Mehr als nur Islamfeindlichkeit: Pegida-Demonstrationen in Niedersachsen

Samstag, 10. Januar 2015 um 17:56 Uhr

Wissenschaftler_innen der Universität Hildesheim rufen zur Beschäftigung mit den vielfältigen Ursachen der Pegida-Demonstrationen auf. Die Ablehnung gesellschaftlicher Vielfalt und die Unzufriedenheit mit dem demokratischen System beschränken sich nicht auf Ostdeutschland.

Die verbreitete Angst vor einer „Islamisierung des Abendlandes“ ist nach Meinung der Erziehungswissenschaftlerin Viola B. Georgi und des Politikwissenschaftlers Hannes Schammann nicht der einzige Grund für den Erfolg der Pegida-Bewegung. Die Hildesheimer Professor_innen verweisen darauf, dass die Motive der Demonstranten sehr vielfältig seien. Dabei reiche das Spektrum von der Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation über die grundsätzliche Ablehnung gesellschaftlicher Vielfalt bis hin zur Frustration über das demokratische System. An diesen Problemen müsse man arbeiten, wenn man Pegida wirklich etwas entgegensetzen wolle.

„Wir wissen aus aktuellen Studien, dass die Islamfeindlichkeit in den letzten Jahren massiv gestiegen und in Deutschland auch im internationalen Vergleich bedrohlich hoch ist. Auf die Ablehnung des Islam können sich also viele Personen mit ansonsten sehr unterschiedlichen Interessen einigen. Sie fungiert als gemeinsamer Nenner, als eine Art Marketing-Tool für Pegida“, so Hannes Schammann, der in Hildesheim die Juniorprofessur für Migrationspolitik inne hat. Er widerspricht auch der zunehmend geäußerten Auffassung, die Bewegung sei ein rein ostdeutsches Phänomen: „Auch wenn wir für die angekündigten Demonstrationen in Hannover und Braunschweig wesentlich geringere Teilnehmerzahlen erwarten als für Dresden, gibt es keinen Grund, sich beruhigt zurückzulehnen. Menschenfeindlichkeit und Demokratieverdrossenheit suchen sich verschiedene Ventile. In westdeutschen Bundesländern haben wir es eher mit einem subtileren Alltagsrassismus zu tun, den man nicht auf der Straße zeigt, der aber beispielsweise bei der Diskriminierung von Bewerbern um einen Ausbildungsplatz sichtbar wird.“

Viola. B. Georgi, Professorin für Diversity Education und Leiterin des Zentrums für Bildungsintegration an der Universität Hildesheim, fügt hinzu, dass es notwendiger denn je sei, über unterschiedliche Formen des Rassismus in unserer Gesellschaft zu sprechen. Schammann betont allerdings auch, dass die Pegida-Demonstrationen nicht als Gradmesser für die Einstellung der deutschen Bevölkerung zu Asylbewerbern verstanden werden dürfen. „Es gibt derzeit eine große Welle der Hilfsbereitschaft gegenüber Asylbewerbern in der Zivilgesellschaft. Auch Verantwortliche in Kommunen reagieren auf die steigende Anzahl an Flüchtlingen wesentlich besonnener und pragmatischer als in den 1990er Jahren. Hier sind wir ein gutes Stück vorangekommen. Daran ändert auch Pegida nichts.“

In Hannover kommen am Montag Vertreter unterschiedlicher Religionen zusammen. Der Vorsitzende der Landeshochschulkonferenz Niedersachsen und Präsident der Universität Hildesheim, Professor Wolfgang-Uwe Friedrich, nimmt an diesem Friedensgebet teil. „Alle zwanzig niedersächsischen Hochschulen bringen Ihre Solidarität mit den Opfern des Terrorismus in Frankreich zum Ausdruck. Sie treten ein für Meinungsfreiheit, für Toleranz und Weltoffenheit. Meinungsfreiheit und Freiheit der Wissenschaft gehören untrennbar zusammen", so Friedrich. Zu dem multi-religiösen Friedensgebet laden die Evangelisch-Lutherische Marktkirche und der Rat der Religionen der Landeshauptstadt Hannover ein.

Viola Georgi macht darauf aufmerksam, dass die Angst vor „Überfremdung“ und der mit ihr einhergehende Rassismus besonders dort verbreitet sei, wo interkulturelle Kontakte fehlen, etwa keine Begegnungen mit Flüchtlingen im Alltag stattfinden. Daraus erkläre sich auch der Zulauf von Pegida in den Regionen, in denen kaum Einwanderer leben.

„In den urbanen durch Migration geprägten städtischen Räumen ist Pegida schwach. In Stuttgart, Köln, Frankfurt oder Berlin ist soziale, kulturelle, sprachliche und religiöse Vielfalt Teil des gelebten Alltags. Vielfalt ist Normalität und stellt deshalb auch keine Bedrohung dar. An diesen Orten entsteht die neue deutsche Gesellschaft. Hier werden neue Formen des pluralen Zusammenlebens erprobt und verhandelt.“ Die Erziehungswissenschaftlerin ist Mitglied im bundesweiten Rat für Migration. Dieser ist ein Zusammenschluss von rund 80 Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen und hat am 5. Januar 2015 ein Thesenpapier mit Handlungsempfehlungen (pdf) veröffentlicht. Kern ist laut Georgi die Forderung, eine „Leitbild-Kommission“ einzuführen. Ein solch republikanisches Leitbild soll die Selbstverständlichkeit einer postmigrantischen Gesellschaft zum Ausdruck bringen und als Identifikationsmöglichkeit für alle Menschen in Deutschland dienen können.

