender Naturkatastrophen sind zusätzliche Maßnahmen wie Rückhaltesysteme erforderlich. Vorgeschlagen sind dafür aktuell 15-17 Becken, die insgesamt bis zu 91 Millionen Kubikmeter Wasser zurückhalten könnten. Dabei handelt es sich nicht um klassische Stauseen, sondern um Becken mit begrünten Talböden, die außerhalb von Hochwasserzeiten weiterhin landwirtschaftlich genutzt werden können. „Alleine auf den Bau von Hochwasserrückhaltebecken zu setzen ist schwierig, da für Planung und Bauzeit solcher Projekte schnell 15 Jahre und mehr ins Land gehen. Nach 5 Jahren ist noch nicht einmal die Gründung des Zweckverbandes abgeschlossen, ohne den keine weiteren Schritte erfolgen können“ so Büchs. Im Zweckverband schließen sich alle betroffenen (Ahr-)Gemeinden zusammen und regeln die Kostenanteile. 

Daher müssen Maßnahmen der natürlichen Hochwasservorsorge angegangen werden. Sie sind schneller umsetzbar. Neben Begrünungen von Dächern, Entsiegelungen. Anlage von Zisternen, versickerungsfähigem Asphalt liegt viel Rückhaltepotenzial in den Wäldern, die in der Ahrregion 56% der Fläche einnehmen. Optimal strukturierte Mischwälder mit Naturverjüngung und ausgeprägter Kraut- und Strauchschicht können schnellen Wasserabfluss hemmen, die Versickerung von Regenwasser erhöhen und dienen auf diese Weise sowohl der Hochwasservorsorge als auch dem Schutz vor Dürrefolgen, wie Büchs erklärt. Zu Mischwäldern umgewandelt werden vor allem Fichtenmonokulturen, die noch heute die Hangflächen der Zuflüsse an der Oberen Ahr bedecken. Sie sind besonders anfällig für Schädlinge wie den Borkenkäfer. Im Ahrtal werden Gruppen junger Buchen in moderat ausgelichtete Fichtenbestände gepflanzt, die schrittweise den Wald zum resilienteren Mischwald umwandeln. Besonders wichtig sind Auenwälder am Flussufer. Je nach Ausprägung mindern sie die Fließgeschwindigkeit und senken den Flutscheitel signifikant. Treibgut wird ausgesiebt sowie die Versickerungsrate und die Verdunstung durch die Pflanzenoberfläche (Interzeption) und Blätter (Transpiration) erhöht. Für ihren Aufbau müssten allerdings bislang als Grünland genutzte Flächen umgewidmet werden, was für Diskussionsstoff sorgt, wie Büchs anmerkt. „Denn insbesondere die am Fluss liegenden Grünlandflächen können auch in Dürreperioden, die durch den Klimawandel ebenfalls häufiger auftreten, weiter genutzt werden.“