Migrationslinguistik: Interview mit Professorin Marta Estévez Grossi

Montag, 13. Mai 2019 um 08:17 Uhr

Der Bereich „Community Interpreting“ und die barrierefreie Kommunikation ist von hoher soziopolitischer Relevanz. Mit ihrer Forschung und Lehre wollen Übersetzungswissenschaftlerinnen aus Hildesheim und dem mexikanischen Toluca und Oaxaca zur Überwindung von Sprachbarrieren beitragen.

Während der Fachtagung „Interpretación en los Servicios Públicos y Comunicación Accesible: México y Alemania" („Community Interpreting und Barrierefreie Kommunikation: Mexiko und Deutschland“) stellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Hildesheim, Hannover, Mainz-Germersheim, Universidad Autónoma del Estado de México (UAEM/Toluca) und Universidad Autónoma Benito Juárez de Oaxaca (UABJO/Oaxaca) aktuelle Forschungserkenntnisse zur barrierefreien Kommunikation und Migrationslinguistik in Mexiko und Deutschland vor. Die Konferenz fand am Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation statt.

 

„Uns alle verbindet die Faszination für komplexe mehrsprachige Situationen, aber vor allem der Wunsch, zu einer größeren gesellschaftlichen Teilhabe aller Menschen beitragen zu können, egal in welcher Sprache sie sich ausdrücken“, sagt Institutsdirektorin Professorin Bettina Kluge über die Zusammenarbeit mit den mexikanischen Forscherinnen und Forschern aus Übersetzungswissenschaft und Sprachwissenschaft.

„Mit unserer Forschung möchten wir eine Brücke zwischen der Universität und der Gesellschaft schlagen“

Professorin Dr. Marta Estévez Grossi arbeitet als Vertretungsprofessorin am Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation mit dem Schwerpunkt Community Interpreting an der Universität Hildesheim. Zu ihren Forschungsinteressen gehören unter anderem das Community Interpreting, die Migrationslinguistik, Soziolinguistik und Barrierefreie Kommunikation. Im Interview gibt die Übersetzungswissenschaftlerin Einblicke in ihre Arbeit.

Frau Estévez, mit welcher Forschungsfrage befassen Sie sich derzeit?

Die Idee der Translation als Schlüssel für die Integration und Inklusion von sozial benachteiligten Personen beschäftigt mich seit langem und hat schon immer meine Forschung begleitet. Mein Dissertationsprojekt widmete ich der sprachlichen Lage bei spanischen GastarbeiterInnen der ersten Generation in Hannover und wie und von wem ihr Sprachmittlungsbedarf gedeckt wurde (oder eben nicht). Derzeit forsche ich zu den Strategien der Adaptation und intralingualen Übersetzung von juristisch-administrativen Texten in „einfache Sprache“ als eine Form der Barrierefreien Kommunikation im Spanischen und Französischen. Gerade um diese zwei komplementären sprach- und dolmetschwissenschaftlichen Themenbereiche, und wie die Praxis und der Forschungsstand in Mexiko und Deutschland ist, geht es in unserer Fachtagung „Interpretación en los Servicios Públicos y Comunicación Accesible: México y Alemania“ („Community Interpreting und Barrierefreie Kommunikation: Mexiko und Deutschland“).

Warum ist diese Forschung wichtig, was möchten Sie damit bewegen?

In jedem Land der Welt befinden sich Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen der jeweiligen Mehrheitssprache nicht (vollständig) mächtig sind und deswegen sich in ihren Rechten und Pflichten beeinträchtigt sehen. Sie können unter anderem Migrantinnen und Migranten, Flüchtlinge, Sprecherinnen und Sprecher von Regional- oder indigenen Sprachen, Menschen mit Behinderungen oder Lernbeeinträchtigungen aber auch Touristinnen und Touristen, Messebesucher, Geschäftsmänner oder Geschäftsfrauen oder Konferenzteilnehmerinnen und Konferenzteilnehmer sein. Die Forschung im Bereich Community Interpreting und in den weiteren Formen der Barrierefreien Kommunikation ist daher von hoher soziopolitischen Relevanz, denn sie hat sich als übergeordnetes Ziel gesetzt, die Erkenntnisse der Forschung in die Praxis umzusetzen und einen wissenschaftlich fundierten Beitrag zur Überwindung von Sprachbarrieren zu leisten. Mit unserer Forschung möchten wir eine Brücke zwischen der Universität und der Gesellschaft schlagen. In diesem Sinne beteiligt sich das Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation in verschiedenen Projekten, die oft als innovativ nicht nur in Niedersachsen, sondern auch bundesweit gelten. Im Bereich Community Interpreting ist das von meiner Kollegin Dr. Conchita Otero Moreno geleitete Zertifizierungsprogramm der Stadt Braunschweig für die Ausbildung von interkulturellen Dolmetscherinnen und Dolmetschern nennenswert, indem ich seit fünf Jahren mitwirken darf. Das Programm, das in diesem Jahr sein 10-jähriges Jubiläum feiert, wurde von Dr. Otero mitkonzipiert und vom Start wissenschaftlich begleitet. Ferner ist im Bereich Barrierefreie Kommunikation, im weitesten Sinne die von Prof. Dr. Christiane Maaß gegründeten Forschungsstelle Leichte Sprache, und der daraus entstandene Masterstudiengang Barrierefreie Kommunikation, der im vergangenen Wintersemester startete, hervorzuheben.

