„Lyrik bietet einzigartige Möglichkeiten Sprache zu drehen, zu wenden, aufzubrechen und zu entdecken“
Donnerstag, 21. Mai 2026 - 13:28 Uhr
Uljana Wolf kommt für zwei Jahre als Gastwissenschaftlerin an den Kulturcampus der Universität Hildesheim. Die Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin wird zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Gegenwartslyrik gezählt und wurde vielfach ausgezeichnet. Seit zehn Jahren unterrichtet sie literarisches Schreiben und Übersetzen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA – „Eine der schönsten Beschäftigungen neben dem Schreiben“, sagt sie.
Zur Universität Hildesheim hat Wolf schon seit längerem eine Verbindung. Bereits im Wintersemester 2023/24 war sie als Gastdozentin vor Ort und gab ein Seminar zu dokumentarischer Poesie sowie eine Lesung. Gemeinsam mit Prof. Dr. Sool Park, Professor für interkulturelle Philosophie an der Universität Hildesheim, übersetzte sie Kim Hyesoons Lyrikband „Autobiographie des Todes“ aus dem Koreanischen ins Deutsche. Im letzten März gaben die beiden einen deutsch-koreanischen Übersetzungsworkshop für Lyrik an der Universität Hildesheim.
Übersetzen, Recherchieren, Forschen, Schreiben – „Gerade dieses vernetzte, interdisziplinäre Arbeiten ist sowohl für mein eigenes Werk als auch das Schreiben meiner Studierenden wichtig“, betont Wolf. Sie betreut alle Gattungen, aber das Stärken von Lyrik als sprachkritischer Gattung ist ihr ein Herzensanliegen. Sie sieht die Lyrik auch als Möglichkeit, Sprache gegen Manipulation zu wappnen, sein es politische Vereinnahmungen oder „AI-Slop“. Denn die vermehrte Verwendung von KI im Lese- und Schreibprozess führe möglicherweise dazu, dass Sätze immer normierter würden, Denken und Recherche sich verändere. „Was sehen wir als wahr an? Wie wirkt sich das auf unser Lese- und Lernverhalten aus und damit auch auf unser Schreiben?“, fragt sie. Die Lyrik könne diese Normierung aufbrechen: Poetische Sprache sei einerseits genau und präzise, andererseits aber auch wild, unvorhersehbar und experimentell. Wolf sieht in der Lyrik die Chance wieder in ein gemeinsames und flexibles Denken zu kommen und beim Schreiben verantwortungsbewusst mit Sprache umzugehen.
Innerhalb der kommenden zwei Jahre betreut Wolf am Literaturinstitut Hildesheim neben den Seminaren Schreibprojekte von Studierenden sowie Bachelor- und Masterprojekte. „Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen und auf die Texte, die entstehen werden.“, sagt sie. Besonders freut sie sich jetzt aber auf das Literaturfestival Prosanova Hier stellte sie selbst vor circa 20 Jahren ihr Debüt vor. Dieses Jahr findet das Festival unter dem Motto „Zwischen Zungen“ vom dritten bis zum fünften Juli statt. Eine Hommage auch an die Mehrsprachigkeit der Literatur.
Link: prosanova-festival.de/de