Literarische Diashow: Was kann man mit Technologie erzählen?

Mittwoch, 13. Mai 2015  / Alter: 4 Jahre

Die permanente automatische Aufzeichnung der Welt: Grundlage für das Medien-Literatur-Experiment „Megapixel“ bilden 5000 Fotoaufnahmen, Schnappschüsse aus einem Tag im Leben dreier Hildesheimer Bürger. Lucy Fricke, Jakob Nolte und Heinz Helle nehmen sich dieser Materialflut an und haben drei Erzählungen geschrieben. Matthias Friedrich sprach mit Clara Ehrenwerth und Victor Kümel, die die Veranstaltung organisieren und an der Universität Hildesheim „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ studiert haben.

Transparenzgesellschaft als Versuchsanordnung: Welche Geschichten erzählen die Gadgets der permanenten Überwachung? Dieser Frage gehen Clara Ehrenwerth und Victor Kümel, Literaturabsolventen der Uni Hildesheim, nach. Bilder aus dem Alltag dreier Hildesheimer. Fotos: Megapixel

Könnt ihr kurz beschreiben, wovon euer Projekt handelt?

Das Projekt Megapixel handelt von drei Menschen aus Hildesheim, die sich über einen Aufruf in der Zeitung bei uns gemeldet und sich bereiterklärt haben, einen Tag ihres Lebens – den 19. März 2015 – mit einer Mini-Kamera zu dokumentieren, die alle 30 Sekunden automatisch ein Bild macht. Es handelt außerdem von den der Autorin Lucy Fricke und den Autoren Heinz Helle und Jakob Nolte, die aus diesem Materialberg von knapp 5.000 Schnappschüssen drei Erzählungen gemacht haben, die als Videos im Internet veröffentlicht werden. Wovon die Erzählungen selbst handeln, wissen wir noch nicht, da die Autor_innen zum Zeitpunkt dieses Interviews noch an ihnen arbeiten. Was wir aber annehmen, ist, dass sie implizit auch von der Zeit erzählen werden, in der sie (technologisch, gesellschaftlich) möglich sind. Etwas zugespitzt haben wir formuliert: Megapixel Hildesheim handelt von den Erzählungen der Transparenzgesellschaft.  

Wie seid ihr auf „Megapixel“ gekommen, seid ihr zuerst auf den Narrative Clip gestoßen? (Im Namen dieses Geräts liegt ja schon ein literarisches Potenzial, auch wenn nicht nur Autoren ihn benutzen können, sondern vor allem die breite Masse.)

Ja, wir sind tatsächlich zuerst auf den Clip gestoßen und haben uns herausgefordert gefühlt, das Motto des Start Ups – „Get Narrative!”  – einfach mal wörtlich zu nehmen und zu fragen: Was erzählt denn eigentlich diese Technologie und was kann man mit ihr erzählen? Um das zu untersuchen, haben wir Autorinnen und Autoren eingeladen, sich das einmal näher anzuschauen. 

Welche ästhetischen Fragen stellt „Megapixel“ eurer Ansicht nach?

Die wesentliche, gar nicht unbedingt zuerst ästhetische, sondern auch gesellschaftliche Frage ist: Welche Geschichten erzählen diese Gadgets der permanenten (Selbst-)Überwachung, die unsere Gegenwart in zunehmend dichter Abtastungsrate erfassen? Was geschieht, wenn wir die dabei entstehenden Informationen in fremde Hände geben? Und was lässt sich mit den Mitteln der Literatur darüber sagen? Was passiert, wenn literarische Verfahren an diese Welterfassungsmaschinen gekoppelt werden, wenn Autoren sich dieser neuen Materialflut annehmen? Wir gehen davon aus, dass Lucy Fricke, Heinz Helle und Jakob Nolte darauf sehr unterschiedliche Antworten geben werden.

Inwiefern bereichert technisches Enhancement die Vielfalt literarischer Methoden?

Die Autorin und die beiden Autoren haben sich auf das Experiment eingelassen, ausgehend von biografischem Bildmaterial einen Text zu schreiben und diese Erzählung als Foto-Film zu arrangieren. Ein „neues” Format, das man vielleicht literarische Diashow oder Autorenfotofilm nennen könnte. Uns war wichtig, dass die Fotos nicht nur Ausgangspunkt für einen Text sind, sondern die Autor_innen beide Ebenen bearbeiten und zusammenführen. Eine rein literarische Methode wäre, 24 Stunden lang Notate zu machen und daraus einen Text zu schreiben. Im Gegensatz dazu bleibt der literarische Text in diesem Fotofilm-Format in Spannung zum realen Leben. Insofern hoffen wir schon, dass sich durch dieses Erweiterung etwas Neues herstellt, das für die Autoren wie für das Publikum eine bereichernde Erfahrung ist.

Wie ordnet sich euer Verfahren in zeitgenössische Literatur ein, die ja sehr stark von einzelnen Protagonisten als Ich-Erzählern ausgeht (zum Beispiel Karl Ove Knausgårds autobiographischen Romanzyklus)?

Die Autor_innen haben keine biografischen Informationen zu den Personen bekommen, von denen die Bilder stammen. Der Versuch ist also nicht, einen biografischen Text über diese realen Personen zu schreiben, sondern zu schauen, was das Bildmaterial an ästhetischer und narrativer Qualität – losgelöst von den biografischen Personen – transportiert und was sich damit anfangen lässt. Mit welchen literarischen Mitteln die Autor_innen das Material bearbeiten, steht ihnen völlig offen: Sie können in Ich-Perspektive schreiben und die Chronologie der Fotografien auf Textebene nachvollziehen oder auch vollkommen dagegen arbeiten.

Begünstigt das Schreiben, das vom Bildmaterial des Narrative Clip ausgeht, die Entstehung einer auf die Jetztzeit angepassten „Neuen Subjektivität"?

Was wir an Gadgets wie dem Narrative Clip spannend finden, ist die permanente automatische Aufzeichnung der Welt. Die Fotos, die dabei entstehen, sind keine bewussten Mitteilungen eines Subjekts, sondern unbewusste Meldungen. Nicht nur, weil es Bilder sind, könnte man behaupten: Das ist das Gegenteil von Literatur. Es ist aber symptomatisch für unsere Zeit, dass wir zunehmend in der Situation sind, mit unseren Handlungen automatisch Daten zu generieren, die an anderer Stelle gelesen, interpretiert und verwendet werden – für uns wie gegen uns. Wir hoffen, mit diesem Experiment einen Rahmen zu geben, in dem die Autoren sich diesen Fragen mit literarischen Mitteln nähern können. Gar nicht, indem sie sich inhaltlich mit dem Thema Transparenzgesellschaft auseinandersetzen, sondern indem sie es konkret ausprobieren: Was bedeutet es, über diese Bilderflut zu verfügen, die unmittelbar aus der Privatsphäre eines gerade jetzt und nur Kilometer entfernt lebenden Zeitgenossen stammt? Was erzählt mir das, und wie, mit welchen literarischen Mitteln, kann ich das erzählen? Die Autoren werden, zumindest probeweise, Strategien finden müssen, wie sie das in den Texten lösen. Darauf sind wir sehr gespannt.

Würdet ihr, bevor ihr einen neuen Text anfangt, selbst den Clip als Recherche- und Erinnerungsspeicher nutzen?

Nur bedingt. Wir haben den Clip intensiv am eigenen Leib getestet, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was das mit einem macht und welche Bilder dabei entstehen. Wenn man sich die Bilder eines kompletten Tages ansieht, sind sie natürlich sehr dicht an einem dran und deshalb eher banal. Im Megapixel-Versuchsaufbau werden diese intimen wie banalen Bilder aber aus dem privaten Rahmen genommen und in die Hände von Erzählern gegeben. Die Autor_innen greifen durch die Bearbeitung des Materials zwar nicht tatsächlich in die Lebensrealität dieser Menschen ein. Aber sie rücken in diesem Versuch ziemlich dicht an diesen Punkt heran.

Megapixel in Hildesheim

Die Autorinnen und Autoren laden ein zu einer szenischen Lesung ins Theaterhaus Hildesheim. Einblicke in das Projekt „Megapixel“ geben sie am Mittwoch, 13. Mai 2015, um 20:30 Uhr. Clara Ehrenwerth und Victor Kümel, die Megapixel entwickelt haben, haben am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim studiert. Sie arbeiten als „Ehrenwerth & Kümel" zusammen und entdecken neue Literaturformate. Während des Studiums haben sie das Literaturfestival „Prosanova" und die Literaturzeitschrift „Bella triste" produziert. Die Stiftung Niedersachsen, der Landschaftsverband und die Friedrich-Weinhagen-Stiftung unterstützen das Medienprojekt.

Deutschlandfunk, „Megapixel Hildesheim: Wenn aus Fotos Texte werden", 12.05.2015 (Audio, Text)

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, 05121.883-90100, presse@uni-hildesheim.de)

Von: Pressestelle, Isa Lange

Transparenzgesellschaft als Versuchsanordnung: Welche Geschichten erzählen die Gadgets der permanenten Überwachung? Dieser Frage gehen Clara Ehrenwerth und Victor Kümel, Literaturabsolventen der Uni Hildesheim, nach. Bilder aus dem Alltag dreier Hildesheimer. Fotos: Megapixel