Maike Gunsilius: „Theater ist Bildung, Partizipation und demokratische Praxis“

Mittwoch, 18. November 2020 um 08:42 Uhr

Seit dem 1. Oktober ist Prof. Dr. Maike Gunsilius Professorin für Ästhetik des Kinder- und Jugendtheaters am Institut für Medien, Theater und Populäre Kultur an der Stiftung Universität Hildesheim. Die 44-Jährige befasst sich mit theatertheoretischen und -praktischen Fragen rund um das Theater für ein junges Publikum sowie der Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind experimentelle und performancebasierte zeitgenössische Formen des Kinder- und Jugendtheaters, relationale Dramaturgien sowie Theater als Forschung mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Partizipative Formen der künstlerischen Forschung mit Kindern und Erwachsenen

„Die künstlerische Forschung als Begriff hat Konjunktur und ist auch im Kinder- und Jugendtheater in den letzten Jahren zu einem „Zauberwort“ geworden. “, sagt sie. In der Vielzahl ganz unterschiedlicher Ansätze und Praktiken der künstlerischen Forschung beschäftigt sich die 44-Jährige vor allem mit partizipativen Ansätzen, denen es darum geht, Forschungsprozesse zu (er)öffnen und nicht als etwas zu betrachten, das nur Wissenschaftler*innen vorbehalten ist. Dabei geht sie der Frage nach, wie Mittel, Verfahren und Formate des Theaters so eingesetzt werden, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene gemeinsam an gesellschaftlichen Fragestellungen forschen können. Ähnlich wie in Ansätzen der Aktionsforschung geht es darum, Settings und Prozesse zu entwickeln, in denen auch Menschen an Forschungsprozessen beteiligt sein können, die keinen akademischen Hintergrund haben.

Studiert in Hildesheim

„Hildesheim hat meinen beruflichen Weg geprägt“, bekennt die Kulturwissenschaftlerin, Dramaturgin und Performancemacherin. Studiert hat sie Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an der Stiftung Universität Hildesheim und Theater am Dartington College of Arts in England. Besonders die wechselseitige Bezugnahme zwischen Theorie und Praxis, die die kulturwissenschaftlichen Studiengänge in Hildesheim prägt, hat sie seit Studienzeiten immer begleitet.

Praxisschwerpunkte

„Nach dem Studium hatte ich zunächst den großen Wunsch, in die Praxis zu gehen“, erinnert sich Maike Gunsilius. Sie arbeitete zunächst als Dramaturgin an Stadttheatern und in freien Projekten. Dabei interessierte sie zunehmend eine „kollaborative Zusammenarbeit mit Menschen, die keine künstlerischen Berufe oder Erfahrungen haben, also mit Expert*innen des Alltags“. In solchen Formen der Zusammenarbeit, zum Beispiel in theatralen Stadtprojekten, zeige sich immer wieder, welche unwahrscheinlichen neuen Räume der Begegnung und Kommunikation Theater- und Performance macher*innen durch ihre Expertise in der Organisation partizipativer Prozesse eröffnen können. Zugleich werde dabei aber auch immer wieder deutlich, dass der Kulturbetrieb „ein exklusiver Raum mit hoher Zugangsbeschränkung“ sei, auch im Kinder- und Jugendtheater.

Deshalb ging sie wissenschaftlich der Frage nach: Wie kann es gelingen, dass Theaterarbeit sich weiter öffnet? Wie können Kinder und Jugendliche als junge Bürger*innen Theater als einen Raum und eine Praxis erleben, in der sie ihre Fragen und Wünsche künstlerisch bearbeiten können? Gemeinsam mit Mädchen und Frauen untersuchte sie in künstlerischen Forschungsprojekten, wie Mädchen und Frauen sich heute als Bürgerinnen in unsere postmigrantische Gesellschaft einschalten und wie sie Theater- und Performance dafür nutzen können und wollen. Dabei zeigte sich, dass etablierte Formen, die stark auf die frontale Performance und das öffentliche Sichtbarwerden des Subjekts setzen, nicht nur selbstermächtigendes Potenzial bieten, sondern auch problematisch sein können - insbesondere für marginalisierte Stimmen.