Bei einer Tagung am Bühler-Campus kamen Fachleute in der letzten Woche in Hildesheim zusammen. Was ist das Ziel dieser Konferenz?

In unserer Tagung kamen wir mit drei Gastwissenschaftlerinnen aus der Universidad Autónoma Benito Juárez de Oaxaca in Mexiko (Edith Matías Juan, María del Sagrario Velasco García und Mariana Vásquez Jiménez) und mit zwei Kolleginnen aus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Prof. Dr. Martina Schrader-Kniffki und Christiane Wegener) zusammen. Unter der Leitung von Prof. Dr. Martina Schrader-Kniffki wurde an dieser Universität in Oaxaca ein Masterstudiengang für das Übersetzen und Dolmetschen indigener Sprachen aufgebaut. Dieser Masterstudiengang, der in diesem Jahr startet, gilt als erster seiner Art in ganz Mexiko oder sogar in Lateinamerika und soll einen ersten wissenschaftlich fundierten Schritt in Richtung einer Professionalisierung von Übersetzungs- und Dolmetschdienstleistungen für Sprecherinnen und Sprecher indigener Sprachen darstellen. Die drei mexikanischen Gastwissenschaftlerinnen sollen ab August im Masterstudiengang unterrichten und interessieren sich sehr für die Erfahrungen, die wir über die Jahre hinweg im universitären und außeruniversitären Kontext gesammelt haben. Auch für uns ist der Austausch hochinteressant und sehr bereichernd, um die Lage des Community Interpreting in Mexiko kennen zu lernen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Praxis, Forschung und Lehre herauszuarbeiten. Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz plant in diesem Zusammenhang weitere Forschungsprojekte. Neben der Universidad Autónoma Benito Juárez de Oaxaca und weiteren Universitäten im In- und Ausland soll nun die Universität Hildesheim auch als Partner fungieren. Diese Tagung hat uns erlaubt, uns zum erstem Mal mit den Kolleginnen aus Oaxaca zu treffen und persönlich auszutauschen.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Kurz erklärt

Ein Projektbeispiel: Dolmetschen fürs Amt in Braunschweig

In Braunschweig leben Menschen aus über 170 Ländern. 2009 hat die Stadt im Büro für Migrationsfragen eine Servicestelle für Interkulturelles Dolmetschen und Übersetzen eingerichtet, um Verständigung im Arbeitsalltag von Institutionen, kommunalen Dienststellen und in Bildungseinrichtungen zu ermöglichen und Missverständnisse und Konflikte im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbereich zu vermeiden. Die Übersetzungswissenschaftlerin Dr. Conchita Otero Moreno von der Uni Hildesheim begleitet diesen Prozess seit dem Start und ist für die Schulung der bisher insgesamt 201 Dolmetscher zuständig. Als Dolmetscher sind Migrantinnen und Migranten aus unterschiedlichen Ländern tätig.

„Die Einsätze der geschulten interkulturellen Dolmetscher ermöglichen eine gelungene Kommunikation zwischen dem Fachpersonal und Migrantinnen und Migranten ohne ausreichende Deutschkenntnisse, die bisher Freunde oder Verwandte zu Gesprächen mitnahmen. Die zum Teil hochqualifizierten Menschen leben seit Jahren in Deutschland, beherrschen die eigene und die deutsche Sprache sehr gut und wollen und können gerne als Dolmetscher tätig werden“, sagt die Wissenschaftlerin.

Erstellt von Pressestelle, Isa Lange