Der Rat für Migration fordert in seinem Thesenpapier auch eine verstärkte Wissens- und Kompetenzvermittlung zu Fragen der migrationsbedingten Vielfalt. Die Universität Hildesheim geht hier mit zahlreichen Projekten, Seminaren und Veranstaltungen voran. Dabei werden Veranstaltungen, wenn möglich, auch kostenlos für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Hier drei Beispiele:

  • Das Zentrum für Bildungsintegration (Prof. Dr. Viola B. Georgi) bietet derzeit eine Ringvorlesung zum Thema „Rassismuskritische Bildung“ an. Die nächste Veranstaltung findet am 21. Januar 2015 statt (12:00 Uhr im Hörsaal 1 am Hauptcampus der Uni Hildesheim). Timo Reinfrank spricht über Rechtsextremismus als eine Herausforderung in der Bildungsarbeit. Der Politologe der Amadeu Antonio Stiftung berät zivilgesellschaftliche Initiativen, Politik und Verwaltung in der Arbeit gegen Rechtsextremismus und entwickelt Bildungsmaterialien zu diesem Themenkomplex. Am 28. Januar 2015 gibt Claudia Schanz, Referentin für politische Bildung am Niedersächsischen Kultusministerium, einen Einblick in aktuelle bildungspolitische Vorhaben im Bereich der interkulturellen Schulentwicklung in Niedersachsen. 
  • Das Fach Politik (Prof. Dr. Marianne Kneuer, Prof. Dr. Thomas Demmelhuber, Prof. Dr. Hannes Schammann) wird im Sommersemester eine Ringvorlesung zum Thema „Demokratie und Islam“ organisieren. Ort und Zeit werden noch bekannt gegeben.
  • Zahlreiche Studierende der Universität Hildesheim engagieren sich vielfältig und ehrenamtlich für eine plurale Gesellschaft – ob im neu gegründeten Vorhaben „Muslimunity“ oder in der Initiative „Pangea“, die sich um die Unterstützung der Flüchtlinge im Wohnheim in der Senkingstraße in Hildesheim kümmert. Dabei sind Lehramtsstudierende aus dem Bereich „Deutsch als Zweitsprache" beteiligt.

Forscherinnen untersuchen im Diversity-Monitoring, wie Unis mit Vielfalt umgehen. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Info: Zusammen leben und lernen

Zusammen leben und lernen – in den letzten Jahren entstand an der Universität Hildesheim, wo mit etwa 2600 Lehramtsstudierenden ein Großteil der Grund- Haupt- und Realschullehrer in Niedersachsen ausgebildet wird, ein Schwerpunkt im Bereich Bildungsintegration. Mit 2,85 Millionen Euro unterstützt das Niedersächsische Wissenschaftsministerium das Forschungsgebiet.

Professuren wie Interkulturelle Kommunikation, Deutsch als Zweitsprache und Diversity Education wurden eingerichtet und Fächer wie Sport und Musik in die Planung einbezogen. Am „Zentrum für Bildungsintegration – Diversity und Demokratie in Migrationsgesellschaften“ befasst sich das Team um Viola Georgi, Professorin für Diversity Education, mit Bildungsverläufen. Die Forscher möchten einen Beitrag zum Abbau von Bildungsungleichheit leisten, 2014 wurde ein Promotionskolleg eingerichtet. Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Diversity und Hochschule, historisch-politische Bildung in der Migrationsgesellschaft, interkulturelle Schulforschung, Bildungsteilhabe von Minderheiten, Diversity in Schulbüchern, Mehrsprachigkeit, Diversity und Musik und Künste sowie Sport und Teilhabe.

2014 hat die Universität eine Juniorprofessur mit dem Schwerpunkt „Politik und Migration“ besetzt. Der Politikwissenschaftler Hannes Schammann arbeitet praxisnah, in diesem Semester befassen sich seine Lehramtsstudierenden zum Beispiel mit religiöser Vielfalt in der Schule und wie sich junge deutsche Muslime gesellschaftlich engagieren. In einem weiteren Seminar sind die Studierenden vor Ort, diskutieren mit dem Flüchtlingsrat Niedersachsen, befassen sich mit lokaler Flüchtlingsarbeit in Hildesheim und wo Herausforderungen in der europäischen, nationalstaatlichen und kommunalen Flüchtlingspolitik liegen.

Mehr zum Thema:

NDR online, 10.01.2015, „Uni Hildesheim will über Pegida aufklären / Warum ist Pegida so erfolgreich? Die Gründe gehen über die Angst vor 'Islamisierung' weit hinaus, sagen zwei Hildesheimer Forscher. Sie planen zahlreiche Veranstaltungen zum Thema"

NDR 1 Niedersachsen, 11.01.2014 ~12:00 Uhr, Hörfunk, Interview mit Hannes Schammann


Motive für Entwicklungen wie Pegida reichen von Unzufriedenheit, Ablehnung gesellschaftlicher Vielfalt bis hin zur Frustration über das demokratische System, sagen Professorin Viola Georgi und Professor Hannes Schammann. Die Universität Hildesheim vermittelt in Seminaren und öffentlichen Veranstaltungen Kompetenzen zum Leben in einer pluralen Gesellschaft. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim