Literaturfestival Prosanova: Wenn der Schulgong erklingt

Mittwoch, 28. Mai 2014 um 08:01 Uhr

Sie bauen Möbel aus Büchern, zimmern Theken, rollen Teppich in der Turnhalle aus. Am Donnerstag geht es los: Bis 1. Juni laden Studierende zum Literaturfestival „Prosanova“ und schaffen eine Plattform für vielfältige Leseformate und junge Autoren. „Wir improvisieren, reagieren auf den Ort, eine Hauptschule", sagt Benjamin Quaderer. „Wir stellen Leute, die man noch nicht so kennt, neben große Autoren. So nimmt man sie anders wahr.“

Die Pausenglocke, warum eigentlich nicht? Wenn in wenigen Tagen das größte Festival für junge deutschsprachige Gegenwartsliteratur beginnt, dann ertönt der Schulgong, um die Lesungen anzukündigen. Seit Anfang April toben sich 50 Studierende der Universität Hildesheim auf dem Pausenhof, in der Turnhalle, in Klassenzimmern und im Chemiesaal aus.

Die ehemalige Hauptschule „Alter Markt“ verwandeln die Kreativen Schreiber und Kulturvermittler dabei in eine Plattform für junge Autoren. Einer von ihnen ist Benjamin Quaderer, der „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ im sechsten Semester studiert und das erste Mal das Literaturfestival vorbereitet. „Das können wir“, sagt Quaderer. „Improvisieren, auf den Ort reagieren, flexibel sein. Ab Dienstagnacht werden wir noch 1200 Quadratmeter grauen Teppich in der Turnhalle verlegen, dem Ort für die Szenischen Lesungen. Eine Lesung findet im alten Chemiesaal statt. Man lernt, Lösungen zu finden, das gefällt mir.“ Von der Mensa bis zum Werkraum haben sie in den letzten Wochen Leitungen verlegt, Mikrofone installiert, Bars eingerichtet und Theken gezimmert, Möbel gebaut – unter anderem aus Büchern – und ein Hörspiel produziert.

Autoren aus dem ganzen deutschsprachigen Raum werden vom 29. Mai bis 1. Juni 2014 zu Gast bei „Prosanova“ sein. „Wir stellen Leute, die man noch nicht so kennt, neben große Autoren. So nimmt man sie anders wahr. Für unbekannte Autoren ist unser Festival ein Sprungbrett und den arrivierten macht es einfach Spaß, hier zu sein“, sagt Benjamin Quaderer. Einen Programmpunkt, auf den er sich besonders freut, mag er kaum nennen. „Alles!“. Die Vielfalt zeichne das Literaturfestival aus. „Von klassischen Wasserglaslesungen mit Nachgesprächen über lockere Late-Night-Shows bis zu szenischen Lesungen, die auch etwas fürs Auge sind“, so der Student.

Monika Rinck, Ann Cotten und Sabine Scho zeigen etwa die neueste Version der „Rottenkinckschow“ – Benjamin Quaderer verrät so viel: „Wir haben einen Betonmischer für die Drei organisiert.“ Jan Brandt, Jo Lendle und Annika Reich erproben das Social Reading unveröffentlichter Texte. Jedem Schiffbrüchigen bieten Jan Skudlarek, Stefanie de Velasco, Fabian Hischmann und Martin Kordić einen sichern Hafen. Die Autoren lesen 2 ½ Stunden auf Inseln. Von der Schule, mitten in der Innenstadt gelegen, gelangt man in fünf Minuten zum Literaturhaus St. Jakobi. In der ehemaligen Kirche wird Leif Randt in einer Sneak Preview Ausschnitte aus seinem noch unveröffentlichten Roman vorstellen. Georg Diez, Ina Hartwig und Florian Kessler diskutieren, was es heißt, heute Schriftsteller zu sein oder werden zu wollen. Am Festivalvormittag ordnen Autoren das Festivalgeschehen ein und geben Einblicke in ihre literarische Lebensführung. „Wir entwickeln das Programm unabhängig, aber der Rückhalt der Lehrenden ist sehr groß, wir wissen, dass wir immer fragen können. Auch die Stadt Hildesheim hat uns bei der Suche nach einem Festivalgelände unterstützt sowie zahlreiche Förderer, die das Festival möglich machen“, so Quaderer.

Das Online-Portal litradio.net berichtet vom literarischen Geschehen und bricht übliche Sendeformate auf. Die Litradio-Redaktion schläft nie und dokumentiert nicht nur das Festivalgeschehen, sondern lädt auch zu Spielshows ein. Zum Festival erscheint eine Sonderausgabe der Bella triste, in der zehn junge Autorinnen und Autoren ihr persönliches Bekenntnis zur Literatur verfasst haben.

Info: Kreatives Schreiben in Hildesheim

Alle drei Jahre rückt Literatur besonders intensiv in den Mittelpunkt der niedersächsischen Stadt. Das Team von „BELLA triste“ und rund 50 weitere Studentinnen und Studenten organisieren das literarische Zusammentreffen im Rahmen des diesjährigen Projektsemesters der Universität Hildesheim. Die Literaturzeitschrift BELLA erscheint bundesweit drei Mal im Jahr und versammelt junge Prosa, Lyrik und dramatische Texte, Graphic Novels, Essays und Interviews. Die Verleger sind allesamt noch Studenten – sie haben sich in den vergangenen fünfzehn Jahren bundesweit eine feste Leserschaft herangezogen, mittlerweile eine Auflage von 2000 Exemplaren und 800 Abonnenten. Und die Herausgeber – Karl Wolfgang Flender, Juan S. Guse, Benjamin Quaderer, Stefan Vidović, Lena Vöcklinghaus und Juli Zucker – kuratieren nun das Literaturfestival. „Unsere Studierenden üben sich in die Arbeitsweisen des Literaturbetriebs ein und sammeln außerhalb der Universität noch während des Studiums praktische Erfahrungen. Sie publizieren eigene Buchprojekte, eine Literaturzeitschrift und fädeln sich in den Literaturbetrieb ein“, sagt apl. Prof. Dr. Christian Schärf vom Institut für Literarisches Schreiben der Hildesheimer Uni.

Prosanova 2014 – das sind vier Festivaltage, mehr als 30 Veranstaltungen von Donnerstag, 29. Mai, bis Sonntag, 1. Juni 2014. Eröffnet wird das Literaturfestival am Donnerstag um 18:30 Uhr in der ehemaligen Hauptschule (Alter Markt 70, 31134 Hildesheim). Es gibt einen Shuttletransfer von Leipzig und Berlin nach Hildesheim. Ein Festivalpass, gültig für alle Veranstaltungen an allen Festivaltagen, kostet 45 Euro regulär und 35 Euro ermäßigt. Außerdem gibt es Tagestickets, gültig für alle Veranstaltungen des jeweiligen Festivaltags ab 10 Euro. Informationen zu den Künstlerinnen und Künstlern sowie alle Programmpunkte im Internet auf www.prosanova.net.


Etwa 1200 Quadratmeter Teppich müssen noch n einer ehemaligen Schulturnhalle verlegt werden. Dort finden während Prosanova szenische Lesungen statt. Die Studierenden der Uni Hildesheim beziehen auch den Pausenhof und Chemiesaal ein. Fotos: Alina Rohrer, Prosanova 2014