„Kinder und Jugendliche sind stark aufgefordert, zu performen – und zwar erfolgreich“

Eine Herausforderung der Theaterpraxis mit Kindern und Jugendlichen sei es, so die Kulturwissenschaftlerin, dass „Kinder und Jugendliche in der heutigen Zeit stark aufgefordert sind, zu performen – und zwar erfolgreich zu performen“, beispielsweise durch Self-Performances in sozialen Medien oder vor Erwachsenen in der Schule. „Theater(pädagogische) Arbeit hat den Anspruch, einen solchen gesellschaftlichen Imperativ zur erfolgreichen Performance des Subjektes kritisch zu bearbeiten. Zugleich befinde sie sich jedoch in dem Dilemma, ihn oft – unfreiwillig – zu bedienen und dabei auch noch gesellschaftliche Stigmatisierungen zu reproduzieren“, betont Maike Gunsilius. Sie hat in diesem Zusammenhang eine relationale dramaturgische Praxis als Stellschraube dafür herausgearbeitet, Theater- und Performancesettings so zu bauen, dass darin Verhältnisse künstlerisch bearbeitet und ausgehandelt werden können: Verhältnisse zwischen Kindern und Erwachsenen und weitere gesellschaftliche (Macht-)Verhältnisse, die das Leben von Kindern und Jugendlichen bestimmen.

Stationen in Wissenschaft und Praxis

In den Jahren 2015 bis 2017 hat Maike Gunsilius als Stipendiatin des Graduiertenkollegs „Performing Citizenship“ in Hamburg zum Thema „Dramaturgien postmigrantischer Performance – Citizenship in kultureller Bildung und künstlerischer Forschung“ promoviert. Von 2019 bis 2020 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Participatory Art-based Research“, das Formate partizipativer künstlerischen Forschung untersucht.

Davor hat sie als Dramaturgin und Performancemacherin an Stadttheatern unter anderem in Basel, Frankfurt, Hamburg sowie in freien Theater- und Performanceprojekten und in Schulen gearbeitet. An der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, der Universität Hamburg sowie der Fachhochschule Dortmund und weiteren Hochschulen hat sie Dramaturgie, partizipative Theaterformen und Theater als Forschung gelehrt.

Die Leidenschaft entstand im Schultheater

Ihr Interesse für Theater wurde „ganz klassisch“ in der schulischen Theatergruppe geweckt. Schule ist für sie „die Öffentlichkeit für Kinder und Jugendliche, und zwar für alle“. Sie sei ein zentraler Raum, in dem Kinder und Jugendliche – neben ihrem Elternhaus – die Welt entdecken, sich darin erfahren und als Bürger*innen sozialisiert werden. Ein Anliegen ist ihr deshalb, die Rolle der künstlerischen Fächer darin zu stärken. „Theater, Kunst und Musik sind den so genannten Kernfächern nach wie vor stark nachgeordnet“, meint sie. Dabei könne ihrer Ansicht nach Theater durchaus mit Deutsch-, Geschichts- und Gesellschafts-Unterricht und auch mit naturwissenschaftlichen Fächern verknüpft werden. Theater ist für sie Bildung, Partizipation und demokratische Praxis.

„Theater ist sowohl Bildung als auch Arbeit“

Umso betroffener machen sie die Einschränkungen des zweiten Lockdowns in der Corona-Pandemie (im November 2020) und die Auswirkungen auf die Kulturszene, die sich zum Teil bereits seit März ununterbrochen im Lockdown befinde. „Kulturschaffende wollen die Gesundheit der Menschen schützen und haben mit viel Mühe, Arbeit und Kreativität monatelang pandemie-gerechte Konzepte entwickelt. Dass sie nun weiter in ihrem Handlungsspielraum eingeschränkt bleiben, ist schwer zu verkraften“, sagt sie. Die Kulturwissenschaftlerin sieht die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen als auch von (ihren) Theatermacher*innen in den letzten Monaten zu wenig berücksichtigt. Kinder und Jugendliche hätten, auch und gerade in Krisenzeiten, ein Recht auf Zugang zu und Teilhabe an Kunst und Kultur. Das Kinder- und Jugendtheater sei ein wichtiger Raum des transgenerationellen Dialogs über aktuelle Herausforderungen des Zusammenlebens in der Welt – auch während und nach der Pandemie. Doch die Begründung der aktuellen Maßnahmen, man habe sich für Bildung und Arbeit entschieden, stelle die Relevanz von Kunst und Kultur in Frage, sagt sie. „Dabei wurde vergessen: Theater ist sowohl Bildung als auch Arbeit.“

Prof. Dr. Maike Gunsilius bietet im Wintersemester 2020/21 immer dienstags von 14 bis 15 Uhr eine Online-Sprechstunde an. Anmeldungen dazu sind möglich bei Frau Alsleben unter E-Mail: alsleben(at)uni-hildesheim.de

Text: Gabriele Gerner (Pressestelle), Foto: Thomas Krätzig

 

 

 


Kehrt als Lehrende an ihren Studienort zurück: Maike Gunsilius, Professorin für die Ästhetik des Kinder- und Jugendtheaters. Foto: Thomas Krätzing