Mehr Ungewissheit – weniger Solidarität?

Mittwoch, 23. September 2026 - 07:57 Uhr

Krisen, Kriege, Katastrophen: Nicht verwunderlich, dass viele Menschen sorgenvoll in die Zukunft blicken und sich einer großen Ungewissheit gegenübersehen. Doch was sind die Folgen daraus – für einzelne Menschen und für die Demokratie? Im Vorfeld der 6. Konferenz des Netzwerks Fluchtforschung an der Universität Hildesheim spricht Prof. Dr. Sybille Münch, außerplanmäßige Professorin in der Politikwissenschaft, über Entsolidarisierung und eine Welt im Umbruch.

„Vor dem Hintergrund der aktuellen Lage steigt die Wahrnehmung, dass die Welt von heute unberechenbar geworden ist,“ sagt Münch. „Menschen haben das Gefühl, in der Vergangenheit mehr Gewissheit über die Gestaltung der Zukunft gehabt zu haben und diese Sicherheit nun einzubüßen.“ Ungewissheiten kennzeichnen auch die Bedingungen und Folgen von Migration. Wie Migrationsgesellschaften über Risiken und Ungewissheiten debattieren, wie im Bildungssystem oder in der Sozialen Arbeit auf Ungewissheit reagiert wird und wie Individuen sie wahrnehmen und trotzdem handlungsfähig bleiben, diskutieren zurzeit die Mitglieder des Hildesheimer Zentrums für Bildungsintegration (ZBI) im Rahmen eines uniweiten Vernetzungsprozesses. 

Ungewissheit wird zuweilen durch politische Entscheidungen aktiv produziert. Münch sagt: „Wenn die Kernprinzipien der Genfer Flüchtlingskonvention auf dem Papier bestehen, aber routinemäßig hinterfragt, neu interpretiert oder umgangen werden, schürt das Ungewissheit. Angesichts von dominanten Überlastungs- und Bedrohungsdiskursen stellt sich die Frage, ob wir es mit einer Entsolidarisierung gegenüber zur Flucht gezwungener Menschen zu tun haben.“

75 Jahre nach der Genfer Flüchtlingskonvention scheint die Welt im Umbruch. „Das ist der Moment, um innezuhalten und sich zu fragen: Wie sieht es aktuell aus? Wo steuern wir hin?“ Im Rahmen der interdisziplinären Konferenz Entsolidarisierung? Flucht, Schutz und Teilhabe in einer Welt ohne Ordnung findet Ende September an der Universität Hildesheim das dreitägige Treffen des Netzwerks Fluchtforschung statt. Über 350 Teilnehmende werden in 61 Panels die Veränderungen von Solidarität in internationalen, nationalen und lokalen Kontexten analysieren. Welche Formen von Solidarität stehen derzeit unter Druck, welche gewinnen an Bedeutung und wie? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Rechte, Anerkennung, den Schutz und die Teilhabe von Geflüchteten?

„Wir beobachten aktuell eine Veränderung im Diskurs,“ erklärt Münch am Beispiel des europäischen Asylsystems. „Solidarität wird gleichgesetzt mit Grenzschutz und Abschottung. Staaten kooperieren, um ungewünschte Formen von Migration zu verhindern und fordern dabei Solidarität von den anderen Mitgliedstaaten ein. Solidarität als humanitäre Verpflichtung gegenüber Geflüchteten scheint hingegen kaum noch thematisiert zu werden.“ Eine Abnahme von Solidarität hat jedoch Folgen, weit über Migrationsthemen hinaus. „Ablehnung, Abschottung und Nichtbeachtung von Menschenrechten hören nicht mit dem Umgang mit Geflüchteten auf,“ sagt Münch. „Wie aktuell mit Geflüchteten umgegangen wird, lässt Rückschlüsse auf künftige Entwicklungen zu, beispielsweise im Hinblick auf Inklusion, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Rechtstaatlichkeit.“ Wenn Staaten geltendes Recht brechen und demokratiefeindliche Kräfte stärker werden, betrifft das die Gesamtbevölkerung. 

Dennoch: Münch zeichnet kein rein pessimistisches Bild. „Solidarität ist im Alltagshandeln weiterhin sichtbar, sei es in der Arbeit von NGOs, sozialen Bewegungen oder Privatpersonen. Auch auf kommunaler und städtischer Ebene lässt sich das weiterhin beobachten.“ Das große Engagement der Zivilgesellschaft für Solidarität oder informelle, gelebte Solidarität sei jedoch oft weniger sichtbar als die prominent geführten Abschottungsdiskurse. 

Die Konferenz des Netzwerks Fluchtforschung wird von den Teams der Migration Policy Research Group und des Zentrums für Bildungsintegration organisiert. Für Studierende der Universität Hildesheim ist die Teilnahme an der Konferenz kostenlos. Einzelne Programmpunkte können ohne vorherige Anmeldung besucht werden. Alle Details gibt es hier und auf Instagram.